22. Mainzer Kolloquium

Von mir gibt es heute mal einen kleinen Programmtipp. Wer sich am 27. Januar diesen Jahres in oder  um die schöne Rheinlandpfälzische Hauptstadt Mainz befindet, dem sei das XXII. Mainzer Kolloquium mit dem Thema »Buch und Fotografie« ans Herz gelegt, das die Johannes Gutenberg-Universität ausrichtet.

Hier kann man sich das Programm näher besehen. Die Teilnahme ist kostenfrei, nur um eine Anmeldung zwecks Planung wird gebeten.
Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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» Esskultur und Lebensstil. Medienanalyse ausgewählter Kochsendungen im Fernsehen« von Henrike Hegner

Gesellschaftskrieg, ausgetragen am Herd. Unbewußt partizipieren wir alle an diesem Kampf um soziale Ränge und das Statussymbol Küche, doch inwieweit das geschieht, ist nicht allen klar. Die Analyse des Küchenstils und der Eßkultur und Deutschland versucht Henrike Hegner in ihrem … Weiterlesen

»Die Vermessung der Welt« von Daniel Kehlmann

Das Deutschland des 18 und 19. Jahrhunderts war nicht nur durch den pulsierenden Fortschritt in der Industrialisierung geprägt, auch zahlreiche Wissenschaftler und Forscher machten mit ihren Ideen, Erfindungen und Entdeckungen von sich reden und bereicherten die verschiedensten Felder der Wissenschaften um ein vielfaches.

Vor diesem Hintergrund entwickelt der deutschsprachige, in Wien lebende Autor Daniel Kehlmann einen furiosen biographischen Roman, der es bereits nach seinem Erscheinen in Windeseile auf die Bestsellerlisten schaffte, sich dort wochenlang erfolgreich hielt und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

Zwei Wissenschaftler, einer in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, der andere adliger Abstammung, werden hier über ihr ehrgeiziges Ziel, die Welt neu zu vermessen, zusammengeführt. Dabei wählt ein jeder der beiden seinen eigenen Weg. Während der Mathematiker und Astronom Johann Carl Friedrich Gauß als Landvermesser durch das Königreich Hannover zog und jeden noch so winzigen Hügel auf das Genaueste kartographierte, zog es den Entdecker Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt in das weit entfernte Südamerika, wo er mit fanatischem Eifer Berge bestieg, Gesteinsproben sammelte und die Fauna und Flora untersuchte, während die Welt voller Begeisterung und unstillbarer Neugierde von seinen Entdeckungen las.

Dabei könnte man auf den ersten Blick meinen, hier handle es sich um einen biographischen Roman zweier herausragender Wissenschaftler, aber schnell ist klar, daß sich Kehlmann höchstens der verbrieften, fixen Lebenspunkte der beiden Persönlichkeiten bedient, um sie mit einer fiktionalen und klugen Romanhandlung zu verbinden. Was dabei entsteht, kann man durchaus einen sehr gelungenen Wissenschaft(ler)sroman nennen, der Fakten und Fiktion in derart subtiler, feinfühliger und komischer Art miteinander verknüpft, daß der Leser bereits von der ersten Seite gebannt dem Geschehen folgt.

»Herr im Himmel, sagte Gauß. Schleppen reiche nicht, man müsse auch denken. Die horizontale Komponente der Magnetkraft lasse sich als Funktion der geographischem Breite und Länge darstellen. Die vertikale Komponente entwickle man am besten in einer Potenzreihe nach dem reziproken Erdradius. Einfache Kugelfunktionen.« (S. 224)

Und während Gauß das mit einem Ton sagt, den man fast im eigenen Ohr klingeln hört, kann man nur mit Humboldt konstatieren, daß man nichts versteht. Doch diese Erkenntnis läßt den Leser nicht frustriert zurück, sondern zeigt den Kontrast zwischen den beiden Charakterköpfen nur umso stärker, die sich selten verstehen mögen, aber sich doch ähnlich sind – was sie an ihrem Lebensende erkennen können.
Kehlmann läßt den Leser aber nicht mit der unbefriedigenden Erkenntnis zurück, daß er intellektuell nicht das Niveau des Denkers teilen darf, sondern zeigt einen Menschen hinter dem Genie. Das mag erdichtet sein, aber dafür wirkt es authentisch und vor allem: wahnsinnig amüsant und unterhaltend. Man würde heute wohl Gauß und Humboldt als stellvertretende Nerds bezeichnen, die zwar am Leben teilnehmen, aber immer wieder glorreich gerade an sozialen Interaktionen scheitern. Gauß findet zwar Gefallen an den Frauen, schafft es aber nicht, seine Ehe zu pflegen und eine emotionale Bindung zu seinen, in seinen Augen so dummen Kindern zu finden und Humboldt, der jede noch so kleine Meßabweichung mit einem mürrischen Kommentar quittiert und preußische Genauigkeit als das Maß aller Dinge setzt, gibt Goethes »Wandrers Nachtlied« in einer oberflächlichen, jeglichen lyrischen Zaubers beraubten Zusammenfassung wider, die seine Zuhörer nur verständnislos dreinblicken läßt und den Leser ob dieses ironischen Widerspruches – diesem Knacks in der Fassade des sonst so korrekten Preußenmannes – lächeln läßt.

Kehlmann wählt passend zu seinen nüchternen Charakteren eine fast wissenschaftlich, protokollierende Erzählweise. Der Erzähler gibt in einem möglichst korrekten Ausdruck schlicht das wider, was gerade geschieht und von den Figuren gesagt wird. Emotionen spielen eine sehr geringe Rolle und wenn doch, dann müssen es die Personen schon direkt sagen, was dann konsequent in indirekter Rede an den Leser weitergegeben wird.
Einzig in der chronologischen Ausrichtung verläßt Kehlmann die festen Pfade eines sachlichen Protokolls und weist seiner Erzählung eine Rahmenhandlung zu, in der sich Humboldt und Gauß zum ersten Mal begegnen, bevor ihr Leben literarisch wieder getrennt erzählt wird, nur um am Ende umso enger miteinander verknüpft zu werden, sodaß die Grenzen zwischen ihnen jetzt nur umso stärker verwischen.

Und so kann ich schlußendlich nur sagen, daß Kehlmanns »Die Vermessung der Welt« nicht umsonst ausgezeichnet wurde. Es ist eine vielschichtige Erzählung über das Leben zweier Genies, die unterschiedlich und doch so ähnlich sind. Aber es ist auch mehr als das: ein Abbild einer aufstrebenden Zeit, aus der der Leser zahlreiche Parallelen entnehmen kann, humorvoll und ernst, motivierend und geistreich.
Kehlmann gelingt es, in einer rasanten, fast atemberaubenden Erzählweise zu fesseln und zu bannen und zeigt eindrucksvoll, daß eine gute Erzählung eben nicht von Blut und Gewalt oder hochspannendem Erzählgebläse abhängig ist, sondern sich Dynamik auch in einem stillen, nachdenklich ruhendem Gewässer bilden kann. Humboldt nimmt den Leser mit auf eine weite Reise durch die Gefilde Südamerikas und Gauß folgt man auf seiner Suche am Firmament, während er, sich nur wenig bewegend und kaum einen anderen Flecken Land als seinen Wohnort sehend, das Land vermißt.

Und dann klappt man das Buch zu und hat Fernweh. Wie weit man gehen will, um seine Neugier und Sehnsucht zu stillen, das aber, so auch eine Erkenntnis, muß jeder für sich selbst festlegen.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

»Der Illusionist« von Steven Galloway

Einen Konfabulisten nennt die Psychopathologie einen Menschen, der aufgrund einer Ge­hirnschädigung zunehmend seine Erinnerungsfähigkeit verliert und diese Lücken mit er­fundenen, aber objektiv glaubhaften Erinnerungen füllt. Als Martin Strauss von seinem Arzt gesagt bekommt, daß er an dieser Krankheit leidet, bricht … Weiterlesen

»Teufelsgrinsen. Ein Anna Kronberg Krimi« von Annelie Wendeberg

Als eine Leiche über einen Nebenarm der Themse in die Wasserwerke Londons gespült wird, ist man dort in heller Aufregung, denn der ausgemergelte Körper zeigt deutliche Spu­ren einer Cholerainfektion. In einer Zeit, in der die Hauptstadt des Königreiches immer wieder … Weiterlesen

»Die Diktatur der Moral. Wie ›das Gute‹ unsere Gesell­schaft blo­ckiert« von Günter Ogger

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»Planet Magnon« von Leif Randt

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