»Die Psychopathen unter uns« von Joe Navarro

Nachdem man dieses Buch gelesen hat, meint man, die Welt bestünde nur noch aus Psychopathen. Überall – und man selbst mittendrin. Ebenso ein Psychopath. Wahlweise Narzißt, emotional instabile oder paranoide Persönlichkeit oder das dissoziale »Raubtier« (Begrifflichkeit von Navarro). Der Ex-FBI-Agent … Weiterlesen

»Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?« von Dave Eggers

Thomas ist ein weißer Amerikaner. Nach außen hin Mittelmaß; er wuchs bei seiner al­leinerziehenden Mutter in einer Kleinstadt auf, besuchte eine Schule und ein College – und sieht sich nun in einer Sinnkrise. In den Dreißigern stehend betrachtet er sein … Weiterlesen

»Die Diktatur der Moral. Wie ›das Gute‹ unsere Gesell­schaft blo­ckiert« von Günter Ogger

Seit jeher sind Menschen als auf ihren eigenen Vorteil bedachte Wesen bekannt, die mit Lügen, Betrügereien, Gewalt, Tricksereien kein Problem zu haben scheinen. So lange es nicht die anderen machen. Ein paar glorreiche Ausnahmen gibt es immer; Menschen, die als … Weiterlesen

Wieviel Blut ist literarisch wertvoll?

Beim Steak hat man die Wahl: mag man’s lieber blutig und roh, leicht durch und mit dieser blutigen Ahnung oder doch eher vollkommen in seiner Zartheit gebraten und mit einer würzigen Note verfeinert, die die Brutalität, die dem Fleischstück in seinem Weg auf den Teller des Genießers innewohnt, vergessen läßt?

Ähnlich ist es auch bei der Wahl eines Thrillers oder Kriminalromans. Brutalität und Blutvergießen ist meist essentieller Bestandteiler dieser Genre, doch wieviel dieser Elemente wirklich noch literarisch vertretbar ist, dazu hat Miriam Semrau (Krimimimi) auf dem Onlineauftritt des Börsenblattes des Deutschen Buchhandels klar Stellung bezogen: für sie überbieten sich Autoren von Kriminalromanen und Thrillern immer mehr in einem Wettbewerb der Grausamkeiten und sie fordert, die Flut an Gewalt und Blutströmen, die aus den Seiten zu fließen scheint, möge aufhören. Daß man wieder mehr zu raffiniertem Thrill zurückfindet, denn zu »plumpen Gemetzel«. Daß aus dem literarischen Ekel ein die Sinne in vielfältigster Weise anregender Lesegenuß wird.
Eine Vielzahl der Kommentatoren, darunter auch Autoren, stimmen ihr zu und sind begeistert, daß Semrau die Verrohung in der Literatur anspricht. Auch wenn einige versuchen, zu differenzieren, sind sie doch d’accord mit Semrau.

Doch ist es um die blutige Landschaft der Kriminalliteratur wirklich so schlimm bestellt, wie man hier vermuten könnte? Daß einem beim Großteil der Literatur der Ekel nur so aus allen Poren gequollen kommt und man sich am liebsten einen Eimer neben die einst gemütliche Leseecke stellen will?

Ich denke, man kann der gesamten Literaturwelt schon konstatieren, daß sie die Grenzen des guten Geschmacks stellenweise gehörig hinabsetzte. Ich erinnere mich an ein Buch, das mein erstes Schock-Erlebnis mit dieser dunklen Ecke der Literatur war. Der Name war bezeichnend und ich kam mir beim Lesen wie die beschworene Unschuld vor: »Ich hab die Unschuld kotzen sehen« von Dirk Bernemann. Da fragte ich mich schon nach den ersten Seiten verzweifelt »Muß das sein?«. Nach diesem literarischen Erlebnis kam »American Psycho« von Bret Easton Ellis in mein Regal. Ein Aufregerroman; schon allein die Verfilmung mit Christian Bale war nicht immer appetitlich anzusehen – der Roman setzte dem Ganzen noch die Krone auf. Kontrovers wurde das Werk besprochen und es galt: entweder man liebt oder man haßt es. Und hier zeigte sich auch das literarische Potential, das auch einer moralisch so verpönten Kraft wie der Gewalt und Brutalität innewohnt.

Aber ist Gewalt in der Literatur immer nur dann halbwegs geduldet, wenn sie eine »poetische Qualität« aufzuweisen hat? Semrau befürchtet hier – ähnlich der nicht enden wollenden Debatte um Gewalt in Musik, Computerspielen und anderer Medien – einen negativen Einfluß auf den Leser, gerade wohl auf die, die sich zu sehr in die Figuren hineinversetzen und gern auch mal die Innensicht des Mörders/Bösewichts/Wahnsinnigen einnehmen. Ob dieser Effekt tatsächlich gegeben ist und zu gewalttätige Literatur auf den Leser auch eine abstumpfende Wirkung hat, weiß ich nicht. Ich, als Ab-und-zu-auch-mal-einen-Thriller-Leser habe diesen Effekt noch nicht bemerkt. Mitmenschen, die mich näher kennen, mögen mich korrigieren.

Die Frage ist auch, inwieweit diese Tendenzen nur die Kriminalliteratur, Thriller oder Roman Noir betreffen, die Semrau ins Feld zieht. Kommt ein Krimi ja schon mit anderen Elementen aus als beispielweise ein Thriller. Und was ist mit der Literatur anderer Genres?

Effekthascherei wurde alle Zeiten mit der Literatur betrieben und es wurde immer wieder gern von Sprachpuristen und, ich möchte sie – man möge mir nicht den Kopf abreißen, will ich doch sagen, daß ich selbst tendenziös eher zu ihnen zugehörig bin – Konservative nennen, gegen die Überschreitung von Grenzen gewettert. Was mußten die Vertreter des Naturalismus oder des Expressionismus über sich ergehen lassen, wie sie es nur wagen könnten, Schmutz und Unwertiges zum Mittelpunkt einer Erzählung oder eines Bildnisses zu machen. Und was wurde auch die grausigen Geschichten einer schwarzen Romantik oder die schlüpfrigen Geschichtchen der ominösen gelben Heftchen geschmäht?

Ein ungehaltener Buchkäufer hatte (bisher) das letzte Wort der Kommentare. Er schrieb:

»Als Leser (und Käufer) von Krimis möch[t]e ich mich weder von Frau Semrau noch vom Buchhändler belehren lassen, wie blutig oder unblutig es sein darf und was in dieser Hinsicht korrekt ist oder nicht. Das entscheide ich immer noch selbst!«

Und, auf welcher Seite steht ihr, egal ob als Leser und Käufer, oder vielleicht selbst Autor solcher Geschichten? Könnt ihr die Haltung der Verlage verstehen, die solche Literatur aus meist rein ökonomischen Gründen verlegen oder denkt ihr, da müßten sie als Vermittler viel stärker auch einer moralischen Verpflichtung nachkommen?

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

»In einem anderen Leben« von Linus Reichlin

Luis Maiwald wird Zeit seines Lebens von einem Gespenst heimgesucht. Dieses Ge­spenst hat seinen Ursprung in seiner Kindheit und taucht in Form seines trunksüchtigen Vaters, der sich immer wieder auf’s Heftigste mit seiner temperamentvollen Mutter strei­tet, auf. Früher, als Kind, … Weiterlesen

»Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen« von Thilo Sarrazin

Nur wenige Menschen haben in letzter Zeit für soviel Wirbel in einer politischen Debatte gesorgt wie Thilo Sarrazin. Einst Vorstand der Deutschen Bahn AG, Finanzsenator im Berliner Rat und Politiker der SPD, machte er mehr mit seinem Aufreger-Buch, das den … Weiterlesen

»Dunkelsprung. Vielleicht kein Märchen« von Leonie Swann

Zauberei, Magie und unbegreifliche Illusionen haben die Menschen seit jeher begeistert und angezogen. Zahlreiche Fabelwesen hüpfen durch die Sagen und Märchen aller Völker und allerlei Panoptiken wanderten schon durch die Lande, um ihre Kuriositäten einem neugierig-staunenden Publikum zu präsentieren.

Julius Birdwell ist talentierter Juwelier mit eigenem Geschäft in London sowie passionierter Flohzirkusdirektor mit eigenen kleinen blutsaugenden Artisten. Als er eines Tages bei einem halbherzigen Selbstmordversuch in die Themse stolpert, begegnet er einer Nixe, die ihm ein Versprechen abnimmt: Er soll nach einer weiteren schuppigen und befloßten Dame suchen, die sich in den Fängen eines bekannten Zirkusdirektors namens Fawkes befindet und sie zurückbringen. Dabei bekommt er bald Unterstützung von einer Frau mit Hörnern namens Elizabeth Thorn, dem unter Gedächtnisverlust leidenden Detektiv Frank Green mit grünem Drachen und der alten, aber resoluten Rose Dawn mit ihren mystischen Wesen.

»Nur weil Sie etwas nicht sehen können, heißt das noch lange nicht, dass es nicht da ist.« (S. 194)

Leonie Swann, geboren 1975 in der Nähe Münchens, hat schon mit denen beiden Bestsellern »Glenkill« und »Garou« gezeigt, daß Tiere in ihren Romanen eine große Rolle spielen. In dem kürzlich bei Goldmann erschienenen Roman »Dunkelsprung. Vielleicht kein Märchen« bleibt sie dieser Linie treu.
Allein schon die Umschlaggestaltung wird den einen oder anderen potentieller Leser fantasiereicher Geschichten aufmerksam gemacht haben. Mit seinen Ranken, Schnörkeln und Motiven wirkt es wie eine schöne Zirkuskarte, die den Leser in ein wundervolles Reich entführen will.

CoverIch denke, Swann wählte nicht umsonst die Kulisse Londons, um ihre Erzählung zu entspinnen; gelten die Briten doch seit langem als sehr gespensteraffin. Es spukt, kreucht und fleucht nicht nur in englischen Märchen kräftig, auch viele Burgen und Schlösser der Insel gelten heute noch als Geisterhochburgen und Elfen und andere mythologische Wesen sollen Wälder und Wiesen bevölkern. Der Autorin gelingt so meist der heikle Spagat zwischen Darstellung des modernen Menschen, der magische Wesen für unmöglich hält und denen, die daran glauben (und auch überzeugt sind, solchen Wesen begegnet zu sein). An manchen Stellen verschwimmen die Grenzen immer ein wenig und wenn der Leser nicht über Handys, Computer und dergleichen stolpern würde, entsteht im Kopf oft das Bild einer magisch angehauchten Welt des Mittelalters oder der frühen Neuzeit. Swann hält sich nicht lang mit detaillierten Umgebungsschilderungen auf, hier und da fallen ein paar Straßennamen, die dem Leser durchaus bekannt sein dürften, sonst aber überläßt sie es ihm, sich die Lokalitäten vorzustellen. Da fallen Beschreibungen der magischen Wesen doch weit umfangreicher und bunter aus, wobei die Autorin auch den klugen Schachzug tat und die Kreaturen bekannten tierischen Paten ähneln –man findet Schnecken-, Reh- und Fuchsartige. Das lenkt die Fantasie natürlich auch ohne große Worte in eine bestimmte Richtung, macht sich dann aber bemerkbar, wenn ein Wesen kein tierisches oder florales, bekanntes Vorbild hat, wie das beispielsweise bei Hunch oder Thistle der Fall ist.
Dieses Buch wäre aus diesen Gründen aber perfekt für schöne Illustrationen geeignet.

Die große Stärke liegt aber besonders im erzählerischen Duktus. Ähnlich einem Märchen werden mit zahlreichen Metaphern und Bildern gearbeitet, oft Vergleiche gesucht und auch gefunden. Zwar nicht immer ganz rund und stimmig (»Ihr Gesicht ist glatt wie ein Teich […]« S. 14), aber in Mehrzahl gut gewählt, oft auch ungewöhnlich und kreativ. Auch auf ein, zwei erzählerische und stilistische Fehler stößt man aber beim Lesen. So wird beschrieben, wie sich Elizabeth nach der Fütterung mit Milch, die wie eine Droge für die Wesen ist, sich vor der Tür übergibt und »unbarmherzig jeden letzten Tropfen Milch wieder aus sich herauswürgte« (S. 326).
Der Satzbau ist in der Regel sehr einfach gehalten und von Parataxen geprägt, sodaß man den Satzfaden nicht verlieren kann. Ein wenig Abwechslung hätte da aber keineswegs geschadet und die Erzählung syntaktisch aufgelockert. Eine Erzählung, die sehr auf Dialogen und verbalisierten Gedankensätzen fußt. Und hier liegt auch ein Knackpunkt, der mir mit fortschreitender Erzählung immer mehr und immer öfter ins Auge stach: die unnötige Wiederholung der Namen der Personen, sei es in Schilderungen oder Dialogen – als könne sich der Leser diese nicht merken.

»Nur gut, dass Green nicht viel auf seinen Teppich hielt! Jedes Mal, wenn Hunch den Hahn öffnete, stieg eine dicke Luftblase durch das grünliche Wasser nach oben, und bei jeder Luftblase stieß Hunch sein albernes Vogelkichern aus.
Green sah der Sache eine Weile zu […]
Hunch wandte sich sehr langsam und sehr widerwillig von dem Wasserspender ab und erinnerte Green dabei unangenehm an ein Rhinozeros […]. Green […] schluckte.
Hunch rieb sich die kleinen Spinnenhände, und dann, Schritt für Schritt, kam er auf Green zu. Green spürte wieder das alarmierende Kribbeln in seinem Nacken.«
(S. 130)

Dieses auffällige Fehlen von verschiedenen Pronomen läßt den Text an manchen Stellen unfertig und ungeschliffen erscheinen und das ist in Hinblick auf das fantasievolle Erzählgebilde betrüblich.
Es schlummert aber viel philosophisches und nachdenkliches in der Erzählung, interessante Fragestellungen, nette Denkanstöße. Jeder Protagonist erhält sein eigenes Kapitel, in dem, die chronologische Erzählung nicht unterbrechend, ihre Besonderheiten in den Fokus gestellt wurden. Und so hat jeder auch seine Probleme und damit verbunden werden individuelle Leitsätze. Im Besonderen geht es um die Wahrnehmung und die Frage um die tatsächliche Realität, wobei Swann an der Existenz magischer Wesen wenig Zweifel läßt. Julius Birdwell zeigt, inwiefern Dinge, die man nicht sieht (allein seine Flöhe sind klein, aber bewegen Großes), trotzdem existent sind, Green stellt die Frage nach der eigenen Persönlichkeit und der Möglichkeit, seine Individualität zu formen und inwieweit Erinnerungen unauslöschlich sind und Fawkes mit seinen Wesen stellen nicht nur Swanns Figuren vor die Frage nach Gefangenschaft, Abhängigkeit und Freiheit.

Auch Humor kommt nicht zu kurz und immer wieder darf man hier und da herzhaft auflachen, wenn es Swann gelingt, ein abstruses und überaus komisches Bild zu kreieren, das durch die Verknüpfung aus Fantasieelementen und der uns bekannten Wirklichkeit immer wieder entsteht. Gegenstände und Tiere werden vermenschlicht, ihnen werden Verhaltensweisen nahegelegt, die sie ins Komische verkehren. Als es in einer Bibliothek zum Kampf zwischen den aus Fawkes Haus geflohenen Wesen und denen, die sie wieder zurückholen wollen, kommt, beteiligen sich auch die Bücher aus den Regalen rege an der Fehde und attackieren den verdutzten Hunch. »Hunch schlug sie aus der Luft wie lästige Schmetterlinge, aber ab und zu traf ihn ein beherzter Foliant am Kopf, oder es gelang einer kritischen Ausgabe, nach seiner Hand zu schnappen. Shakespeares gesammelte Werke hängten sich an den Saum seines Trenchcoats und hielten ihn fest.« (S. 222)

Es war ein gutes und auch bezauberndes Buch. Zwar gibt es schon einige Romane, die sich der Magie und der zauberhaften Welt des Zirkuslebens annehmen (so zum Beispiel Morgensterns »Der Nachtzirkus«), doch Swann hat mit der Idee, einen Flohzirkus mit seinen kleinen Artisten in den Blickpunkt zu setzen und Figuren aus dem Zirkus- und Geistesleben zu wählen, die verbrieft sind, auch neue Akzente in diesem Genre gesetzt.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.