»Alisik. Herbst« von Hubertus Rufledt und Helge Vogt

Als sie die Augen aufschlägt, muß sie feststellen, daß sie tot ist. Alisik ist der Name, der auf ihrem Grabstein steht. Freundlich wird sie nach ihrem Erwachen in der Zwischenwelt von einigen gespenstischen Figuren begrüßt, doch so schnell kann sie sich nicht in ihrer neuen Heimat auf dem Friedhof zurecht finden. Sie spürt, daß etwas Schlimmes mit ihrem Tod zusammenhängen muß, doch außer einiger Erinnerungsfetzen kann sie sich nicht mehr entsinnen, was es war. Gerade als sie beginnt, sich mit ihrem Schicksal abzufinden, trifft sie auf den blinden Ruben, der aus einem unerfindlichen Grund mit den Toten auf dem Friedhof sprechen kann. Alisik beginnt Gefühle für ihn zu hegen, doch wie soll sie die Liebe ausleben können?

_DSC6978»Herbst« ist der erste Teil einer abgeschlossenen, vierbändigen Comicreihe um das tote Mädchen Alisik, erschienen 2013 bei Carlsen. Der Text stammt von Hubertus Rufledt, der dem einen oder anderen als Texter der Mosaik bekannt sein dürfte, und Helge Vogt, der unter anderem für Percy Jackson zeichnete,  ist für die Illustrationen verantwortlich.

»Schwarze Schatten auf brüchigem Stein, fauliges Holz im Schlamm uralter Gräber. Keine Angst, kein Schmerz, keine Trauer. Die Zeit ist ein vereister Fluss in der Finsternis.«

Es ist ein düsterer Comic geworden, der nicht nur auf tiefschwarzem Papier gedruckt ist, sondern der daneben auch noch mit einer dunkel-romantischen Geschichte und differenzierter Charakterzeichnung aufwarten kann. Das Aussehen der freundlichen Toten ist gruselig-komisch verzerrt, Alisik schaut aus ihren großen Puppenaugen und mit offenem Puppenmund in die Welt, ein Skelett und ein durchlöcherter Soldat sind ebenso dabei und natürlich auch ein Gesandter des_DSC6980.jpg Todes. Diese verzerrte und doch humoreske Aufmachung ist als klare Abgrenzung zwischen den Toten und Lebenden zu sehen. Es scheint fast, als würde man versuchen, auf eine fast romantisierende Art den Grad der Verwesung der Untoten zeigen zu wollen. An dieses schaurige Aussehen muß man sich vielleicht erst einmal gewöhnen, doch es gelingt Vogt, sie mich einer Finesse zu zeichnen, daß man sie einfach mag, denn keine der Untoten ist als unsympathisch zu bezeichnen, eher scheinen sie nach ihrem Tode wieder Kindern gleich nur ihr Dasein erleben zu wollen und sich mit kleinen Spielereien die Zeit vertreiben.

Zeichnerisch überzeugt der Comic durchaus, auch wenn hier ein Spagat zwischen ästhetischer Zeichenkunst und jugendlich-moderner Typographie versucht wird. Die Bilder sind sehr stimmungsvoll und intensiv koloriert und strahlen oftmals dank guter Licht- und Schattensetzung – allein die Sterne und das Funkeln der ersten Sonnenstrahlen ziehen den Betrachter in seinen Bann. Jedes Kapitel wird mit einer besonders gestalteten Seite eingeleitet, auf der ein bestimmter Aspekt der Erzählung vorgestellt wird. Dabei sind diese oft mit einer ausgefallenen, graphischen Gestaltung versehen, die mit stilisierten Totenköpfen, floralen Mustern und den unterschiedlichsten Typen ausgestattet sind. Sowieso wirkt der Comic an vielen Stellen gestalterisch recht wirr und manchmal auch zu flippig, wenn man plakativ, schreiende Schriftarten neben eine Mediaeval vor einem Hintergrund, der wie eine alte Mustertapete aussieht, gestellt sieht, doch mag der Zielgruppe dieser modern-romantische Mix gefallen.

Inhaltlich wird »Herbst« seiner Rolle als erster Band gerecht. Er verrät nicht zu viel und doch gibt er erste Ausblicke auf das, was noch folgen wird. Und so vermischen sich eine Liebesgeschichte, ein ziemlich weltliches Problem und die Selbstfindung der Protagonistin miteinander und man ahnt, daß das alles miteinander verknüpft ist und irgendwo im vierten Band, der noch dazu fatalistisch »Tod« heißt, kumulieren wird.

Es ist ein Comic, dessen Lektüre Spaß macht, wenngleich ein paar Ungereimtheiten darin zu finden sind. Die Dialoge sind humorvoll, die detaillierte Figurengestaltung eine Freude. Trotz allem spricht diese Geschichte wohl eher jugendliche Leserinnen an, die Interesse an einer romantischen und tragischen Liebesgeschichte, die zwei Wesen auch über den Tod hinaus verbindet, haben. Man findet hier keine neuen Lebenserkenntnisse und auch Fragen um das Wesen eines Menschen werden kaum behandelt werden, wenngleich mit dem ersten Schuldeingeständnis (denn niemand, der auf dem Friedhof verweilen muß, ist ohne Schuld) der alten Ottilie doch einen altbekannten moralischen Konflikt aufweist und damit das Problem mit der Schuldhaftigkeit zeigt. In diesem Band kommt es aber noch zu keiner Auflösung, doch es ist klar: Gut und Böse sind in diesem Comic keine festen Größen, mit denen die Figuren und die Leser agieren können.

Es bleibt eine bittersüße – so die eigene Bezeichnung des Verlages – Liebesgeschichte mit wunderschönen Illustrationen, die in der Zielgruppe sicherlich Anklang finden wird, jedoch Tiefgang vermissen läßt.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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