»Die Psychopathen unter uns« von Joe Navarro

Nachdem man dieses Buch gelesen hat, meint man, die Welt bestünde nur noch aus Psychopathen. Überall – und man selbst mittendrin. Ebenso ein Psychopath. Wahlweise Narzißt, emotional instabile oder paranoide Persönlichkeit oder das dissoziale »Raubtier« (Begrifflichkeit von Navarro). Der Ex-FBI-Agent ist während seiner Tätigkeit bei Polizei und FBI zahlreichen Menschen begegnet und die gefährlichen Typen haben ihn besonders fasziniert.
2014 entschloß er sich, ein Buch über diese Persönlicheiten zu schreiben, ihrer Charakteristika herauszustellen und damit Menschen zu warnen, die möglicherweise Umgang mit solchen Psychopathen pflegen. Denn diese Menschen sind in Gefahr. Ist der Psychopath anfänglich zuweilen einfach nur lästig und nervig, kann dieses Wesen laut dem Autoren schnell umschlagen und radikalisiert werden. Denn der Psychopath ändert sich nur selten – einzig für den Paranoiker und die instabile Persönlichkeit gäbe es Hoffnung auf psychische Genesung.

Das stimmt pessimistisch.

Joe Navarros Anliegen ist, wie er nicht müde wird, zu betonen, der Schutz von Betroffenen. Er will sie warnen, aufklären und sie in ihrer Meinung bestätigen. Sie haben einen penetrant nervigen Kandidaten um sich herumspringen, der Sie immer runterputzt, vor anderen beleidigt oder seine eigenen Leistungen in die Höhe lobt? Dann lesen Sie mal lieber das Kapitel zum Narzißmus. Oder ist Ihr Partner ein zurückgezogen lebender Eremit, der schnell auf 180 ist, seinen Nachbarn und sowieso jeden, der ihn nicht unterstützen mag, haßt und irgendeiner verschrobenen Verschwörungstheorie nachhängt? Dann herzlichen Glückwunsch zum Paranoiker.
Navarro widmet seinen vier ausgemachten Haupttypen jeweils ein Kapitel, in dem er die Merkmale darlegt und beschreibt, wie sich diese Person in Beruf und Partnerschaft verhält, welche vorrangigen Charaktereigenschaften ihn beschreiben, vermischt diese gern mit seinen eigenen Erfahrungen und Warnungen. Um das Bild abzurunden, führt er am Ende seiner Schilderungen einen Wust an Adjektiven und Bezeichnungen an, mit denen Betroffene diesen Menschenschlag beschreiben. Der praktische Nutzen dieser Textbox bleibt aber diffus. Als wertvoller eingeordnet wird vom Autoren der Fragebogen am Ende des Kapitels – hier kann ein Betroffener mittels einfacher Ankreuzfragen erfahren, ob betreffender Paranoiker einfach nur lästig ist oder zum nächsten Briefbomber werden wird. Das ist sicherlich sehr amüsant und aufschlußreich, muß aber nicht immer zielführend sein.

Da in freier Natur aber diese Typen nicht immer in Reinform auftauchen, widmet Navarro den Mischtypen aus mehreren psychologischen Störungen ein weiteres Kapitel, da er in Personen mit kombinierten Komplexen ernsthafte, wenn nicht gar tödliche Gefahren sieht. Als berühmteste Beispiele werden immer wieder gern Adolf Hitler, Josef Stalin oder Pol Pot herangezogen, allerdings werden sie als totale Maske das Bösen einfach so dahingestellt und ihre angebliche Störung nicht weiter erläutert oder gezeigt, wieso das Verhalten jetzt auf einen Psychopathen hindeutet. Damit werden sie zu Klischees, deren einziger Zweck es ist, das personifizierte Böse zu spielen ohne daß sie einen Nutzen für Navarros Schilderungen hätten. Die Menschen wissen sie schon in ihre richtigen Kategorien einzuordnen, meint man. Und wie man diese kombinierten Gefahren erkennt? Man macht einfach die vier Ankreuztests und schaut, bei welchen der vier Typen gravierende Ausschläge zu betrachten sind.

Und welche Rolle spielen die Mitmenschen des Psychopathen, ob nun bereits zum Opfer geworden oder in der potentiellen Rolle, Geld, seelische und körperliche Gesundheit oder gar das Leben zu verlieren? Für Joe Navarro eine große Rolle und das wird er auch nicht müde zu betonen.

Drei Jahre nach diesen Vorfällen sprach ich mit Sara, und der finanzielle Verlust schmerzte sie noch immer. […] Ebenso herzzerreißend fand ich jedoch, dass Sara, wie sie sagt, ihren »Glauben und ihr Vertrauen in andere verloren hatte.« (S. 37)

Und er möchte die Menschen mit seinem Buch schützen – oder besser: anleiten zum Selbstschutz. Der Leser soll das Ungetier mit den reptilienhaft kalten Augen sofort erkennen können und sich von ihm entfernen. Denn das ist im Grunde sein Rat: erkennen und betreffende Person umgehend aus dem eigenen Leben entfernen. Das ist so gesehen ein sicherlich guter Ratschlag, denn die schlimmen Psychopathen, die wirklichen Narzißten und antisozialen Menschen laugen ihre Mitmenschen so lang aus, bis sie ein mentales und konstitutionelles Wrack sind. Diese Erkenntnis Navarros ist ebenso richtig wie traurig. Doch für ihn stellt schon der kleine Chef mit einem narzißtischen Minderwertigkeitsomplex eine Gefahr dar. Und wie lebensnah ist es dann, einfach zu kündigen? Und wie einfach ist es, sich von dem mental instabilen Partner, den man doch liebt, zu trennen?

Man bekommt beim Lesen des Buches zunehmend das Gefühl, Navarro hätte durch seine Tätigkeit zu viel Kontakt mit wirklichen Psychopathen gehabt und sieht nun in jedem Menschen einen potentiellen Gewalttäter. Dadurch stellt er die Gesellschaft unter einen Generalverdacht. Man liest und könnte glatt meinen, man wäre von Psychopathen umgeben. Und wenn man ehrlich ist, ist man selbst auch einer.

Navarro liefert erste, leicht lesbare Einstiege in die Thematik, er gibt dem Leser eine einfache Leitlinie an die Hand, an der man einzelne psychische Charakterstörungen erkennen kann, doch er verliert sich in Verallgemeinerungen, die schlußendlich auf alle Menschen zutreffen könnten und somit das Bild einer psychopathischen Welt ergeben, in der nur noch wenige Menschen gesund scheinen und man als Leser mit der Frage zurückbleibt: »Bin ich auch schon ein Psychopath?«

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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