Das besondere Buch.

Wenn es um Buchgestaltung geht, dann spricht man auch immer von einer Einheit aus Gestaltung und Inhalt. Das Äußere unterstreicht das Innere, wie das Innere das Äußere beeinflußt.

Gelungen umgesetzt finde ich genau diese Idee einer Covergestaltung bei der Designerin Elizabeth Perez. Ihr Umschlagdesign zu Ray Bradburys wohl bekanntestem Dystopieroman »Fahrenheit 451« verbindet klare, nüchterne Typographie mit dem genialen Einfall, das Element des Feuers und der Bücherverbrennungen, die im Buch thematisiert werden, zu verbinden, indem sie dem Buch selbst den Charakter einer Streichholzschachtel gibt, dem, zur 1 stilisiert, ein Streichholz beiliegt, das an der am Buchrücken angebrachten Reibefläche entzündet werden kann.
Nun bleibt nur noch die Frage, zu welchem Zweck das Feuer dienen soll: zur Vernichtung von Ideen oder zur Erleuchtung neuer Gedanken, die bei der Lektüre von – auch brisanten – Büchern entstehen werden?

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Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

 

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The Beauty and the Book

Nicht die Schöne und das Biest – nein, hier wird das schönste Buch gesucht und ausgezeichnet. Das Besondere daran ist, anders als Die schönsten deutschen Bücher, seit sechzig Jahren jährlich ausgerichtet von der Stifung Buchkunst, sitzt hier keine Expertenjury in … Weiterlesen

»Planet Magnon« von Leif Randt

Wäre eine Welt, in der die Gefühle der Menschen keine Bedeutung mehr haben und noch reines Denken zählt, ein Paradies oder ein Alptraum? Und wäre es überhaupt mög­lich, einem Menschen seine Emotionalität abzugewöhnen? Marten Eliot ist Spitzenfellow des Kollektivs Dolphin … Weiterlesen

»Dunkelsprung. Vielleicht kein Märchen« von Leonie Swann

Zauberei, Magie und unbegreifliche Illusionen haben die Menschen seit jeher begeistert und angezogen. Zahlreiche Fabelwesen hüpfen durch die Sagen und Märchen aller Völker und allerlei Panoptiken wanderten schon durch die Lande, um ihre Kuriositäten einem neugierig-staunenden Publikum zu präsentieren.

Julius Birdwell ist talentierter Juwelier mit eigenem Geschäft in London sowie passionierter Flohzirkusdirektor mit eigenen kleinen blutsaugenden Artisten. Als er eines Tages bei einem halbherzigen Selbstmordversuch in die Themse stolpert, begegnet er einer Nixe, die ihm ein Versprechen abnimmt: Er soll nach einer weiteren schuppigen und befloßten Dame suchen, die sich in den Fängen eines bekannten Zirkusdirektors namens Fawkes befindet und sie zurückbringen. Dabei bekommt er bald Unterstützung von einer Frau mit Hörnern namens Elizabeth Thorn, dem unter Gedächtnisverlust leidenden Detektiv Frank Green mit grünem Drachen und der alten, aber resoluten Rose Dawn mit ihren mystischen Wesen.

»Nur weil Sie etwas nicht sehen können, heißt das noch lange nicht, dass es nicht da ist.« (S. 194)

Leonie Swann, geboren 1975 in der Nähe Münchens, hat schon mit denen beiden Bestsellern »Glenkill« und »Garou« gezeigt, daß Tiere in ihren Romanen eine große Rolle spielen. In dem kürzlich bei Goldmann erschienenen Roman »Dunkelsprung. Vielleicht kein Märchen« bleibt sie dieser Linie treu.
Allein schon die Umschlaggestaltung wird den einen oder anderen potentieller Leser fantasiereicher Geschichten aufmerksam gemacht haben. Mit seinen Ranken, Schnörkeln und Motiven wirkt es wie eine schöne Zirkuskarte, die den Leser in ein wundervolles Reich entführen will.

CoverIch denke, Swann wählte nicht umsonst die Kulisse Londons, um ihre Erzählung zu entspinnen; gelten die Briten doch seit langem als sehr gespensteraffin. Es spukt, kreucht und fleucht nicht nur in englischen Märchen kräftig, auch viele Burgen und Schlösser der Insel gelten heute noch als Geisterhochburgen und Elfen und andere mythologische Wesen sollen Wälder und Wiesen bevölkern. Der Autorin gelingt so meist der heikle Spagat zwischen Darstellung des modernen Menschen, der magische Wesen für unmöglich hält und denen, die daran glauben (und auch überzeugt sind, solchen Wesen begegnet zu sein). An manchen Stellen verschwimmen die Grenzen immer ein wenig und wenn der Leser nicht über Handys, Computer und dergleichen stolpern würde, entsteht im Kopf oft das Bild einer magisch angehauchten Welt des Mittelalters oder der frühen Neuzeit. Swann hält sich nicht lang mit detaillierten Umgebungsschilderungen auf, hier und da fallen ein paar Straßennamen, die dem Leser durchaus bekannt sein dürften, sonst aber überläßt sie es ihm, sich die Lokalitäten vorzustellen. Da fallen Beschreibungen der magischen Wesen doch weit umfangreicher und bunter aus, wobei die Autorin auch den klugen Schachzug tat und die Kreaturen bekannten tierischen Paten ähneln –man findet Schnecken-, Reh- und Fuchsartige. Das lenkt die Fantasie natürlich auch ohne große Worte in eine bestimmte Richtung, macht sich dann aber bemerkbar, wenn ein Wesen kein tierisches oder florales, bekanntes Vorbild hat, wie das beispielsweise bei Hunch oder Thistle der Fall ist.
Dieses Buch wäre aus diesen Gründen aber perfekt für schöne Illustrationen geeignet.

Die große Stärke liegt aber besonders im erzählerischen Duktus. Ähnlich einem Märchen werden mit zahlreichen Metaphern und Bildern gearbeitet, oft Vergleiche gesucht und auch gefunden. Zwar nicht immer ganz rund und stimmig (»Ihr Gesicht ist glatt wie ein Teich […]« S. 14), aber in Mehrzahl gut gewählt, oft auch ungewöhnlich und kreativ. Auch auf ein, zwei erzählerische und stilistische Fehler stößt man aber beim Lesen. So wird beschrieben, wie sich Elizabeth nach der Fütterung mit Milch, die wie eine Droge für die Wesen ist, sich vor der Tür übergibt und »unbarmherzig jeden letzten Tropfen Milch wieder aus sich herauswürgte« (S. 326).
Der Satzbau ist in der Regel sehr einfach gehalten und von Parataxen geprägt, sodaß man den Satzfaden nicht verlieren kann. Ein wenig Abwechslung hätte da aber keineswegs geschadet und die Erzählung syntaktisch aufgelockert. Eine Erzählung, die sehr auf Dialogen und verbalisierten Gedankensätzen fußt. Und hier liegt auch ein Knackpunkt, der mir mit fortschreitender Erzählung immer mehr und immer öfter ins Auge stach: die unnötige Wiederholung der Namen der Personen, sei es in Schilderungen oder Dialogen – als könne sich der Leser diese nicht merken.

»Nur gut, dass Green nicht viel auf seinen Teppich hielt! Jedes Mal, wenn Hunch den Hahn öffnete, stieg eine dicke Luftblase durch das grünliche Wasser nach oben, und bei jeder Luftblase stieß Hunch sein albernes Vogelkichern aus.
Green sah der Sache eine Weile zu […]
Hunch wandte sich sehr langsam und sehr widerwillig von dem Wasserspender ab und erinnerte Green dabei unangenehm an ein Rhinozeros […]. Green […] schluckte.
Hunch rieb sich die kleinen Spinnenhände, und dann, Schritt für Schritt, kam er auf Green zu. Green spürte wieder das alarmierende Kribbeln in seinem Nacken.«
(S. 130)

Dieses auffällige Fehlen von verschiedenen Pronomen läßt den Text an manchen Stellen unfertig und ungeschliffen erscheinen und das ist in Hinblick auf das fantasievolle Erzählgebilde betrüblich.
Es schlummert aber viel philosophisches und nachdenkliches in der Erzählung, interessante Fragestellungen, nette Denkanstöße. Jeder Protagonist erhält sein eigenes Kapitel, in dem, die chronologische Erzählung nicht unterbrechend, ihre Besonderheiten in den Fokus gestellt wurden. Und so hat jeder auch seine Probleme und damit verbunden werden individuelle Leitsätze. Im Besonderen geht es um die Wahrnehmung und die Frage um die tatsächliche Realität, wobei Swann an der Existenz magischer Wesen wenig Zweifel läßt. Julius Birdwell zeigt, inwiefern Dinge, die man nicht sieht (allein seine Flöhe sind klein, aber bewegen Großes), trotzdem existent sind, Green stellt die Frage nach der eigenen Persönlichkeit und der Möglichkeit, seine Individualität zu formen und inwieweit Erinnerungen unauslöschlich sind und Fawkes mit seinen Wesen stellen nicht nur Swanns Figuren vor die Frage nach Gefangenschaft, Abhängigkeit und Freiheit.

Auch Humor kommt nicht zu kurz und immer wieder darf man hier und da herzhaft auflachen, wenn es Swann gelingt, ein abstruses und überaus komisches Bild zu kreieren, das durch die Verknüpfung aus Fantasieelementen und der uns bekannten Wirklichkeit immer wieder entsteht. Gegenstände und Tiere werden vermenschlicht, ihnen werden Verhaltensweisen nahegelegt, die sie ins Komische verkehren. Als es in einer Bibliothek zum Kampf zwischen den aus Fawkes Haus geflohenen Wesen und denen, die sie wieder zurückholen wollen, kommt, beteiligen sich auch die Bücher aus den Regalen rege an der Fehde und attackieren den verdutzten Hunch. »Hunch schlug sie aus der Luft wie lästige Schmetterlinge, aber ab und zu traf ihn ein beherzter Foliant am Kopf, oder es gelang einer kritischen Ausgabe, nach seiner Hand zu schnappen. Shakespeares gesammelte Werke hängten sich an den Saum seines Trenchcoats und hielten ihn fest.« (S. 222)

Es war ein gutes und auch bezauberndes Buch. Zwar gibt es schon einige Romane, die sich der Magie und der zauberhaften Welt des Zirkuslebens annehmen (so zum Beispiel Morgensterns »Der Nachtzirkus«), doch Swann hat mit der Idee, einen Flohzirkus mit seinen kleinen Artisten in den Blickpunkt zu setzen und Figuren aus dem Zirkus- und Geistesleben zu wählen, die verbrieft sind, auch neue Akzente in diesem Genre gesetzt.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

Buchmesse Leipzig 2015 Tag 1

Da geht er zu Ende, der erste Tag der Leipziger Buchmesse 2015 und einiges an Eindrücken konnte ich aus den knapp neun Stunden, die auf dem großen Gelände zubrachte, sammeln. Diese Buchmesse ist geradezu ein Gegenentwurf zur Frankfurter Buchmesse. Auch wenn der Donnerstag und Freitag als Fachbesuchertage ausgeschrieben ist, war es keine Fachbesuchermesse. Ströme aus Cosplayern und Schulklassen jeglicher Jahrgangsstufe fluteten die Hallen. In Halle 1 – der beworbenen Comic- und Manga-Messe war ich gar nicht erst. Diese kommt erst morgen dran. Dafür habe ich es mir heute ausgiebig in den Hallen 2, 3 und 4 heimisch gemacht. Den Hallen für die Fach- und Sachbücher und Belletristik.

IMG_3818Zuerst habe ich gleich zu Beginn der Messe mich zum Stand der schönsten Bücher aufgemacht und wie so oft lautet mein rein laienhaft ästhetisches Empfinden: die Gewinnerbücher waren bei weitem nicht so schön und prämierungswürdig wie die nachrückenden unprämierten, aber doch ausgestellten Werke. Die Goldene Letter bekam der Belgier Paul Elliman mit seinem Katalog-Buch-Hybriden, die Goldmedaille ging in die Schweiz für ein Druckwerk, das eher einem kommunistischen Verein zur Architektur entsprungen sein kann.

Dann war der obligatorische Besuch bei Denis Scheck und seiner Sendung Druckfrisch auf dem Plan und wie immer darf ich konstatieren, daß seine Verrisse der neuesten Bücher einfach herrlich ist. pointiert und bissig. Diesmal traf es ganz hart Paul Sahners Biographie Merci, Udo!, für das Scheck wenig löbliche Worte fand.

Die Diskussion um das Selfpublishing wurde in einer kurzen, wenig Neues bringenden Debatte zwischen der Selfpublishing-Autorin Emily Bold, Iris  Kirberg (Bod) und der Buchhändlerin Sievert zum Ausdruck gebracht. Dabei war es erfrischend zu hören, wie Sievert auch offen und ehrlich die oft grassierende Selbstüberschätzung vieler Selfpublisher ansprach und damit den einhergehenden Qualitätsverlust, der sich oftmals auch schon von außen erkennen ließe – Stichwort: Cover ist das selbstgemalte Aquarellbild der Tochter. Aber auch Bold machte anderen Selfpublishern Mut, Kreativität, sofern vorhanden, an den Tag zu legen und sich nicht von Rückschlägen kleinkriegen zu lassen.  IMG_3829

Los ging’s ab 15 Uhr mit der Bildungsrundreise, angefangen mit einem interessanten Vortrag des Walddorflehrers Edwin Hübner zum Thema Kinder stark machen im Web 2.0. Er vertritt die Meinung, daß Kindern und Jugendlichen auf lange Sicht nur ein verantwortungsvoller Umgang anerzogen werden kann, wenn sie durch Erlernen die Mechanismen hinter dem Gerät verstehen, wie es wirklich funktioniert. Für ihn vergleichbar mit dem Erlernen der Schrift oder dem Verständnis von Bildern, denn erst Handlungssicherheit bringt Verständnissicherheit und damit Urteilsfähigkeit. In der Theorie eine schöne Illusion und – wie er selbst auch zugab – für eine Walddorfschule durchaus praktikabel. Nicht aber für andere Schulformen und für das Leben. So schön es wäre, wenn alle einen bewußteren und weniger getriebenen Umgang mit diesen Medien an den Tag legten.
Dieses wenngleich etwas naiv anmutende Plädoyer wurde aber gleich mit nachfolgenden Vorträge zur Medialität in Schulen negiert und fast in der Luft zerfetzt. Der nachfolgende stellte das System Muuvit vor – ein Programm, das, gestützt von den Krankenkassen, Schüler dazu motivieren soll, sich doch mehr zu bewegen. Für eine virtuelle Bildungsreise im digitalen Nirgendwo, wobei sie Punkte sammeln und mit recht nutzlosen Informationen für ihre sportlichen Leistungen belohnt werden. Wo da der wirklich edukative Effekt bleibt, ist mir doch schleierhaft.
Und der letzte Vortrag für den Donnerstag – dann war der Messetag schon so gut wie vorbei und die ersten Stände machten die Schotten dicht – war dann eine praktische Vorstellung der neuen Edukations-Software Classflow. Eine Ergänzung zum schon bekannten Whiteboard. Mittels dieser Software, die über einen großen Touchscreen – ähnlich einer der albackenen und bald wohl nur noch bei Antiquitätenhändlern zu findenden Tafeln – bedient wird, ist es dem Lehrer möglich, Dokumente, die er gerade am Touchscreen bespricht, an die Tablets und Smartphones der Schüler zu schicken, die sich mit ihren digitalen Endgeräten ins Programm einloggen und mitmachen. Wenn sie denn mitmachen und nicht die Gunst der Stunde nutzen. Chats und Spiele könnten dann doch wieder weit interessanter sein. Doch da zeigt man sich im Entwicklerteam noch motiviert und überläßt das lieber den Lehrern.

Der krönende Anschluß des Tages war dann eine schöne Lesung in der Juristenbibliothek. Hier las Ernst Reuß aus seinem 2014 erschienen Buch Mord? Totschlag? Oder was? vor und kommentierte die vier vorgestellten, abstrusen und zum Teil wahnwitzigen Rechtsfälle mit einer gehörigen Prise Ironie.

Damit ging ein langer, langer Tag zu Ende und morgen geht’s dann in aller Frische zum zweiten Tag der Leipziger Buchmesse. Der Terminplan ist jedenfalls wieder gut gefüllt.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

»Der Fall Moriarty« von Anthony Horowitz

Es war ein Schock, der vielen Menschen den Atem verschlug, und ein Wort war 1891 in aller Munde: Reichenbach. Die berühmte Wasserfallkaskade des Reichenbachs in der Nähe des beschaulichen Schweizer Örtchens Meiringen war Schauplatz für das Zusammentreffen der zwei bekanntesten Figuren der Zeit geworden: der Londoner Detektiv Sherlock Holmes traf auf seinen kriminellen Widersacher James Moriarty. Und dieser Schlagabtausch endete offensichtlich für beide tödlich, als sie, miteinander ringend, in die Tiefe des Reichenbachfalles fielen. Scotland Yard schickt daraufhin den Ermittler Athelney Jones nach Meiringen, um die Leiche Moriartys, die man aus dem Strom fischte, zu untersuchen. Dort trifft er auf den Detektiv Frederick Chase, der von der amerikanischen Agentur Pinkerton geschickt wurde, um sich auf die Suche nach dem Verbrecher Devereux zu machen, der aus Amerika nach Europa kam, um mit Moriarty zu kooperieren. Ein Brief in der Tasche des Toten verweist auf London und schnell wird klar, Devereux, der sich vor der Öffentlichkeit – wie einst Moriarty – nicht zeigt, verschanzt sich dort und für Jones und Chase, die sich rasch anfreunden, wird es zu einem gefährlichen Fall.
The game is on.

(suhrkamp.de)

Da ist er, der Nachfolgeroman zum grandiosen Sherlock-Holmes-Roman »Das Geheimnis des weißen Bandes« (von mir dereinst hier rezensiert) des britischen Autoren Anthony Horowitz. Es heißt passend zum diesmaligen Protagonisten »Der Fall Moriarty« und erschien im letzten Jahr im Insel Verlag. Schon allein optisch kann ich dieselben lobenden Worte für das Buch finden, auch wenn man wohl aus ökonomischen Gründen hier schon erste Abstriche machte und einfach mal das Lesezeichenbändchen wegließ. Sicherlich kein Weltuntergang und für das Gros der Leser noch nicht einmal einer kurzen Notiz wert, aber doch eine Einbuße in der Buchqualität.

Viel wichtiger ist aber fernab von buchkünstlerischen Aspekten der Inhalt zwischen den Buchdeckeln. Und da steckt doch eine ganze Menge Athelney Jones, Frederick Chase und Clarence Devereux samt Handlanger drin.
Und wenig Sherlock Holmes und John Watson.
Gut, ersterer war ja offiziell wie sein Gegenspieler im Reichenbachfall ums Leben gekommen (man weiß es heute besser), aber gerade John Watson vermißt man doch sehr und außer einiger Erwähnungen seiner Person tritt er nicht einmal in Erscheinung, was verwunderlich ist, wenn man doch bedenkt, wie nah auch ihm der Tod seines Freundes gegangen war. Dafür dürfen sich Chase und Jones, der ein glühender Verehrer Holmes‘ ist, immer mehr zum Nachfolgepärchen des berühmten Duos etablieren und das dürfte gerade Jones sehr gefallen haben, sieht er sich doch zusammen mit seinem Partner schon eine Detektei in der Bakerstreet eröffnen. Ich möchte aber die Figuren hier gar nicht so negativ zeichnen, wie es vielleicht wirkt, auch wenn ich noch im Leseprozeß sehr dazu neigte. Jones wirkte mit seiner fanatischen Fanliebe irgendwann doch leicht überzeichnet – wollte er zu sehr Sherlock Holmes sein und war es schlußendlich doch viel zu wenig. Aber gerade das war notwendig, wie man am Schluß des Romans merkt, in dem der Erzähler zugeben muß, daß »Jones [als] Kriminalist so scharfsinnig und brillant, und als Mensch so töricht, naiv und vertrauensselig [war], wie ich es mir nur wünschen konnte« (S. 325). So ist Jones doch ein recht gelungener, weit emotionaler Gegenentwurf zu seinem Vorbild geworden, dem er nacheifert, ihn aber nie erreicht. Ein kluger Schachzug auch von Horowitz, denn ob Liebhaber des Kanons ihm das verzeihen könnten, hätte er ernsthaft den Versuch unternommen, ein Ebenbild des Detektivs zu schaffen, ist fraglich. Seine Charakterisierung ist gelungen und umfassend, dafür bleibt Chase oft eher blaß und scheint mehr eine Randfigur zu bleiben. Zusätzlich zu den beiden Protagonisten und dem klaustrophoben und menschenscheuen Schurken Devereux wartet aber noch eine ganze Verbrecherriege auf ihren Einsatz – ein bißchen zuviel und das plustert die Erzählung auf. Man bekommt den Eindruck eines alten Jump’n’Run-Computerspiels, in dem erst die kleinen Bösewichte aus dem Weg geräumt werden müssen, ehe man endlich in den Boss-Battle gehen kann. So ist der Weg bis zur endgültigen Konfrontation mit Devereux eigentlich gar nicht so spannend, hier und da trumpft Jones mit seiner Beobachtungsgabe und holmes’schen Wissen auf und man wartet hier und da auf den einen oder anderen Kriminellen. Trotzallem, und das sollte nicht unerwähnt bleiben, ist es Horowitz wieder gelungen, den Roman gut in den Kanon einzubetten; sei es nur durch die Rahmenhandlung um den Tod Holmes und Moriartys oder auch dank des Auftrittes (des mir auch persönlich sehr liebgewonnenen) John Clay, den man schon in der wunderbaren Erzählung der »Liga das Rotschöpfe« (1891) kennenlernen durfte. Ein paar mehr Anspielungen und Eingliederungen in den Kanon hätten der Erzählung aber sicherlich nicht geschadet und gerade Jones wäre für solche Spitzen prädestiniert gewesen.

Die Kulisse des viktorianischen Londons wurde diesmal leider auch nicht so exzellent getroffen, wie das noch im ersten Band der Fall war. Zwar versucht Horowitz mit der gediegenen Sprache und der Illustration historischer Gebäude und Gefährte das Flair vergangener Zeiten aufkommen zu lassen, aber es ist doch alles zu hektisch und brutal. Es knallt und rumst wie in einem Hollywood-Action-Film und es wird fröhlich ins Gras gebissen, während die Ermittler Scotland Yards wie aufgescheuchte Hühner durch London hüpfen.

Man wird aber auch wieder, wie schon in »Das Geheimnis des weißen Bandes«, mit einem recht aktuellen Thema konfrontiert, wenngleich nicht so detailliert und doch eher als magere Randerscheinung. War es im Vorgängerband noch die Kinderpornografie, die ihren Niederschlag fand, so offenbart sich hier der kleine Bösewicht Clarence Devereux als glühender Verfechter des Vegetarismus, seitdem er durch den Schlachtbetrieb seiner Eltern schon in Kinderjahren ein Trauma erlitt. Gut, kann man machen, ist aber doch gekünstelt: Der klaustrophobische Schurke mit dem Herz für Tiere, dem »der Appetit auf Fleisch schon in Kindertagen verging. Von dem Augenblick an, als ich meine eigenen Entscheidungen treffen konnte, bin ich das geworden, was man einen Vegetarier nennt« (S. 274).

Das ganze Geschehen wird aus der Sicht von Frederick Chase geschildert, der aber keinesfalls ein adäquater Chronist wie sein Pendant John Watson ist. Sympathisch ist er durchaus, aber gerade der Twist am Ende der Erzählung läßt ihn doch als fadenscheinigen Erzähler wirken, der nicht immer glaubhaft zu sein scheint. Trotz allem ist er eine wichtige Figur. Und die Auflösung, die am Ende wartet, ist auch klug und reicht an die bekannten Abschlußvorstellungen des Meisterdetektivs heran, aber kann ihnen trotzdem nicht das Wasser reichen. Dafür ist es zu schnell abgehandelt, zu wenig verschachtelt und zu unoriginell.
So wie der ganze Roman wirklich originelle Wendungen wie noch in »Das Geheimnis des weißen Bandes« sehr vermissen läßt.

Ich weiß, ich berufe mich oft auf den Vorgängerband aus der Feder Horowitz‘, vielleicht auch einmal zu oft. Aber ein Vergleich mit dem vorliegenden Buch läßt sich schwerlich vermeiden, denn in diesem genialen Werk legte Horowitz die Meßlatte hoch an. Und er schafft es nicht – weder dramaturgisch noch stilistisch – dieses Niveau zu halten. Ich bin geneigt zu sagen: ähnlich wie auch sein Protagonist Jones nie das Niveau seines Vorbildes erreichen konnte.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

»Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache« von Kristin Kopf

Sprache ist wie ein Fluß. Verschlungen, mit Stromschnellen, seichten Stellen, Verzweigungen und verschiedenen Zuflüssen.

Mit diesem sehr passenden Vergleich arbeitet Kristin Kopf, wenn sie den Leser mit auf die Reise durch die deutsche Sprache nimmt. Und sie ist eine begeisterte Reiseleiterin, die bemüht ist, ihrem Publikum jede interessante Stelle des Sprachstroms zu zeigen und zu erläutern. Und diese Führung findet auf den knapp dreihundert Seiten ihres im September bei Klett-Cotta erschienen Sachbuches »Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache« statt.

Wußten Sie, daß unsere deutsche Sprache nicht nur bekanntermaßen mit andere europäischen Sprachen wie Französisch oder Griechisch verwandt ist, sondern in seinem Familienkreis auch durchaus Sanskrit und Hindi zu finden sind? Oder warum sich die Dialekte im deutschen Sprachraum zum Teil so gravierend unterscheiden, daß ein norddeutscher Sprecher Schwierigkeiten hat, sich mit einem Süddeutschen zu unterhalten?

Diesen und anderen etymologischen Fragen geht Kristin Kopf, Betreiberin des Sprachlog.de und seit 2010 forschend an der Mainzer Universität im Fachbereich der historischen Sprachwissenschaft tätig, mit Feuereifer nach.

Aufgeklappt wird’s kleine Etymologicum und los geht’s:

Dieses Buch ist seit langem für mich wieder der Beweis, daß es doch möglich ist, ein interessantes, aber auch zugegebenermaßen recht trockenes Thema populärtauglich aufzuarbeiten und dabei nicht in Pseudowissenschaftlichkeit zu verfallen. Kopfs Stärke ist das sehr bildhafte Erzählen, das sich eingängiger Motive bedient, um auch komplizierte Sachverhalte wie die der Lautverschiebungen, deren Resultat zum Beispiel auch die verschiedenen deutschen Dialekte war, anschaulich darzustellen und begreiflich zu machen. Diese Bilder führt sie auch konsequent weiter und baut ihre Reise über den Fluß der Sprache schön aus. Der Leser fühlt sich durch ihre blumige Wortwahl und die Motivation, die aus ihren Worten sprüht, wohlig eingehüllt und auf der Reise behütet, ohne aber in Dämmerschlaf zu fallen und das Gefühl zu haben, nichts aus dem Gelesenen lernen zu können. Und es ist einiges, was man aus diesem Buch an Wissen mitnehmen kann. Dabei liegt der Fokus weniger auf dem hohen Fachwissen, das einem Germanist ständig im Kopf herumspukt, sondern auf der Darstellung, interessanter Aspekte unserer Sprache. Kopf bemüht Begriffe und Idiome, die dem Leser bekannt sind, sie setzt kein großes Grundwissen der Thematik beim Leser voraus. Sätze wie »Da bist Du aber auf dem Holzweg« kennt wohl der Großteil der Leser und hat es auch schon benutzt, ohne sich über den Ursprung dieser Redewendung im Klaren zu sein. Und Kopf klärt auf; mit einem Augenzwinkern, mit Witz und lockerer Art weiß sie jede interessante Biegung des Sprachflusses zu erkunden. Man merkt ihr ihre Begeisterung an etymologischen Fragestellungen an und sie schafft es auch, diese Freude auf den Leser zu transportieren, ihn in den Bann der Worte zu ziehen.

An Stellen, an denen man zum besseren Verständnis vertiefende linguistische Zusatzinformationen benötigt, findet man ein kleines Informationskästchen, das das kompakte und in verständliche Worte gekleidete Wissen beherbergt. Und hier findet sich auch ein weiteres Bonbon für die Ästheten unter uns, die an der Gestaltung in diesem Buch ihre Freude haben werden. Mit schön gestalteten Überschriften, Trennlinien und harmonisch abgesetzten Infomations-Boxen und einem sehr lesbaren Schriftbild macht es das Lesen nicht nur zu einem informativen, sondern auch ästhetischem Erlebnis. Und es ist lobenswert, wenn man auch bei Sachbüchern eine angenehme Gestaltung nicht aus den Augen verliert.

 

Bedauerlichweise findet sich aber auch im Etymologicum ein linguistischer Virus, der sich derzeit bei deutschen Sprachverbessererinnen und Gender-Sprechern ausbreitet und sich mündlich wie schriftlich fest einnistet. Leider macht das -innen-Suffix, mit dem man bemüht ist, das böse generische Maskulinum in seine Schranken zu weisen, einen Text nicht flüssiger lesbar. Im Gegenteil: man stolpert immer wieder über Sätze wie diesen:

»Zur Zeit der Völkerwanderung […] siedelten germanische Völker im Römischen Reich. Im späteren Italien waren das Langobardinnen […], in Südengland die Angeln und Sächsinnen, die dort das spätere Englisch begründeten, und in der Gegend um Worms ließen sich die Burgunderinnen nieder, in deren Mitte […] wenig später ein folgenschwerer Streit um Ehre und sozialen Rang ausbricht und in einem Blutbad endet.« (S. 99)

Das klingt – besonders wenn man es laut rezitiert – fast schon ungewollt komisch, aber allen voran wirkt es lächerlich und gestelzt. Und leider kann Kopf auch von dieser Manie nicht lassen, sodaß immer wieder von Römerinnen und Sprecherinnen die Rede ist.

Wohlgemerkt sollen sich in diesem generischen Femininum auch die Männer mit eingeschlossen sehen.

 

So bleibt aber trotzallem »Das kleine Etymologicum« ein empfehlenswertes Sachbüchlein für Hobbylinguisten, Menschen, die einfach mit interessanten Wissensanekdoten aufwarten wollen oder auch Studenten, die gerade sich in die deutsche Sprachwissenschaft einarbeiten wollen und ihre ersten Kontakte zu Lautverschiebungen geknüpft haben. Es ist trotz der Informationsdichte und des wissenschaftlichen Niveaus einfach zu lesen und auch für Leser mit einem leidlichen Grundverständnis der Thematik rasch zu verstehen und flüssig lesbar.

Ich danke Klett-Cotta für die Zusendung des Rezensionsexemplars.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai