»Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken. Die schrägen Typen der Pariser Journaille« von Honoré de Balzac

»Es sind Besessene, deren harmloser Wahn den gläubigen Abonnenten einlullt und den selbstdenkenden Abonnenten belustigt.« (S. 10)

Wo Honoré de Balzac hinschlägt, da wächst selten noch Gras. Sein diesmaliger Hieb geht vorallem gegen die Pariser Journalisten und Zeitungen, die gerade im 19. Jahrhundert eine wahre Blütezeit durchlebten. Zahlreiche neue Tageszeitungen schossen wie Pilze aus dem Boden, Journalisten, Kritiker und Feuilletonisten tummelten sich zuhauf auf dem Parkett der Presse und beglückten ihre Abonnenten mit Wahrheiten und weniger wahren Absonderlichkeiten. In diesem lebhaften Biotop machte auch der noch junge Honoré de Balzac seine ersten journalistischen Versuche und Jules Janin stellt es richtig dar, wenn er sagt, daß Balzac durchaus von der zeitgenössischen Kritik profitierte (S. 199). Doch man könnte meinen, die Dankbarkeit währte nicht lang und er setzte an zum Hieb gegen seine Gönner und auch Gegner. Eine Typologie der Pariser Journalistenszene ist es geworden, eine Schrift gegen all die Edelfedern, Ohrasendrescher und Schmierfinken, die den guten Ruf der Presse drohen zu zerstören.

Balzac ist diesmal aber nicht nur der filigrane Feingeist, der mit übermäßigen Witz und Charme in unnachahmlicher Weise dem Leser den Sinn und Unsinn eines Claqueurs aufzeigt oder mit scharfem Auge das Wesen der Menschen analysiert, er ist auch ein bißchen bissiger als man ihn üblicherweise kennt. Sein Seziermesser ist gewetzt und angesetzt, es gleitet durch die Journalistenmasse wie durch Butter: Zeilenangler gibt’s da, und Nihilisten und politisch anhängliche Exemplare, die wahlweise als Publizisten oder Kritiker aufzutreten vermögen.
Dabei läßt Balzac an so gut wie keinem seiner selbstaufgestellten Typen ein gutes Haar; der eine ist zu weich, der andere zu käuflich, der nächste zu starrsinnig.

»Auf wen ist Monsieur de Balzac denn so böse? So geladen war er noch nie, und so rot, und so zornig; niemals war sein Blick erzürnter.«
(»Sancte Balzac, ora pro nobis!«. Jules Janins Entgegnung auf Honoré de Balzacs Typenlehre der Pariser Presse, S. 196)

Ob Balzac auch die moderne Presselandschaft mit hochrotem Kopf anschauen und mit wütender Feder darüber schreiben würde? Gerade in Anbetracht der aktuellsten Debatte über Fake News und die Freiheiten der Presse haben Sätze wie »Man richtet die Presse zugrunde, wie man eine Gesellschaft zugrunde richtet: indem man ihr alle Freiheiten läßt.« (S. 9) bitter, ist denn nicht gerade die Presse- und Meinungsfreiheit eine der großen Errungenschaften der Neuzeit? Und im Wissen um Balzacs verdienstvollen und erfolgreichen Kampf für das Urheberrecht, das Autoren und ihr geistiges Eigentum in einer Zeit der Raubdrucke schützen sollte (sein Plädoyer wurde in das Buch aufgenommen), wirken diese Worte geradezu surreal. Doch kann man Balzac auch nie seine gute Beobachtungsgabe absprechen. Gerade die Arten der Kritiker, die er mit beißendem Spott auseinandernimmt, lassen doch viele Parallelen zum heutigen Kritikerwesen erkennen. Oder, so kann man sich auch fragen, hat sich bis heute nichts verändert, außer das Medium? Da gibt es immer noch den scharfrichtenden Kritiker, der mit Vorliebe alles zerreißt, was ihm unter die Feder kommt und da gibt es den Schönschreiber und den Lobhudler, der für alles, unabhängig von der Qualität, ein gutes Wort übrig hat. Wenn man dieses Buch liest, dann ist man immer wieder ob seiner Aktualität erstaunt und kann, wenn da nicht zahlreiche Anspielungen auf Gegebenheiten der Zeit Balzacs wären, sich des Eindrucks nicht erwehren, ein aktuelles Pamphlet in der Hand zu halten.

Rudolf von Bitter ist es zu verdanken, daß hier eine sehr gute und durchdachte Übersetzung vorliegt, die zum einen den Ton Balzacs in einem passenden Sinne trifft, ohne gestelzt zu wirken oder unlesbar zu werden. Desweiteren wurde das Buch mit einem umfangreichen Glossar angereichert, das ein Namens- und Zeitschriftenverzeichnis aufweist, das dem Leser eine Verständnishilfe an die Hand gibt, Kontexte, die dem Leser des Frankreichs des 19. Jahrhunderts ohne weiteres bekannt sein dürften, nachzuvollziehen.

Sicherlich ist die Lektüre Balzacs heutzutage nicht mehr für jedermann etwas, womit er seine lauen Abendstunden zubringen möchte, wer sich aber darauf einläßt oder gar wie ich ein Liebhaber seiner Literatur ist, dem sei dieses kleine Bändchen mit seinem auffälligen blaumetallenen Druck nur empfohlen, denn es wird ihm einige lustige Lesestunden verschaffen – Balzac kann sehr amüsant und unterhaltend sein, wenn man sich darauf einläßt.

Ich danke dem Manesse Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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