»Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken. Die schrägen Typen der Pariser Journaille« von Honoré de Balzac

»Es sind Besessene, deren harmloser Wahn den gläubigen Abonnenten einlullt und den selbstdenkenden Abonnenten belustigt.« (S. 10) Wo Honoré de Balzac hinschlägt, da wächst selten noch Gras. Sein diesmaliger Hieb geht vorallem gegen die Pariser Journalisten und Zeitungen, die gerade … Weiterlesen

»Viviane Élisabeth Fauville« von Julia Deck

Sie sind zweiundvierzig Jahre alt. Ein gerade mal zwölf Monate altes Kind wiegen Sie in Ihren Armen, während Sie in ihrem Schaukelstuhl sitzend in Ihre leere Wohnung starren. Von Ihrem Mann erst kürzlich verlassen, spüren Sie, wie Ihr Leben langsam zerbricht. Aber Sie wissen noch etwas ganz anderes. Eine schreckliche Tatsache. Ihr Psychoanalytiker ist tot. Und Sie haben das Messer gehalten, daß durch seinen Bauch schnitt.

»Sie sind am 15. Oktober ausgezogen, haben eine Kinderfrau gefunden, Ihren Mutterschaftsurlaub aus gesundheitlichen Gründen verlängert, und am 16. November, also gestern, haben Sie ihren Psychoanalytiker umgebracht. Sie haben ihn nicht symbolisch umgebracht, wie man irgendwann den Vater umbringt. Sie haben ihn mit einem Messer der Marke Henckels Zwilling, Serie Twin Profection, Modell Santoku, umgebracht.« (S.14)

Und nun irren Sie durch Paris, um mögliche Zeugen des Vorfalles zu finden und über ihre Beobachtungen auszufragen. Und die Polizei sitzt Ihnen im Nacken, da sie Sie für die Hauptverdächtige halten.

(wagenbach.de)

Viviane Élisabeth Fauville ist eine Frau mittleren Alters, die einen gutbezahlten Job hat und in einem der besten Arrondissements Paris’ lebt. Doch als ihre Beziehung in die Brüche geht, geht es auch mit ihrer seelischen Verfassung rapide bergab. Durch den Mord an dem Arzt und ihrer anschließenden Odyssee durch Paris wird das Spiel um ihrer Persönlichkeit immer verworrener und bald kann man gar nicht mehr wissen, was Realität und was Traum ist.

Dabei kommt das Erstlingswerk der französischen Autorin Julia Deck zuerst wie ein Kriminalroman daher, wie man ihn sehr oft liest. Doch zunehmend wird klar, daß hier viele sonst immer so klar festgesteckte Regeln eines hausüblichen Krimis auf den Kopf gestellt werden und man immer tiefer in einen Strudel gezogen wird, bei dem man nicht weiß, was an dem, was die Protagonistin zu berichten weiß, wirklich wahr ist. Sie verstrickt sich immer wieder in Widersprüche, scheint eine verzerrte Zeitwahrnehmung zu haben und scheint von psychischen Problemen getrieben.

Besonders charakteristisch und spannend sind die Perspektivwechsel. Dabei wird alles aus der Sicht der Protagonistin geschildert, aber sie wählt verschiedene Arten der Distanzierungen und Perspektivwechsel, um ihre Situation möglichst genau erläutern zu können. So findet sich der Leser im Wirbel um Ich-, Sie- und Es-Perspektiven wieder. Oder wie der Psychoanalytiker sagte: das Spiel mit dem Subjekt. Man merkt Vivianes verzweifelte Suche nach sich selbst und ihren Kampf, diese Situation zu meistern, zu schildern und sich davon zu distanzieren, an.

Die Geschichte ist intelligent konstruiert und bietet einen besonders interessanten Wendepunkt, auch wenn man ihn an manchen Stellen schon durchschimmern sieht. Einfach zu lesen ist das Werk aber keinesfalls. Deck schafft es, den seelischen Verfall der Protagonistin auf sprachlicher Ebene besonders eindrücklich darzustellen. Aber gerade das, gepaart mit einem hypotaktischen Satzbau, der manchmal fast gedankenstromartige Züge annimmt, kann den Leser oft verwirren und lange Zeit nicht wissen lassen, was nun eigentlich gerade passiert. Zahlreiche Ortwechsel, die auch die wirre Odyssee durch Paris mit sich bringen, bringen Spannung, wirken aber manchmal recht lose verknüpft. Die Sprache ist äußerst nüchtern und rigide, wodurch eine enorme, unüberbrückbare Distanz zum Geschehen geschaffen wird. Dem Leser wird es unmöglich gemacht, auch nur die kleinste emotionale Verbindung zu einer der Figuren aufzunehmen. Sämtliche Akteure bleiben Schemen und erscheinen eher wie leblose Marionetten denn wie fühlende Menschen. Diese emotionale Distanz findet sich auch in der losen Aneinanderreihung von verschiedenen, nicht miteinander in Verbindung stehenden Taten der Protagonistin, die damit nur ihren tristen Alltag unterstreichen will. Zeitliche, räumliche oder logisch verknüpfende Wahrnehmungen sind Viviane durch ihre seelische Erkrankungen schon bald nicht mehr möglich – und das spiegelt sich in der Art und Weise, wie sie davon berichtet, immer wider.

Bedauerlicherweise gibt es besonders im letzten Drittel der Erzählung einen recht tristen Durchhänger, bei dem man als Leser zunehmend ermüdet. Die Geschichte tritt auf der Stelle, Informationen, die gegeben werden, haben nur bedingt zur Folge, daß es vorangeht. An diesen Stellen schaltet der Leser, gerade durch den verworrenen Schreibstil, schnell ab.

Im Grunde ist es ein eigentümliches Werrk, eines, das man so nicht allzuhäufig in den Regalen findet. Es ist auch kein Wohlfühlbuch, sondern eines, das sich mit der schwierigen Thematik psychischer Erkrankungen und dem Umgang damit befaßt. Dabei ist Julia Deck hoch anzurechnen, mit welchen sprachlichen Finessen sie diese bebildert und dem Leser vor Augen führt, ohne daß er es gleich merkt. »Viviane Élisabeth Fauville« ist ein Versteckspiel zwischen Realität und Wahn, daß im Mäntelchen eines Kriminalromans daherkommt und den Leser immer wieder überrascht und verblüfft zurückläßt.

Bedauerlich sind da nur die zeitweiligen Längen und Durchhänger, die man bei einem Büchlein von gerade einmal 140 Seiten nun gerade nicht erwartet. Empfehlenswert ist das Buch trotz einiger Makel und besonders Leser, die auf der Suche nach Erzählungen sind, die in die Psyche der Protagonisten abtauchen, werden hieran ihre Freude haben.

Ich möchte an dieser Stelle der guten Kef danken, die die wunderbare Aktion der Literatour ins Leben rief, sodaß ich dieses Buch lesen und meine Gedanken dazu hier äußern konnte.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

„Blanche – Der Erzdämon“ von Jane Christo

Heute möchte ich euch ein weiteres Debüt vorstellen, diesmal aber von einer deutschen Autorin. Die Rede ist hier von Blanche – Der Erzdämon aus der Feder von Jane Christo.

Dieses Buch aus dem Genre Urban Fantasy stellt den Auftakt zu der noch erscheinenden Trilogie rund um die aufmüpfige, junge Blanche mit Auftragskillerblut und ihren dämonischen Begleiter Beliar dar.

Ansprechend ist der Klappentext allemal:

„Es ist nicht einfach, bei einem Profikiller aufzuwachsen, der seine Seele an den Teufel verkauft hat. Doch als Blanches väterlicher Mentor stirbt, muss sie beweisen, was in ihr steckt. Sie wird vom Erzdämon Beliar aufgesucht, der von ihr verlangt, dass sie die Schulden ihres Mentors bezahlt, denn dieser ist nach seinem Ableben nicht wie verabredet in der Hölle erschienen.
Beliar übt eine starke erotische Anziehungskraft auf sie aus, und als sich der Dämon in sie verliebt, wird es kompliziert. Um Blanches Vertrauen zu gewinnen, wendet sich Beliar gegen Saetan und nimmt den Kampf mit dessen Höllenfürsten auf, während Blanche ihre eigene Schlacht schlagen muss. Die Welt, die sie kannte, existiert nicht länger, und sie muss sich entscheiden, ob sie leben oder untergehen will. Ob sie aufgibt, oder sich ihren Gefühlen für den Dämon stellt.“
Ich muss ehrlich und vorweg schon zugeben, dass ich, als ich das las, etwas schmunzeln musste, denn das alles klingt doch zugebenermaßen etwas reißerisch und erinnert an diverse „Einsame-Hausfrauen-Romane“ – jedenfalls, was den zweiten Teil des Werbetextes betrifft.

Inhalt des dämonischen Buches

Blanche ist eine junge Frau, die, gerade wieder in Paris – die Heimat zweier sich bekriegender Mafiaorganisationen – erfahren muss, dass ihr Mentor und Vaterersatz Wayne durch eine Explosion ums Leben kam. Von der Leiche fehlt jede Spur.
Die ausgebildete Kämpferin macht sich nun auf die Suche nach Waynes Mördern, um sie zur Strecke zu bringen, als plötzlich hoher Besuch in ihrer Wohnung aufkreuzt: der Erzdämon Beliar als Stellvertreter des Höllenfürsten Saetan taucht bei ihr auf, um sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass ihr Mentor einst einen Pakt mit dem Herrn der Hölle abgeschlossen hatte, und dafür ihm seine Seele verschrieben hatte.
Nach seinem Tod ist Wayne aber nicht, wie abgemacht, in der Hölle wieder aufgetaucht, sondern hält sich in der sogenannten Zwischenwelt auf. Beliar will nun Blanche als Waynes „Stellvertreterin gewinnen und sie dazu bewegen, Waynes Seele zu suchen, damit er sie wie vereinbart in die Hölle schaffen kann, oder Blanche soll ihres Mentors Platz übernehmen.
Beide Optionen sagen Blanche aber ganz und gar nicht zu, denn sie hat andere Pläne, und die lauten: Waynes feige Mörder zu suchen. So widersetzt sie sich stur Beliars Befehlen.
Der Erzdämon, der von der vorlauten Kämpferin fasziniert ist und Gefühle für sie zu entwickeln beginnt, stellt sich nach einiger Zeit auf ihrer Seite und unterstützt sie in ihrem Kampf gegen die Mörder Waynes – und damit stellt er sich gegen seinen Herrn Saetan, der prompt seinerseits Höllenfürsten schickt, um den abtrünnigen Dämonen wieder zur Besinnung zu bringen. Damit beginnt, sich ein Kampf an mehreren Fronten zu entwickeln, in denen die Hölle auf Erden ausgetragen wird.

 

Mein Lesegenuss

Ja, wie gesagt, das Buch hört sich irgendwie lustig an – und das ist es auch. Blanche ist die geborene Zynikerin, die in ihrem Leben soviel Schlechtes erfahren hat, dass sie dasselbige nur noch mit einer großen Portion Galgenhumor und sarkastischer Sprüche zu nehmen weiß. Und den Leser lässt sie mit Vorliebe an ihren Gedanken teilhaben.
Genau dieser staubtrockene Zynismus machte für mich die sonst so unnahbare Blanche fassbar und auch sympathisch und entlockte mir nicht nur einmal ein herzhaftes Lachen, wenn ich wieder mal einen kurzen, kernigen Gedanken, der mit einer gehörig gesalzenen Note versehen war, las, den Blanche zu den Aussagen ihrer Gesprächspartner übrig hatte.
Bei Blanche (und leider nur noch bei der Prostituierten Antonella, kurz „Nella“ genannt) gelang es der Autorin auf lobenswerte und grandiose Art und Weise, eine Charakterisierung vorzunehmen, die vielschichtig und in den meisten Fällen auch durchaus glaubhaft ist.
Blanche ist in ihrem Wesen eine Figur, die es gelernt hat, in ihre Welt zu (über-)leben; sie ist eine starke Kämpfernatur mit ihren weichen Seiten, die sie aber selten zeigt, da sie fürchtet, durch ihre Erfahrungen mit dem unbarmherzigen Leben verletzt zu werden – und so etwas kann und will sie sich nicht leisten. Und genau das macht sie auf ihre Art sympathisch, sodass man als Leser geneigt ist, mit ihr mitfühlen und mitfiebern zu wollen.Es ist bedauerlich, dass eine derartig differenzierte Charakteristik augenscheinlich gerade bei den Herren der Schöpfung in diesem Roman nicht anzutreffen ist und gerade das unterstreicht das Bild von einem sogenannten „Nackenbeißerroman“, auch wenn ich diesen hier nicht zu dieser Gattung zählen möchte.
Aber gerade Beliar, der der Beschreibung nach auch noch verboten gut aussieht (selbst mit bei einem mit Narben übersähten Körper) verkommt mir hier zu stark zum „Pantoffelhelden“, der sich von Blanche derart verzaubern lässt, dass er alles für sie tun mag. Dabei wird auch gerade in den Szenen Beliar-Blanche mir persönlich das erotisch-sexuelle Moment zu sehr in den Mittelpunkt gestellt und oftmals ihre ganze Beziehung auf diese Basis gestellt. Immer, wenn sie sich treffen, hat Beliar irgendetwas an ihr „herumzuknabbern“, was mich irgendwann wirklich störte.
Auch ihrer erklärter Erzfeind und Mörder Waynes, der auf den netten Spitznamen „Zoey“ hört und zur russischen Mafia gehört, scheint „voll auf sie abzufahren“, was Blanche damit kommentiert, dass wohl nur kranke Typen an ihr Gefallen finden, was anscheinend auch noch stimmt.
Ich denke, wenn besonders Beliar eine vielschichtigere Persönlichkeit erhalten hätte, anstatt in einem durch sich nur in lieblichen Singen und dämonischen Knurren zu ergeben, hätte die Beziehung zu Blanche eine viel intensivere Note bekommen und damit auch an Glaubhaftigkeit gewonnen, anstatt sich nur in bedeutungslosen Sex zu ergießen.
Denn genau da setzt auch ein Punkt an, den ich für teilweise zu übertrieben halte. Wie nämlich „ernähren“ sich die Dämonen, die wir hier kennenlernen dürfen? Selbstverständlich von (schlechten bzw. starken) Emotionen, Blut und – natürlich – Sex.

Sieht man aber von der rein erotischen Ebene ab, offenbart sich hier durchaus eine glaubhafte Geschichte um die Bandenkriege in den düsteren Ecken der französischen Hauptstadt. Jane Christo glänzt hier mit einem überzeugenden Wissen über diverse Waffentypen und der Landschaft Paris‘, von dem sich der Leser auch gern mitreißen lässt.
Auch ihre Beschreibungen von den Kämpfen sich fesselnd und hochspannend sowie mit dem richtigen Tempo gestaltet, der es dem Leser ermöglicht, mitfiebern ohne dabei Details aus den Augen zu lassen. Denn gerade viele dieser Details konstruieren eine gute Umgebung, die man oft durch die Augen der geschulten Jägerin Blanche sieht.
Dabei ist auch der Krieg zwischen den beiden Mafiabanden, die sich zum Teil erbarmungslose Schlachten liefern spannend und macht das Schicksal des Einzelnen meist fassbar, auch wenn viele gesichtslose Bandenmitglieder den grausamen, nichtssagenden Tod sterben müssen. Aber wahrscheinlich geht’s in einer Geschichte nicht ohne das.

Gegen diese fast nüchterne Darstellung des Bandenkrieges wirkte der Kampf der himmlischen – oder eher höllischen – Kräfte fast etwas abgehoben. Aber dafür ist es ja zurecht als „Urban Fantasy“ deklariert.
Dabei gefiel mir aber die Art, wie die Mächte dargestellt wurden, auch wenn da auf einige Stereotypie zurückgegriffen wurde und ein „Schema Schwarz-Weiß“ bedient wurde. Tja, da bekommt der Name „Advocatus Diaboli“ eine ganz neue Bedeutung, wenn man da die Beschreibung mancher Höllendämonen liest, aber ganz deutlich wurde wohl auch: ohne Bürokratie geht’s heutzutage auch nicht mehr in der Hölle und der Meister des Höllengrills besteht auf seinen Seelen. Sollte aber der Kontrakt von einer Seite gebrochen werden, dann wird es heiß auf der Erde.
Das kennt man schon seit Goethes „Faust“. Wahrscheinlich wird der Kampf zwischen Himmel und Hölle nie enden.

Hier jedenfalls wird er noch zwei Bände weitergehen.
Ein Fazit zum Schluss möchte ich euch aber auch nicht vorenthalten. Mir hat das Buch insoweit gut gefallen, es war ein solides, gut durchdachtes Debüt mit einer glaubhaften Geschichte. Einzig die Beziehung zwischen Blanche und Beliar war etwas platt und überzeugte mich so gar nicht – im Gegenteil, ich war immer froh, wenn solcherlei Passagen vorüber waren, aber vieles konnten die rasanten Kampfszenen wieder wettmachen. Zur Lektüre nebenbei am Abend im lauschigen Bett ist es eine nette und willkommene Abwechslung, aber mehr war es jedenfalls für mich nicht.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai