»Blau ist eine warme Farbe« von Julie Maroh

Als die junge Clementine auf Kunststudentin Emma trifft,  wird ihr bisheriges Verständnis von Liebe auf den Kopf gestellt. Das Mädchen mit den leuchtend blauen Haaren fällt ihr auf und geht ihr seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Trotz einer kurzzeitigen Beziehung, die Clementine zu einem Mitschüler eingeht, kreisen ihre Gedanken immer wieder um Emma, doch sie kann ihre Gefühle nicht verstehen und versteckt sie aus Angst vor den Reaktionen der anderen.
Es entspinnt sich eine Geschichte, die getragen wird von Charakterfindung, Gesellschaftskritik und einer großen Portion Emotionalität.

Die Graphic Novel »Blau ist eine warme Farbe« (OT: »Le Bleu est une couleur chaude«) wurde von der Französin Julie Maroh entworfen und gestaltet, die darin autobiographische Hintergründe einfließen ließ. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und erschien auch in Deutschland 2013 im Splitter Verlag.

_DSC6975Sicherlich sind viele erst durch die bekanntere Verfilmung »La vie d’Adèle« von Abdellatif Kechiche, der die Graphic Novel als Vorlage wieder in den Vordergrund hob, darauf aufmerksam geworden. Dieser Film, der 2013 auf den Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, sorgte für zwiegespaltene Meinungen. Während der Film vor allem von der Jury als politische Fahnenspitze gegen die Proteste in französischen Städten gegen die Heirat homosexueller Paare gesehen wurde, verließen während der Vorführung einige der Zuschauer entrüstet den Saal. Man sah den Filmen wegen der expliziten Sexszenen als zu pornographisch an und warf dem Regisseur vor, hier nur eine heterosexuelle Lesbenfantasie zum Besten geben zu wollen. Auch Julie Maroh selbst ist eine erklärte Gegnerin des Films.

Wer aufgrund des Filmes eine ebensolche Aufmachung bei der Graphic Novel erwartet, wird enttäuscht sein, denn diese Geschichte ist weit mehr und reduziert die Beziehung nicht auf die erotische Ebene und ausgedehnte Sexszenen, sondern setzt den Fokus auf die Gefühle, die Emma und Clementine bewegen. Es ist die Erzählung um die Sorgen und Probleme, das Aufeinandertreffen von persönlichen Sehnsüchten auf die Vorurteile der Gesellschaft.
Clementine durchläuft auf ihrer Suche nach dem Glück mit Emma verschiedene Stationen: der erste Freund, der sich falsch anfühlt; die Ablehnung ihrer homophoben Freunde, als sie erfahren, daß Clementine mit Emma ausging; und die fehlende Akzeptanz Clementines Eltern, die ihre Tochter verstoßen._DSC6976

Das alles versteht Maroh mit großer Einfühlsamkeit zu erzählen. Die Handlung ist klug konzipiert und umfaßt die in der heutigen Zeit angesiedelte Rahmenhandlung um die Tagebucheinträge Clementines. Man ist als Leser ganz nah an den Charakteren und kann neben ihren Gefühlsausbrüchen auch ihren Überlegungen zum Sein folgen. So versucht Clementine ihren Kreis zu finden, in den sie gehört und fragt sich, warum das Leben, das für sie vorgesehen ist, ihr nicht entspricht und ob es auch andere Frauen gäbe, die so empfinden wie sie. Und so sind es Fragen, in denen sich gerade junge Leser wiederfinden können.
Es ist keine schreiende Anklage gegen Homophobie, keine wüste Streitschrift, sondern die Darstellung zweier Leben, deren Verwirklichung ihrer Träume von gesellschaftlichen Vorurteilen behindert wird. Und es sind leise und trotz allem versöhnliche Töne, die Clementine anschlägt, wenn sie Emma mitteilt:

»Du hast mich vor einer Welt voller Vorurteile und absurder Moralvorstellungen gerettet und mir geholfen, mich zu finden. Niemand trägt Schuld daran, was heute mit mir geschieht.« (S. 153)

Aber nicht nur inhaltlich, auch zeichnerisch ist die Graphic Novel überzeugend. Dabei ist der Teil, der in der Gegenwart spielt, mit zarten Farben koloriert, die fast sphärisch wirken und die Szenerie perfekt untermalen, wenn beispielsweise für die Szenen im Krankenhaus alles wie mit einem kränklichen grünen Schleier überzogen ist, der sich auf die Gesichter legt und ihre Verzweiflung noch stärker herausarbeiten.  Die Erzählung, die aus den Tagebucheinträgen hervorgeht, ist dagegen einzig in Graustufen gehalten. Doch eine Farbe sticht daraus hervor: Blau. Das Blau der Haare und Augen Emmas. Blau ist hier in den Objekten, die mit Emotionen aufgeladen sind und die Erinnerung Clementines farbig machen.
_DSC6977Marohs Frauenbild ist eine wahre Wohltat und ausdifferenziert. Hier erwarten den Leser keine unrealistischen Schönheitsköniginnen oder stereotype, maskulin aussehende Lesben, sondern Frauen, die realistisch aussehen. Auch die Darstellung von Emotionen gelingt Maroh ausgesprochen gut und sie weiß ihren Fokus so zu setzen, daß man Leser fast wie durch einen Film geführt wird. Es ist sehr szenisch aufgebaut und legt gerade in emotionalen Szenen den Fokus sehr stark auf die Augen der Protagonisten, die die Gefühle transportieren.

»Sagen Sie ihm einfach, dass, wenn ich ein Junge gewesen wäre, Clem sich auch in mich verliebt hätte.« (S. 14)

Es ist ein Plädoyer für die Liebe geworden, das nicht allein homosexuelle Partnerschaften verteidigen will, sondern aufzeigen will, daß Liebe menschlich, wandelbar und unabhängig von einem Geschlecht und moralischen Konventionen ist. Dabei ist eine Erzählung entstanden, die nur differenziert und lebensnah ist, deren Dialoge und Figuren glaubhaft sind, sondern die den Leser berührt und nachdenklich stimmen kann.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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