»Masse Buch« oder Wer soll das alles lesen?

Ein kleiner Essay, den ich im Zuge eines Seminars verfaßte, möchte ich euch hier gern zum Lesen und Kommentieren geben.

 

Wie viele Bücher können Sie, lieber Leser, im Monat lesen? Zwei oder drei? Oder zählen Sie gar zu den Viellesern, die gut und gern auch mal bis zu fünfzehn lite­rarische Werke durchschmökern? Egal welcher Kategorie Leser Sie angehören, egal für welches Genre Ihr Herz schlägt, Sie werden es niemals schaffen, sämtliche Neuer­scheinungen, die Tag für Tag den deutschen Buchmarkt erreichen, auch zu lesen. Das glauben Sie nicht?

Die Zahl der jährlichen Neuerscheinungen (ungeachtet der Neuauflagen und der sich stetig vergrößernden Backlist der Verlage) wächst kontinuierlich an und scheint derzeit kein Limit zu kennen. Allein im letzten Jahr (2013) entließen die deut­schen Verlage rund 94.000 Neuerscheinungen in die Buchhandlungen des Landes und den Onlinemarkt. Davon nimmt die Belletristik mit knapp 35% der verkauften Bücher die größte Warengruppe ein, direkt gefolgt von Kinderbüchern, Ratgebern und Sachbüchern. Doch wofür das alles und wer kontrolliert die Qualität der Litera­tur, die unter die Leserschaft gebracht werden soll? Und ist literarische Qualität in diesen Zeiten überhaupt noch von Interesse? Wenn man dem Credo vieler Selbstver­leger und Nischenverlage glaubt, darf man das gute Gespür für Literatur durchaus beim Käufer voraussetzen.

Da gehe man also in eine größere Buchhandlung und stehe vor den Regalen und Tischen, die stapelweise – denn Bücher scheinen langsam aber sicher Stapelware zu werden – die neusten Neuerscheinungen der Woche präsentieren. Meist grell mit Werbesprüchchen vom Verlag, aus Zeitungen oder diversen Rezensionen dekoriert, versuchen sie sich dem Leser anzupreisen, versprechen ein neues Leseerlebnis, eine neue Liebesgeschichte, einen neuen Ermittler oder neue Diättipps. Und der verwirrte Leser steht mit der aktuellen Bestsellerliste, den Laienbewertungen auf Amazon und einem Lesetipp von den besten Freunden bewaffnet vor dieser sich täglich wandeln­den Masse und greift schließlich zu irgendeinem beliebigen Buch, das seinem Ge­schmack am ehesten zu entsprechen scheint. Und was ist es dann? Nicht mehr als der tausendunderste Aufguss einer längst bekannten Story, Aufbau und Charaktere sind stereotyp, die Geschichte hinkt an allen Ecken und Kanten. Oder es landet der nächs­te Lebensratgeber im Einkaufswagen, der mittels hundertmal durchgekauter Küchen­psychologie versucht, den leidgeplagten Menschen, die da draußen stündlich versu­chen, erfolgreich und berühmt zu werden, zu Wohlstand und Zufriedenheit zu verhel­fen. Ob erfolgreich oder nicht, das muss jeder Leser für sich selbst entscheiden.

Es bleibt zu fragen, wem diese Masse nützt, wenn nicht allein der Wirtschaft­lichkeit – dem Maximierungsprinzip, mit möglichst vielen Wirtschaftsgütern in mög­lichst kurzer Zeit möglichst viel Umsatz zu machen. Und das auch gern auf Kosten der Qualität. Lektoren kommen nicht mehr hinterher, das Korrektorat wird des öfte­ren mangelhaft durchgeführt, wenn es bei Selbstverlegern nicht gleich gänzlich weg­fällt, und es verbleiben Fehler über Fehler im Text. Auch die Buchgestaltung und -ausstattung wird nicht selten fast stiefmütterlich behandelt. Das Gros der Leser merkt’s ja sowieso nicht, mag man zu Recht meinen. Journalisten und Schriftsteller warnen bei zunehmender Massentrivialisierung vor dem Verlust des li­terarischen Ni­veaus, wie wir es bei Hermann Hesse oder Thomas Mann so schätzen. Das Buch steht immer im Widerspruch zwischen Kultur- und Wirtschaftsgut, doch je mehr es als rei­nes Gewinnobjekt betrachtet und gehandhabt wird, umso mehr ver­schwindet der rein kulturelle Charakter und es wird zu einer Konsumware, die nur dem kurzfristigen Vergnügen dient und danach ruhigen Gewissens entsorgt werden kann. Man erinnere sich hier nur »50 Shades of Grey« von der britischen Schriftstel­lerin E. L. James. In Millionenauflagen gedruckt und unter die Leute gebracht, die den Fanfiction-Softporno, zu dem der Literaturkritiker Denis Scheck sagte, es sei »Schrottprosa zwi­schen zwei Buchdeckeln«, mit Begeisterung lasen. Aber was da­nach? Nachdem man sein kurzfristiges Vergnügen hatte und nach dem nächsten Abenteuer sucht? Man versuchte, die Masse an bedrucktem Papier loszuwerden, Menschen ließen ihre Bü­cher irgendwo liegen und vergaßen den Inhalt schneller als sie das Buch lesen konn­ten. Kann man dann sagen, dass der Leser ein Gespür für gute Literatur beweist und in der Lage ist, einem Perlentaucher gleich die Perlen aus den glitschigen Algen herauszusu­chen? Für den Großteil der Leserschaft zählen nur noch Unter­haltungswert und Schlagworte, die ihnen die Werbungen vorgeben. Und der Preis. Und für diese Leser werden der Großteil der Bücher, die man bei Hugendubel oder Thalia in den Regalen und Ramschtischen findet, gemacht. Nicht für Qualität, son­dern für massenwirksame und flüchtige Unterhaltung laufen die Rotationsdruckma­schinen und Klebebinder, denen die Verlage die Aufträge vergeben.

Kann man das Buch denn überhaupt noch als Kulturgut verorten oder wird es nicht doch immer mehr ein massenhaft gestreutes, orientierungsloses Konsumgut? Eine Massenware, die ohne weiteren längerfristi­gen Nutzen für die Gesellschaft ist, weil sie kurzlebig und vergänglich ist? Sicherlich, unterhaltende Literatur gab es schon immer und mit der Leserevolution im 18. Jahrhundert wurde das Be­dürfnis danach immer größer, aber mit jedem Jahr mehr wächst der Berg an literarischen Nichtigkeiten, die ihrerseits Leser suchen und zumeist auch finden. Den Überblick über alle Neuerscheinungen hat man längst verloren, die Suche nach der feinen Lite­ratur, die über das Unterhaltungsmaß hinausgeht, wird immer schwerer.

Und das alles für drei Tage abendlich-seichter Ablenkung vom Alltag.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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2 Kommentare zu “»Masse Buch« oder Wer soll das alles lesen?

  1. Ein sehr schöner kurzer Essay. Die Gedanken, die du in ihm ausdrückst, laufen mir auch gelegentlich über den Weg. Ich muss gestehen, dass mir vor allem Selfpublisher im Jugendroman- und Fantasybereich des öfteren ein Dorn im Auge sind. Da geht es nicht darum, ein Buch zu schreiben, das geschrieben werden will, sondern darum, ein bestimmtes Produkt, das gerade in Mode ist, zu verkaufen. Die Charaktere sind nicht nur Stereotype, sie sind schlicht leere Hülsen, die vom Leser selbst erst mit Leben gefüllt werden müssen. Äußerlich aber, da stimme ich dir zu, gleichen sie einander und bedienen die im jeweiligen Genre vorherrschenden Ideale. Mir schmeckt das ganz und gar nicht. Auf der anderen Seite muss man aber auch sagen, dass es „Schundliteratur“ wirklich schon immer gegeben hat und so wie die Bevölkerung exponentiell anwächst, wachsen auch die Konsummärkte exponentiell an. Wer kann schon sagen, ob es mehr Schrott gibt, als zu anderen Zeiten. Vielleicht hält es sich ja die Waage und die von dir thematisierten Perlen der Literatur waren schon immer schwer auffindbar. Die Suche nach ihnen lohnt sich ja durchaus!
    Man muss sich vielleicht die Frage stellen, die man sich auch vor dem Marmeladenregal stellt: „Brauche ich 30 verschiedene Vampirromane?“ Und vielleicht ist die Antwort gar nicht: „Nein, natürlich nicht.“ sondern „Ja, damit das nach Individualität strebende Ego seine eigene Marke finden kann.“

    Danke auf jeden Fall für diesen schönen Beitrag! Sehr gut geschrieben 🙂
    Ganz liebe Grüße!

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