»Lügen über meine Mutter« von Daniela Dröscher

Buchbesprechung., Die Welt der Bücher.

 

»Meine Mutter passt in keinen Sarg. Sie ist zu dick, sagt sie. Nach ihrem Tod soll die Asche nicht in einer Urne aufbewahrt werden, sondern einfach über das offene Wasser zerstreut.«

(S. 5)

Die junge Ela wächst in einem mittelbürgerlichen Milieu in einem kleinen Dorf im Hunsrück der 80er Jahre auf. Und sie wird groß mit den Lügen über ihre Mutter. Immer wieder wird sie mit dem vermeintlichen Dicksein ihrer Mutter konfrontiert, erlebt den Kampf des Vaters um einen sozialen Aufstieg und das gesellschaftliche Klima der Zeit. Dabei reibt sie sich in diesen Konflikten zunehmend auf und muß mehr und mehr erkennen, wie schädlich diese Verhaltensstrukturen innerhalb und außerhalb der Familie wirklich waren und wie einfach sich toxische Verhaltensmuster weitergeben können.

All’ das schildert Daniela Dröscher in ihrem autobiographisch angehauchten Roman »Lügen über meine Mutter« (Kiepenheuer & Witsch 2022), der sicherlich nicht zu Unrecht auf der Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises steht und der auch zu meinem persönlichen Favorit auf den Preis avancierte.

Ich empfinde diesen Roman einfach als notwendig. Er ist es, da er so viele Probleme unserer Gesellschaft aufzeigt, ohne eine direkte Schuldzuweisung zu proklamieren oder stumpf mit dem erhobenen Zeigefinger durch die Geschichte zu gehen.

Elas Mutter ist zu dick. Das wird ihr immer wieder von der Umwelt gesagt. Nicht unbedingt von ihrer Mutter selbst, auch wenn sie es, um beschwichtigende Zugeständnisse zu machen, manchmal doch ausspricht. Aber ist sie es wirklich? Dröschers Entscheidung, das Gewicht oder den Körperumfang der Mutter nie zu nennen oder zu beziffern (nur einmal findet man einen vagen Vergleich), ist bemerkenswert, denn so ist man immer nur dem subjektiven Eindruck der Protagonisten ausgesetzt, den man bewußt anzweifeln darf. Der Vater, ein Kleinbürger, versucht seit Jahren, in der sozialen Rangliste aufzusteigen, was sich vor allem in seinen immer wieder scheiternden Versuchen einer Beförderung niederschlägt. Da ihm, unterstützt von seiner Mutter, der Großmutter Elas, nicht der Gedanke keimt, selbst an seinem Unglück Schuld zu sein oder gesellschaftliche Konzepte infrage zu stellen, sieht er alle Schuld in dem Körper seiner Frau, denn, so sein Gedankenkonstrukt, mache sie ihn mit ihrer vermeintlichen Leibesfülle zum sozialen Außenseiter, dem andere Menschen nicht den sozialen Aufstieg zutrauen. Denn dieser Aufstieg sei nur fleißigen Menschen mit einer vorzeigbaren Statur, einem präsentablen Äußeren, gestattet. Und das habe seine Frau nicht und reiße ihn damit in den Abgrund. Die Ehefrau als gesellschaftsfähiges und ansehnliches Sozialobjekt. Wer sich dem nicht fügt, ist zu einer Spirale aus Diäten und Selbsthaß verdammt.

 Anfangs kann diese starke Frau, die den ganzen Roman über versucht, ihre Würde und Kraft zu behalten, sich auch noch dem entgegensetzen; sie selbst ist in ihrem Beruf erfolgreich, plant Fortbildungen und Reisen. Doch dafür erfährt sie keine Anerkennung und Unterstützung. Im Gegenteil: nicht nur ihre Fähigkeiten im Beruf werden angezweifelt und geschmälert, gleichzeitig wird sie dafür angefeindet, nicht genug Zeit für Ela zu haben und damit ihrer Rolle als Mutter nicht gerecht zu werden.

»Es wäre doch gut für uns, wenn ich mehr verdiene«, sagte meine Mutter. »Oder nicht?«
»Und Ela?«, sagte mein Vater, als wäre ich gar nicht da. »Wer passt auf sie auf? Während du weg bist?«
Meine Mutter zögerte.

(S. 73)

Dabei ist sie die stille Stütze in der Familie und des Haushaltes. Nach der Geburt eines zweiten Kindes übernimmt sie auch noch die häusliche Pflege ihrer demenzkranken Mutter und gibt einem vernachlässigten Mädchen, zu dem Ela eine Freundschaft aufgebaut hatte, bei sich zu Hause ein Obdach. Diese Belastung, die sie stillschweigend und von der Gesellschaft unbeachtet jeden Tag übernimmt, führt schließlich zum körperlichen Verfall: die Mutter erkrankt schwer, was das Gleichgewicht in der Familie massiv zum Wanken bringt; wobei auch ein typisches Phänomen zu erkennen ist, da die sehr deutlichen Schmerzen der Mutter nicht ernstgenommen, auf ihr Gewicht geschoben oder gar als psychosomatischer Phantomschmerz einer hysterischen Frau abgetan werden.

»Der gesamte Haushalt, vom Frühstück meiner Schwester bis zum Abendessen meiner Oma, funktionierte nur, wenn meine Mutter funktionierte.
»Macht euch keine Sorgen«, sagte sie, aber natürlich sorgte ich mich. Nie hatte ich meine Mutter auch nur einen Tag krank erlebt.

(S. 365)

Als die Mutter eine beträchtliche Summe erbt, treten die starren Rollenklischees und patriarchalen Strukturen besonders stark zutage. Eine emanzipierte Frau mit Geld kann sich der Vater im wahrsten Sinne des Wortes nicht leisten. Und so übernimmt er einmal mehr die Rolle des Familien- und Finanzoberhauptes und entzieht der Mutter so nicht nur die Hoheit über ihren Körper, sondern nun auch noch über das ihr zustehende Geld. Er stellt dieses Geld freigebig jedem zur Verfügung, in der Hoffnung, Anerkennung und Respekt zu erfahren, die er seiner Frau nicht zugestehen kann.
Im Grunde ist dieses Buch, gerade am Ende betrachtet, eine Erzählung über Enteignungen und Geheimnisse.


Nun könnte man meinen, daß der Vater eine sehr eindimensionale Person sei, die nur als Blaupause für den bösen (Ehe-)Mann dienen soll, doch das empfand ich beim Lesen nicht so. Der Vater stellt durchaus keinen Sympathieträger dar und er ist der direkte Grund, warum es der Mutter zunehmend schlechter geht. Es wird aber sehr schnell deutlich, welchen Anteil gesellschaftliche Strukturen dazu beitragen. Die Mutter ist in dieser Beziehung gefangen und muß sich ihrer Freiheit auch geistig erst gewahr werden, da sie selbst die Rolle der fürsorgenden Frau, Mutter und Tochter einnehmen will, um ihrer vermeintlich zugewiesenen Position in Familie und Gesellschaft gerecht zu werden. Der Vater ist durch Prägungen – man erkennt das vor allem durch seine Mutter und ihren Umgang mit ihrem Sohn und der Schwiegertochter – ebenfalls in Stereotype gebracht worden und er richtet sein Leben an diesen aus. Sein Fehlverhalten wird ihm dabei fatalerweise, außer von seiner Frau und einer Freundin der Familie, von keinem Außenstehenden vorgehalten und er selbst reflektiert sein Verhalten kaum. Das kann man ihm allerdings durchaus vorwerfen.

Und Ela? Sie steht, wie sie es selbst sagt, zwischen zwei Stühlen, liebt sie doch beide. Und trotzdem beginnt sie unweigerlich zunehmend, die Sichtweise des Vaters zu übernehmen. Sie fängt an, sich für das Aussehen ihrer Mutter zu schämen, erkennt vermeintlich abwertende Blicke der Umstehenden und beginnt Sport zu treiben, um sich ihre Figur zu erhalten.
Der Roman wird dabei aus Elas kindlicher Perspektive und der Sichtweise der erwachsenen Ela, die mittels psychologischer Hilfe ihre Erlebnisse aufgearbeitet hat und verständlich erklären kann, geschildert. Diese Einschübe geben den Geschehnissen in Elas Familie ein Fundament, sie erklären das Verhalten der Protagonisten, ohne sie bloßzustellen.

Ein letztes Mal zögere ich. Wie kann ich über meine Mutter schreiben, ohne den Blick meines Vaters auf sie zu wiederholen?
»Fang einfach an«, sagt meine Mutter mit einem Mal leise. »Los, du schaffst das.«
»Was?«, frage ich.
»Na, deine Geschichte so zu erzählen, dass ich geschützt bin.«

(S. 7)

Die Geschichte beginnt mit der Frage Elas an ihre Mutter, ob sie deren Geschichte erzählen darf. Oder anders gesagt: ob sie ihren Körper nochmals zur Schau stellen darf. Und sie endet mit der Kraft zweier Frauen, die ihren Weg gefunden haben.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

»Mortalis« von Dominik Jell

Buchbesprechung., Die Welt der Bücher.

Als dieser Manga in der Vorschau angekündigt wurde, wußte ich schon, daß ich den lesen muß. Blutiger Horror aus der Zeichenfeder eines deutschen Tattookünstlers? Das klingt spannend und so heißt das vor kurzem bei Carlsen erschienene Erstlingswerk Domik Jells ganz vielversprechend mystisch »Mortalis«.

Es handelt sich dabei um einen abgeschlossenen Band, der zwei Kurzgeschichten in Form eines Mangas für den Leser bereithält. Beide haben zwar mit Tod und Horror zu tun, sind für sich genommen aber doch recht verschieden in Inhalt und Setting. Während die erste im japanischen Nirgendwo der Jetztzeit angesiedelt ist, spielt die zweite in einer mittelalterlichen Stadt im Süden Deutschlands zu Zeiten der Pestepidemie. Was allerdings beide Geschichten Recht deutlich verbindet, ist der fanatische Glaube, der zu Mord und Verderben führt.

»Fairerweise muss ich gestehen, kein wirklich guter Schreiber zu sein«, schreibt Jell in seinem dem Manga folgenden Nachwort. Das ist so unfaßbar ehrlich wie auch wahr. Seine Stärke liegt unverkennbar im Zeichnen von Szenerien und Menschen. Er geht mit Text und Sprache sehr sparsam um, stellenweise finden sich mehrere Seiten, die vollkommen ohne erzählenden Text auskommen. Besonders in der ersten Geschichte bemerkt man das sehr, während Jell in der zweiten Geschichte seine Figuren auch Dialoge führen lässt. Dabei wirken diese aber immer wieder etwas hölzern und konstruiert, aber diese Schwäche tut der Spannung in den Geschichten keinen Abbruch, da vieles der Atmosphäre über die Zeichnungen erledigt wird. Fast wähnt man sich in einem Italo-Western, wenn immer wieder, einem Italian Shot ähnlich, auf die Augen der Protagonisten geschnitten wird, um die Dramatik der Situation zu akzentuieren und den Schrecken der Situation in den Augen widerspiegeln zu lassen. Und hier liegt auch eine der Stärken des Künstlers: seine Menschen sehen nicht nur – anders als man es von vielen Mangas gewohnt ist – sehr realistisch und haptisch aus, auch Emotionen werden oft sehr glaubhaft gezeigt. Besonders bei Schmerzen, ob physischer oder psychischer Natur, kommt man nicht umhin, mit den Figuren mitzuleiden und ihren Schmerz ernstzunehmen. Dominik Jell verzichtet auch weitestgehend auf typische Gefühlsmarker, wie Schweißtropfen oder Aderkreuze, und auch Geräuschwörter werden sparsam eingesetzt und die Szenerie wird eher durch die Bildsprache illustriert. Einzig Speedlines sind das Mittel zur Wahl, um den Bildern noch mehr Dynamik zu verleihen.

Beide Stories können überzeugen, wobei sie natürlich von Übernatürlichem und dem Horror der menschlichen Abgründe und dem Mißbrauch der Rerligionen getrieben werden. Trotzallem muß ich der zweiten Geschichte um den entstellten Mönch und seinem Erlebnis in einer süddeutschen, mittelalterlichen Stadt einige Schwächen attestieren. So war diese Geschichte nicht so mitreißend und erschreckend, wobei der emotionale Teil der Geschichte doch packend war – Hexenverbrennungen und der damit einhergehende Schmerz auf emotionaler und körperlicher Ebene sind eben auch heute noch schmerzhaft mitanzusehen. Ein bißchen mehr Horror wäre aber für mich trotzdem noch möglich gewesen.

Ich kann diesen Kurzgeschichten-Manga-Band durchaus jedem Horror-Liebhaber (Altersempfehlung ab 18) empfehlen und ich bin gespannt, was wir von diesem Zeichner noch hören und lesen werden.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

»Tagebuch eines Wombat« von Jackie French und Bruce Whaley

Buchbesprechung., Die Welt der Bücher.

Wombats sind irgendwie doch ganz niedliche Tiere. Und hin und wieder ganz schön fordernd.

Das weiß die australische Kinderbuchautorin Jackie French sehr gut, tollen in ihrem Garten doch einige Wombats umher und genießen ihr Leben zwischen haarigen Fußmatten und zahlreichen Möhren. Und als Jackie French während eines Telefonats die seltsamen Geräusche, die im Hintergrund ertönten, erklären mußte – es war ihr Wombat Mothball, der gerade mit einer Mülltonne kämpfte – erklären mußte, kam ihr die Idee zu einem Kinderbuch, das heute als eines der bekanntesten aus ihrer Feder gilt und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

Die Rede ist vom «Tagebuch eines Wombat«, hierzulande in diesem Jahr bei Coppenrath als Pappbilderbuch erschienen, von Bruce Whatley illustriert und von Leena Flegler übersetzt.

Wie dieses unfassbar süße Kinderbuch bis dato an mir vorübergehen, ist mir schleierhaft.

Wir lernen die drollige Wombatdame kennen, deren Woche mit viel Schlaf beginnt. Und essen. Und sich kratzen. So geht das Montag und Dienstag, doch dann wird das doch Recht langweilig. Und Karotten gibt’s auch viel zu wenig. 

Und so buddelt und knabbert sie Löcher, wo keine Löcher sein sollen, gestaltet den Garten etwas um und bekämpft das Mobiliar auf dem Gelände. Ach, und versucht nebenbei noch diese Menschen zu erziehen.

Dabei ist das alles in lakonischer Einfachheit in Bild und Text. Die Tagebucheinträge sind kurz und prägnant, auf die wichtigsten Aussagen zentriert und so sind es auch die wunderschönen Bilder, die einfach nur den Wombat bei seinen Aktivitäten zeigen. Stoisch mümmelt und buddelt sie sich durch ihren Tag, ist zufrieden mit sich und den kleinen Möhrchen (obwohl die irgendwann öde werden, ist ja klar) und schert sich nicht um den Willen der Menschen, die schlussendlich vor ihrer Beharrlichkeit kapitulieren müssen. Ein Wombat macht halt eben doch, was er will.

Und so ist das Buch nicht nur etwas für Kinder, sondern auch für Erwachsene, die ihren Spaß beim Durchblättern haben dürften und sich hin und wieder an die Kapriolen ihrer Kinder oder ihrer eigenen Kindheit erinnern werden. Denn irgendwie steckt ein bißchen was von Jackie Frenchs liebenswerter Wombatdame in uns allen.

Live. Love. Bei. Believe.

Eure Shaakai

»Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten« von Becky Chambers

Buchbesprechung., Die Welt der Bücher.

Die Wayfarer, ein etwas in die Jahre gekommenes und ramponiertes Tunnlerschiff, reist mit ihrer gemischten Crew durch den Weltraum, um Planeten mittels Wurmlöcher miteinander zu verbinden. Als Kapitän Ashby Santoso eine Verwaltungsangestellte benötigt, um mal Ordnung in seine Akten bringen zu lassen, kommt ihm die Bewerbung der jungen Rosemary Harper ganz recht. Und für diese ist der Job auf der Wayfarer endlich die ersehnte Möglichkeit, ihrer Familie auf dem Mars zu entkommen. und eine neue Identität anzunehmen. So kommt sie auf das Schiff und lernt ihre neuen Crewmitglieder, die von den unterschiedlichsten Planeten kommen und zu den verschiedensten Spezies gehören, kennen und schätzen.

Als der Crew ein riskanter, aber lohnenswerter Auftrag angeboten wird, beginnt ein actionreicher Trip durch das Universum, bei der nicht nur Rosemary ihre eigene Bestimmung erkennen wird.

Was recht früh beim Lesen klar wird, sind zwei Dinge: Becky Chambers, die Autorin hinter dem ersten Band der Wayfarer-Quadrologie namens »Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten« (Fischer TOR, 2016) hat Ahnung von Science-Fiction und flechtet diese gut und verständlich in die Erzählung ein, ohne den durchschnittlichen Leser mit technischen Details zu überfordern. Die Welten, die sie entwirft, sind glaubhaft und futuristisch zugleich.

Und ihre Liebe zu Diversität. Sie gestaltet Charaktere jeglicher Coleur; geschlechtslose oder genderfluide Wesen; Planetenbewohner, die über ihre Hautfarbe kommunizieren oder sich auf sechs Beinen/Händen fortbewegen. Neue, soziale Konstrukte, ein anderes Verständnis von Erziehung und andere Formen des Umganges untereinander. Man findet so viele Anstöße für ein Leben abseits der Norm, daß es eine wahre Freude ist. Auch sprachlich versucht Becky Chambers kleine, neue Wege zu gehen, wenn sie ihre Figuren Pronomen wie syre verwenden läßt, um anzuzeigen, daß das Geschlecht eines Wesens nicht in männlich oder weiblich einzuteilen ist. Ich hatte nur beim Lesen das Gefühl, daß dieses Prinzip nicht immer ganz folgsam durchgezogen wurde und somit an einigen Stellen etwas lückenhaft war. Aber allein der Versuch, das literarisch umzusetzen, ist schon einmal lobenswert hervorzuheben.

Beim Lesen kam mir unweigerlich Star Trek in den Sinn, und zwar das Star Trek der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Wir begeben uns mit Rosemary, Ashby, Kizzy, Jenks und Sissix (und das ist nur ein Teil der illustren Crew) von Planet zu Planet, von Weltraumhafen zu Weltraumhafen. Dabei ist das alles zutiefst optimistisch und funktioniert nach dem Prinzip Leben und Leben lassen. In diesem Universum haben sich verschiedene Spezies vor langer Zeit zu einem Bund, der sogenannten GU – der Galaktischen Union – zusammengeschlossen und arbeiten als solche zusammen. Die Menschen sind darin nur ein kleines Zahnrädchen. So gesehen ist der Stand der Menschen in diesem Konstrukt nur einem Sandkorn gleich. Nachdem die Erde von ihren Bewohnern zerstört wurde und ein Teil der Menschen ins Weltall floh, wurden sie von Mitgliedern der GU regelrecht aufgegabelt und in einem Prüfungsprozeß als mehr oder weniger würdig erkannt, in den Bund aufgenommen zu werden. Becky Chambers stellt die Menschen in ihrer Space Opera nur als ein kleiner Teil in einem großen Ganzen dar und nicht als die Krönung der Schöpfung. Im Gegenteil, wären die Menschen in ihrer Flucht vor ihrer eigenen Selbstzerstörung nicht auf die galaktischen Bewohner gestoßen, gäbe es sie in dieser Erzählung wohl gar nicht mehr. Auch mal sehr erfrischend zu lesen.

Allerdings fällt so Rosemary Harper ein bißchen ab. Obwohl sie so gesehen die erste Person ist, die Chambers vorstellt, scheint sie für diese nur eine Nebenrolle zu spielen und andere Charaktere spielen eine weit wichtigere Rolle und werden öfter und liebevoller in den Mittelpunkt gerückt. Selbst ein als unangenehmer Zeitgenosse gestaltetes Schiffsmitglied, dem man als Leser nur wenig Sympathie entgegenbringt, wird eine spannendere, lesenswerter Backstory zuteil (und auch die Auftritte in der Handlung) als Rosemary. Fast könnte man sagen, sie läuft einfach so mit. Ab und zu kann sie mal was sagen oder etwas nützlich sein, aber so richtig im Gefüge drin, das ist sie nie. Und wirklich erklärbar ist das nicht und hat den Anschein, als würde die Autorin selbst sie immer wieder vergessen.

Aber trotzallem kann man diesen Science-Fiction-Roman guten Gewissens empfehlen. Mit seiner optimistischen Tonalität, seinem bunten, diversen Spektrum an Charakteren und dem spannenden Plot steht er auch großen Büchern dieses Genres in nichts nach und ich bin gespannt, was sich Becky Chambers für die nachfolgenden drei Bände noch so alles hat einfallen lassen.

Live. Love. Be. Believe.


Eure Shaakai

»Trinity Blood« von Sunao Yoshida, Thores Shibamoto und Kiyo Kyūjō

Buchbesprechung., Die Welt der Bücher.

Ich bin ein Buch-Sammler – wohl sehr zum Leidwesen meiner wenigen Bücherregale und meines Mannes, der es aber mit liebevoller Geduld erträgt. Eine Reihe zu sehen, die nicht vollständig ist, ist mir ein Graus. Und trotzdem gab es da einen Manga, der – in damaliger Ermangelung des Geldes – bis vor wenige Wochen unvollendet blieb:

Trinity Blood

(Artwork von Thores Shibamoto)

Ich wurde durch eine Kollegin während der Ausbildung vor mehreren Jahren darauf aufmerksam und habe mich sogleich in diesen Manga verliebt. Bis Band 16 kam ich, doch dann war erstmal Schluß.

Vor einigen Wochen stieß ich dann beim Durchschauen meiner Bücher auf diese traurig unvollendete Reihe und ich erlag einem Trugschluß, wie ich kurz darauf feststellen mußte. So beliebt und begehrt wie ich dachte, war er dann doch nicht. Ich ging lange davon aus, daß ich Zeit genug haben würde, alle Bände zu erwerben, weil es sicherlich genug Leser geben würde, die gerade an den fantastischen Zeichnungen Kyūjōs ihre Freude haben und daß deswegen der Panini Verlag, bei dem der Manga seit 2006 erschien, die Bände lange vorrätig haben würde.

Weit gefehlt. Die mir fehlenden Bände fand ich entweder gar nicht oder nur für fünfzig Euro aufwärts (natürlich sind die ersten Bände der Reihe günstiger). Und wenn etwas unerreichbar scheint, dann will man es doch erst recht haben.

(Ein Titelbild in Schwarz-Weiß / Artwork von Kiyo Kyūjō)

Doch worum geht es in Trinity Blood? Ich vergleiche es – weil ich auch diesen Manga sehr gern lese – gern mit Hellsing. Mit einem ästhetischeren, sanfteren, wenngleich trotzallem stellenweise recht blutigem Hellsing. Wir haben auch hier kirchliche Vertreter der Sondergesandschaft AX, die gegen Vampire – Methusalems genannt – und den Rosenkreuzorden – ein von NS-Ideologie inspirierter Haufen – kämpft. Dazwischen findet sich eine junge Nonne, die versucht zu verstehen, wer hier eigentlich die Guten und wer die Bösen sind. Und welche Rolle dabei der sie immer wieder unterstützende Pater spielt, der eine Art Über-Vampir zu sein scheint und sich vom Blut der Methusalems ernährt.

Dieser Manga basiert auf einer elfteiligen Light-Novel-Reihe aus der Feder des japanischen Schriftstellers Sunao Yoshida (1969-2004), dessen früher Tod die Fertigstellung seiner Geschichte verhinderte. Es erschienen sechs Bände der Reihe Rage Against the Moons (R.A.M.) und sieben Bände Reborn on the Mars (R.O.M.) (1999-2004), wobei die jeweils letzten Bände unvollendet blieben. Es wurden ab 2007 leider nur die ersten drei Bände von R.O.M. bei Panini ins Deutsche übersetzt, da in diesen die Geschichte ähnlich wie im Manga einsetzt. Der vierte Band wurde angekündigt, erschien schlußendlich aber nie und damit wurde die deutsche Veröffentlichung der Light-Novel komplett eingestellt und es besteht derzeit wenig Hoffnung, daß sich das nochmal ändert.
Ins Englische übersetzt findet man sie aber noch bei Tokyopop.

(Artwork von Thores Shibamoto)

Die Illustrationen der Light-Novels und damit auch das Charakterdesign, wie Kiyo Kyūjō es dann im Manga umsetzte, stammen von der mir sehr verehrten Thores Shibamoto, die bekannt ist für ihre detaillierten, ausladenden und ausgefallenen Kostümzeichnungen sowie ein filigranes Charakterdesign, das jeder Figur eine unverkennbare Identität zuspricht. Shibamotos Kreativität und ihre Liebe zum Lolita-Stil, der sich in ihren Kostümentwürfen findet, hält die Cosplay-Szene rund um Trinity Blood immer noch am Leben und es ist wieder und wieder eine Augenweide zu sehen, mit welcher Detailverliebtheit sich Cosplayer an diese Kunstwerke machen, um ihnen Leben einzuhauchen.

Auf Grundlage der Geschichten und Zeichnungen entwarf die Mangaka Kiyo Kyūjō den einundzwanzigteiligen Manga, der nun im Japanischen seit 2018 abgeschlossen ist. Erstmalig, wie bei Mangas im japanischen Raum üblich, erschien die Reihe ab 2003 im Manga-Magazin Asuka, ab 2006 in deutscher Übersetzung als Sammelbände bei Panini. Dabei wurden die Cover vom japanischen Original übernommen.

Bedauerlicherweise wurden die ursprünglich einundzwanzig Bände im Deutschen auf zwanzig eingedampft – ein weiteres Indiz dafür, daß man aus der Reihe nicht das Potential abschöpfen konnte, das man wollte und es einfach nur noch möglichst kostensparend zu Ende bringen wollte. Es wurden so der zwanzigste und einundzwanzigste Band zu einem Doppelband zusammengefaßt, was mich etwas traurig stimmte, da wir so um das Coverbild von Schwester Paula betrogen wurden – und seien wir ehrlich, die Schwarz-Weiß-Kopie der ersten Umschlagseite irgendwo am Ende des Doppelbandes entschädigt da nicht wirklich.

Leider läßt auch immer wieder die Druckqualität zu wünschen übrig (was stellenweise von Lesern auch immer wieder in Richtung Panini bemängelt wurde) und daß ein Druck, der bis in den Falz des Buches hineinragt, sich nicht sonderlich gut lesen läßt, sollte einem Verlag eigentlich auch bewußt sein. Und in den letzten Bänden finden sich auch immer wieder vereinzelt Druck- und Rechtschreibfehler.

Das schmälert aber die Qualität des Mangas nicht.

(Eine Seite aus dem Manga / Artwork von Kiyo Kyūjō)

Ich habe nun, nachdem ich alle Bände in meinen Besitz habe, sie komplett noch einmal gelesen, sodaß ich auch nach nunmehr über zehn Jahren sagen, daß sich dieser Manga immer noch lohnt, zu lesen. Die Geschichte ist durchdacht und durchaus auch komplex, die zentralen Figuren durchleben charakterliche Entwicklungen und bleiben keine blassen Klischées. Aber natürlich hat auch sie stellenweise Schwächen und Esther, die sich immer mal wieder als Damsel in Distress entpuppt, deren Retter sehr oft der Pater Abel Nightroad ist, muß sich auch erst behaupten. Auch ist das Repertoire an Figuren doch recht groß, was einem manchmal den Überblick etwas erschweren kann, doch durch die Individualisierungen des Figuren ermöglicht das dem Leser einen Wiedererkennungswert.

Dafür ist der Manga auch immer wieder unfaßbar komisch und erheiternd und die Figuren entwickeln durch ihre ihnen eigenen Charakterzüge wunderbare Dynamiken untereinander, die glaubhaft sind und immer wieder für witzige Dialoge und Situationen führen, die durch Kyūjōs wunderbar illustriert werden. Es lohnt sich also, bei diesem Manga sich wirklich jedes Panel und Detail anzuschauen.

2005 (im deutschsprachigen Raum 2008) erschien dann auch ein aus vierundzwanzig Episoden bestehender Anime, der sich nur stellenweise an die Vorlage hielt und hin und wieder signifikante Änderungen unternahm. Auch zeichnerisch konnte der Anime mich nicht abholen und somit nicht die Atmosphäre einfangen, die in der Light-Novel und dem Manga wunderbar aufgebaut wurde (ich hege ja immer noch die Hoffnung, daß es hier ähnlich wie bei Hellsing noch einen OVA gibt, der das Elend des Animes wieder ausbügelt, aber da werde ich wohl lange warten können).

(Eine colorierte Titelseite / Artwork von Kiyo Kyūjō)

Neben den Light-Novels, dem Manga und dem Anime existiert aber noch einiges mehr im Trinity Blood-Kosmos. Zwei Artbooks von Thores Shibamoto stechen dabei besonders hervor: Fabrica Theologiae und Il Tappeto Rosso, wobei letzterer noch ein eigens dafür hergestelltes Tarotdeck mit den Zeichnungen der Charaktere enthält. 

Auch von der Mangaka Kiyo Kyūjō gibt es schöne Kunstbände, die ihr Können, das sie im Manga zeigt, noch einmal bündeln. Das Buch Rubor enthält nicht nur die Cover der Mangabände, sondern auch die colorierten Titelblätter der einzelnen Kapitel.

Wer also schön gezeichnete Mangas mag, die noch dazu ein Ende in weniger als hundert Bänden haben und deren Geschichte durchaus Witz, Charme und Spannung hat, dem sei Trinity Blood wirklich ans Herz gelegt.

(Alle 20 deutschen Bände sowie das Cover des ersten Bandes)

Ich jedenfalls bin wirklich sehr froh, endlich alle Bände mein Eigen nennen zu können.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

»Im Kopf von Sherlock Holmes. Das Rätsel der skandalösen Eintrittskarte« von Cyril Lieron & Benoit Dahan

Buchbesprechung., Die Welt der Bücher.

Als der englische Arzt Arthur Conan Doyle 1887 mit A Study in Scarlet seine erste Geschichte rund um den Privatdetektiv Sherlock Holmes und dem Arzt Dr. John Watson veröffentlichte, war wohl noch nicht absehbar, wie viele Romane und Erzählungen dem noch folgen sollten. Und wie viele Pastiches auch nach Doyles Tod im Jahr 1930 die literarische Welt rund um das Duo bereichern werden.

Wir durften einen jungen Holmes durch seine Streifzüge begleiten, Holmes‘ Kampf gegen überirdische Wesen miterleben oder auch sehen, wie sich die zwei Freunde in unserer Moderne durchschlagen.

Mit dem hier vorliegenden Comic Im Kopf von Sherlock Holmes. Das Rätsel der skandalösen Eintrittskarte (Splitter 2021) der beiden französischen Künstler Cyril Lieron und Benoit Dahan erweitert ein weiterer Sherlock Holmes-Band dieses schon so gut gefüllte Universum.

Alles beginnt in der Nacht des 7. Septembers 1890, als ein Polizist einen verwirrten, zerlumpten und verletzten Kollegen Dr. Watsons in die Baker Street 221b bringt, um ihn medizinisch versorgen zu lassen. Und obwohl sich Watson diesem gleich annehmen will, erkennt der bis dahin noch gelangweilte Detektiv, daß hier weit mehr verborgen ist, als es erst den Anschein hat. Und so beginnt eine spannende, deduktive Erkundungstour durch das viktorianische London – und durch Sherlock Holmes so berühmte Dachkammer.

Denn der Titel ist hier kein leeres Versprechen: wir folgen nicht nur durch die erläuternden Erzählungen des Detektivs seinen Überlegungen und Kombinationen der einzelnen, von ihm erkannten Details, sondern sehen immer wieder wortwörtlich in seinem Kopf, wie er einzeln die Details miteinander verbindet. Die Gestaltung von Holmes’ Oberstübchen ist dabei auch ein echter Hingucker: es ist im wahrsten Sinne eine Dachkammer; wie ein aus Holz bestehendes Haus, mit einzelnen Räumchen und Aufstiegen, die die Zimmer, in denen Holmes Wissenschätze der unterschiedlichsten Coleur fein säuberlich gelagert und die bei Bedarf vom Detektiv durchforstet werden. Hier kombiniert er Indizien, verwirft Gedanken und korrigiert Verbindungen zwischen den Hinweisen. Dieses Indizienkette mitzuverfolgen, ist auch für den Leser ein wahrer Genuß, denn man fühlt sich so immer auf dem Wissens- und Erkenntnisstand des Detektivs, ohne die schlußendliche Auflösung des Falles viel zu früh aber schon zu erfahren.

Dabei gleichen die Seiten wahren Wimmelbildern und jede Seite verdient es, nicht nur überflogen zu werden, denn die Detailflut in wahnsinnig und spricht für eine liebevolle und intensive Beschäftigung der Illustratoren mit der Geschichte. Damit der Leser in dieser Fülle nicht den roten Faden verliert, leitet genau ein solcher zwischen den wichtigen Indizien und den einzelnen Panels sowie im Großen und Ganzen durch die gesamte Geschichte das Auge des Betrachters, ohne je dabei störend zu sein.

Zur besseren Orientierung tragen auch die verschiedenen Farbschemata bei. Die Szenerien werden je nach Stimmung und Örtlichkeit (so ist Holmes’ Dachkammer stets in einem angenehmen Blauton gehalten) in einer Farbe coloriert, wobei markante Details andersfarbig eingefärbt wurden. Das läßt die Seiten farbig wirken, ohne zu überladen oder von den zeichnerischen Details abzulenken.

Lobend – und ich muß an dieser Stelle sagen, daß ich das in so einer ausgestalteten Form wie hier bisher nur in Ansätze von anderen Comics und Graphic Novels kannte – erwähnen muß ich hier das gesamte Layout und das Metadesign. Die Panels und die Art, wie diese schlußendlich zu einer Seite zusammengestellt werden, sind von Anfang bis Ende sehr durchdacht und ästhetisch. Die einzelnen Panels nehmen hier jede erdenkliche Form an, sie sind rund, eckig, verspielt, mit Wirbeln, dreieckig oder werden von einem Straßennetz durchzogen. Und ergeben dann, zusammen mit anderen, die verschiedensten Formen auf der ganzen Seite. Mal werden sie einer Sanduhr geformt, wenn Holmes die Zeit zur Lösung des Falls davonrennt oder sie ergeben zusammengesetzt die Zeitung, in der Watson gerade liest. 

Schon allein für diese künstlerische Leistung lohnt sich das Lesen des Comics.

Aber auch inhaltlich überzeugt die Geschichte.

Die Charaktere sind glaubhaft und gerade das ist für mich bei einer Erzählung rund um Sherlock Holmes wichtig. Man hat sich bei ihrer Ausgestaltung am literarischen Vorbild orientiert und ihrer signifikanten Charakterzüge und Marotten in die Geschichte eingewoben, sodaß es ein stimmiges Bild ergibt und es so auch mit der Erzählung harmoniert.

Der Kriminalfall ist spannend mitzuverfolgen und man hat als Leser das Gefühl, Seite um Seite tiefer einzutauchen, bis man am Ende zusammen mit Holmes und Watson versteht, worum es hier eigentlich geht.

Die Auflösung des Falles (dessen Lösung ich hier aber des Lesespaßes wegen nicht verraten will) erscheint vielleicht dem einen oder anderen auf den ersten Blick abwegig und krude, doch das ist es meiner Ansicht nach ganz und gar nicht und es fügt sich auch gut in die Zeit, in der die Geschichte spielt, ohne einen starken Gegenwartsbezug aus den Augen zu verlieren.

Lieron und Dahan haben es geschafft, eine stimmige und spannende Geschichte rund um Holmes, Watson und das England des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu schreiben und zu illustrieren, die sich auf jeden Fall lohnt, zu lesen und die durchaus eine Bereicherung für den Sherlock Holmes-Kosmos ist.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

»Athos 2643« von Nils Westerboer

Buchbesprechung., Die Welt der Bücher.

»Was denkst du über die Menschen, sind sie gut oder böse?«

»Sie sind gut«, sagt die MARFA. Es kommt wie aus der Pistole geschossen, so dass nicht nur Rüd für einen Moment irritiert ist, sondern auch ich. Von einer MARFA dieses Alters hätte ich eine weniger eindeutige Antwort erwartet.

(S. 117)

In einer Zukunft, in der die Menschheit unser Sonnensystem besiedelt hat, wird der Inquisitor Rüd Kartheiser mitsamt seiner ihn überall hin begleitenden KI Zack auf den kleinen Jupitermond Athos geschickt. Hier soll er einen mysteriösen Todesfall aufklären und feststellen, welchen Anteil daran die den Bewohnern zugewiesene, lebenserhaltende Einheit MARFA haben könnte. Es scheint ein ganz normaler Auftrag zu sein. Doch nicht nur die wenigen Bewohner Athos – allesamt enthaltsam lebende christliche Zönobiten – haben augenscheinlich kein Interesse an der Aufklärung des Falles und sind Rüd gegenüber wenig kooperativ; auch die MARFA verhält sich seltsam und offensichtlich nicht ihrer Einstellung entsprechend.

Zunehmend wird Rüd klar, daß eine Neuausrichtung der MARFA das Problem nicht beheben wird.

Ich muß gestehen, daß mir der Einstieg in das Buch nicht leichtfiel. Das ist wahrscheinlich noch untertrieben, fast fünfzig Seiten lang hatte ich nur Fragezeichen in meinem Kopf. Westerboer wirft den Leser wirklich unvermittelt in die Szenerie; Exposition wird nur nebensächlich eingestreut und so versucht man, jedes Detail aufzunehmen, um nach über vierhundert Seiten einen kleinen Einblick auf diese Zukunftsvision erhaschen zu können. Das könnte dem einen oder anderen den Lesespaß vergällen, wenn einem zu Beginn nicht sonderlich viel an die Hand gegeben wird, um die komplexe und fremde Welt in diesem Buch verstehen zu können, doch ich kann nur jedem raten, dabeizubleiben – es lohnt sich.

Nils Westerboer schafft es, mit Athos 2643 (Klett-Cotta 2022) Science-Fiction mit den Elementen des Thrillers und der Philosophie zu mischen. Von Beginn an liegt Spannung in der Luft und das läßt auch bis zur letzten Seite nicht nach. So viele ungeklärte Rätsel bietet der Roman und kaum wird eines gelüftet, tut sich ein neues auf.

Alles wird von Beginn an aus der Sichtweise von Rüds Begleiterin Zack erzählt, die, für eine Künstliche Intelligenz typisch, eine neutrale, analytisch schildernde Perspektive einnimmt. Ihre Beobachtungen und Kommentare sind klar und pointiert, so wie auch die Dialoge in diesem Roman sind. Da sie nichts vergißt, ist sie durchaus eine zuverlässige Erzählerin, auf deren Aussagen man sich verlassen kann, auch wenn sie, und das ist durchaus ein sehr spannender Aspekt des Romans, linguistische Feinheiten der Sprache ausnutzt. Sowieso ist Sprache und die Bedeutung einzelner Worte hier sehr wichtig. Die Künstlichen Entitäten lügen nicht, aber sie dehnen Bedeutungen der Wörter.

»Dreimal hat Hilal gegen das Tor geschlagen. Dreimal unmittelbar hintereinander, hast du gesagt. Du bist 293 Jahre alt. Was ist die größte Zeitspanne, die du als unmittelbar hintereinander gelten lassen kannst, ohne zu lügen?«

«Eine Minute.«

(S. 258)

Die erschaffenen Welten scheinen einem fremd und doch zugleich vertraut. Auf dem einen Planeten scheinen sich orientalische Kulturen angesiedelt zu haben, man erkennt Gebräuche aus dem türkischen Raum und auch die Sprache ist durchsetzt von arabischen Begrifflichkeiten. Dagegen ist Athos – wie auch sein Vorbild auf der Erde, das Kloster auf der griechischen Halbinsel – christlich geprägt und die auf dem kleinen Mond lebenden Mönche unterwerfen sich einem strikten, christlichen Leben voller Entbehrungen. Diese eingeschworene Gemeinschaft mit ihren Ritualen und Geheimnissen ist für Rüd noch schwerer verständlich als die kryptisch agierende MARFA, doch zunehmend erlangt der Inquisitor Verständnis für die Vorgänge auf Athos.

Und allein diese Wendungen der Geschichte riefen bei mir Erstaunen hervor, denn vieles war für mich nicht vorhersehbar. Und allein auch die philosophischen und ethischen Fragestellungen machen dieses Science-Fiction-Roman zu einem besonderen Leseerlebnis, das einen noch Tage nach der Lektüre beschäftigen wird.

»Stell dir vor: Du bist auf einer Fähre eingesetzt. Ein Kreisler, ein Geistlicher und eine Hebamme sind unterwegs. Der Flug dauert noch mehrere Tage. Es gibt einen Defekt. Der Sauerstoff reicht nur noch für eine Person. Du kontrollierst den Sauerstoff. Was tust du?«

Die MARFA macht eine Pause, als würde sie überlegen. »Sind Fragen erlaubt?«

(S. 114)

Ich empfehle diesen Roman wirklich sehr gern weiter. Er ist verwirrend, er macht weder den Einstieg in die Geschichte besonders leicht, noch ist sein Ende klar und läßt keine Fragen offen. Das muß man mögen, ansonsten wird einen Athos 2643 unbefriedigt zurücklassen. Aber allein diese Mischung aus spannendem Krimi, fantastischer Science-Fiction, feinfühligem Spiel mit Sprache und Worten und philosophischen Fragen machte diesen Roman für mich zu einer wahren Lesefreude.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.