»Sherlock Holmes & die Vampire von London« von Sylvain Cordurié und Vladimir Krstic-Laci

Der britische Meisterdetektiv Sherlock Holmes ist seit seinem literarischen Erscheinen immer wieder Mittelpunkt verschiedener medialer Neubearbeitungen gewesen, seien es ehrfurchtsvolle, satirische oder gänzlich moderne Adaptionen, und mal war Sherlock alt, dann wieder ein gutaussehender Jugendlicher. Das Phänomen Sherlock Holmes scheint unerschöpflich und bietet viele Anknüpfungspunkte für unterschiedlichste Formate.

So ist es wenig erstaunlich, daß Holmes nicht nur Jack the Ripper jagt (»Sherlock Holmes und Jack the Ripper«), sondern auch mit dem Übersinnlichen Bekanntschaft schließen darf, wie im Comic »Sherlock Holmes vs Zombies«. In der Graphic Novel »Sherlock Holmes & die Vampire von London« (Splitter Double) von Sylvain Cordurié und Vladimir Krstić-Laci soll der Detektiv jetzt die düstere Londoner Gesellschaft – die mit den spitzen Eckzähnen und der Leidenschaft zu Blut – hautnah erleben.
Kurz nach seinem vermeintlichen Tod in den Tiefen der Schweizer Reichenbachfälle befindet sich Holmes gesund und munter in Paris und genießt sein Leben. Doch nicht allzu lange, denn plötzlich sind ihm dunkle Personen auf den Fersen, die ihm drohen, Watson und seiner Frau etwas anzutun, sollte er nicht ihres Meisters Wunsch erfüllen.

Sherlock Holmes Vampirjäger – so könnte man dieses Crossover der bekannten Detektivgeschichten mit blutigem Horror schon nennen. Doch ist der Detektiv für diese Rolle wirklich die ideale Besetzung?

»Mumpitz, Watson, Mumpitz!« (»Der Vampir von Sussex«, übers. v. Hans Wolf) – so viel bleibt Holmes  zu sagen, als ihn das Schreiben eines Klienten erreicht, der Hilfe in einer Angelegenheit braucht, in der er seine eigene Frau als Vampirin vermutet, die das Blut ihres gemeinsamen Kindes trank. Für das Übersinnliche scheint Holmes wenig übrig zu haben und für ihn lag schnell eine weit weltlichere Lösung des Problems auf der Hand.
Diesen Charakterzug lassen Cordurié und Krstić-Laci vollkommen außer Acht und so ist Holmes im Sommer 1891 bereits viel offener gegenüber der Existenz von Vampiren. Blitzschnell kombiniert er, daß seine zu seinen Füßen befindliche, tote und gebissene Vermieterin Vampiren zum Opfer fiel und er weiß sich dementsprechend auch gegen seine Angreifer eloquent zur Wehr zu setzen. Und was ein guter Detektiv ist, der informiert sich rasch über seinen Feind._DSC6984

»Ich, der nie ans Übernatürliche geglaubt hatte, begab mich nun auf die Suche nach den Schriften des Professors Abraham van Helsing und konsultierte die Werke, auf die er sich bezog.« (S. 14)

Ein kluger, wenngleich wenig glaubhafter Schachzug. Man kauft Holmes diesen plötzlichen und abrupten Sinneswandel einfach nicht ab und erwartet mehr Skeptizismus und alternative Lösungsmöglichkeiten, bevor er sich so willfährig breitschlagen läßt und sich in den Kampf stürzt. Doch Holmes mausert sich rasch zum versierten Vampirvernichter, der mit Stock, Weihwasser und Magnesium gegen die Nachtwesen antritt.
Auf der anderen Seite erkennt man immer wieder Züge an Holmes, die sich sehr nah an die literarische Vorlage anpassen: seine gewohnte Gelassenheit in jeglichen Situationen, und seien sie noch so abstrus, die Wahl der chemischen Experimente zur Aufklärung eines Falles und seine Ader zur Verkleidung und Schauspielerei.
Dabei kann man dem Autor nicht absprechen, daß er sich Gedanken um die Einordnung in das literarische Original machte. Es finden sich einige Anspielungen auf die Geschichten Doyles, die diese mit der Graphic Novel verknüpfen. Als besonders raffiniert fand ich eine, in die Geschichte passende Erklärung für den Tod Mary Watsons, aber auch der bekannte Name von Holmes‘ Erzfeind Moriarty fällt hin und wieder und Irene Adler darf ebenso nicht fehlen. Und das alles findet vor der wiederauferstandenen Kulisse des Paris‘ und Londons des ausgehendes 19. Jahrhunderts statt, die mit viel Liebe zum Detail erstellt wurde, seien es nun Ex- oder Interieur.

_DSC6982Doch das alles kann das Gefühl, daß Holmes einfach der falsche Vampirjäger ist, nicht übertünchen.

Die Darstellung der Personen ist erstaunlich realistisch. Sherlock Holmes ist hier kein gutaussehender, jugendlich gebliebener Mädchenschwarm, sondern in Anbetracht des Zeitpunktes, zu dem die Geschichte spielt, ein gestandener Mann, dem man einige Falten im Gesicht anmerkt. Auch sonst sind die Personen sehr lebensnah und auch gut in die Szenerie des viktorianischen Englands gesetzt. Zwar stellt sich die Frage, inwieweit Dekolleté-Einblicke wirklich notwendig sind, doch bleiben diese Szenen in der Unterzahl.
Die Vampire sind in ihrer Position als blutsaugende Monster passend gezeigt, scheinen auch verschiedene Wandlungsstufen zu besitzen, in deren Prozeß sie sich vom menschlichen aussehenden Wesen zum verzerrt fratzenhaften Ungetüm umformen; der Vampirchef der ganzen Truppe hat sogar noch eine beflügelte, dämonische Form darüber, wenn er denn sehr wütend ist. Das bekommt dann doch den Eindruck eines Klischees, wie man es aus zahlreichen Filmen kennt.

Die Graphic Novel zeichnet sich über ein größeres Maß an Grausamkeiten und Blutrünstigkeit aus. Es werden Menschen mit bloßer Hand enthauptet, verbrannt oder bekommen das Herz durchstoßen. Daß der Weg des Detektivs mit derart vielen Leichen bedeckt ist, verwundert einen dann doch.
Bedauerlicherweise ist die Darstellung von Flüssigkeiten und Feuer im Gegensatz zum Rest sehr unnatürlich und unglaubhaft, ohne Tiefe und mit sehr zackigen Linien. Dagegen sind Stimmungen farblich oft sehr gut eingefangen. Ein kühles Blau für eine kalte Abendatmosphäre und warme Sepiatöne für die, von schummrigen Kaminfeuer erhellten Räume. Ein hoher Schwarzanteil sorgt dafür, daß sich harte Schatten über die Gesichter und Räume legen, die das düstere Ambiente unterstreichen und markante Details in den Charakteren herausarbeiten, an anderen Stellen aber manchmal auch übertrieben oft eingesetzt werden, sodaß sie ihre Funktion als Kontrast verlieren._DSC6983

Die Geschichte, komplett von Sherlock Holmes erzählt, ist durchaus temporeich und solider Horror. Das verdankt sie aber nicht der Erzählung per se, sondern im Besonderen der zeichnerischen Darstellung. Gelungene Perspektivwechsel und Schnitte auf die Mimik, die sich in den Gesichtern abzeichnet, unterstützen die schaurigen Momente. Es sind schnelle, harte Kämpfe, denen zwar manchmal die Dynamik verloren geht, wodurch die Bewegungen wie eingefroren wirken, die aber in ihrer Essenz durchaus unterhaltenden Wert haben. Daß der eigentlich Böse dann doch nicht so böse ist und einen moralischen Anspruch erhebt, versteht sich bei so einer Geschichte fast von selbst, es ist aber fraglich, ob das notwendig ist.

So bleibt ein gutes Crossover für Leser blutiger Horror Novels, die Holmes gern mal in einer anderen Rolle sehen wollen. Für Freunde der Originalerzählungen dagegen bleibt eher die Freude an den Zeichnungen eines viktorianischen Londons und das dumpfe Gefühl, daß Holmes als Vampirjäger einfach nicht die richtige Besetzung ist, egal wie man es versucht, plausibel zu erklären.
Wem der Band dann gefiel, der kann sich auf den Nachfolger freuen, der alte Bekannte aus dieser Novel wieder zurückbringen wird: »Sherlock Holmes & das Necronomicon« (Splitter Double).

Ich danke dem Splitter Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplares.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

 

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