»Mörder Anders und seine Freude nebst dem einen oder anderen Feind« von Jonas Jonasson

Wenn Jonas Jonasson ein neues Buch herausbringt, stapeln sich die Bücher in den Schaufenstern der Buchhandlungen und auf den Buchtischen. Seit seinem Debüt »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« (2011) ist er eine feste Größe in der literarischen Landschaft. Sein Schelmenroman wurde in fünfunddreißig Länder verkauft, 2013 verfilmt und wurde auch in Deutschland ein Bestseller, der sich mehrere Wochen auf Platz 1 hielt. Man folgte dem rüstigen, alten und liebenswerten Allan Karlsson auf seiner skurrilen Reise durch Schweden gern und mit andauerndem Interesse.
Es folgte 2013 »Die Analphabetin, die rechnen konnte«, in dem die Südafrikanerin Nombeko Mayeki erst ihre Heimat und dann Schweden umkrempelte und mit einer Atombombe die Politik kräftig durcheinanderwirbelte. Es waren diese liebenswerten Charaktere mit ihrer Naivität, die auf harte Realität trafen und sie auf den Kopf stellen, die Jonassons Erzählungen so spannend und lesenswert machten. Und die seinen Büchern Erfolgsstatus garantierte.

Mit Johan Andersson hat Jonasson wieder eben einen solchen Protagonisten geschaffen und sein Alter diesmal zwischen den beiden vorherigen Schelmen angesiedelt. Andersson ist ein altbekannter Straftäter, der dank Tabletten und seiner Schnapsliebe einigen Menschen – vorrangig Dealern der Gegend – das Leben nahm. Nach Jahrzehnten Gefängnisaufenthalt beschließt er, es etwas ruhiger angehen zu lassen und sucht die Pension Sjöudden auf. Dort trifft er auf den Rezeptionisten (ja, er hat auch einen Namen: Per Persson) und die nicht ganz so christliche Pfarrerin Johanna Kjellberg, die nichts außer ihrem Haß auf die Welt und die Liebe zum Geld verbindet. Das genügt aber, um den treuherzigen und naiven Mörder Anders, wie er von seinen Freunden genannt wird, in ihre Idee eine Körperverletzungsagentur einzuspannen. Die sieht so aus: Persson und Kjellberg nehmen Aufträge von mißmutigen Menschen, die ihre Feinde leiden sehen wollen, entgegen und verpacken die guten monetären Vorschüsse in ihren Koffern, wärend Mörder Anders die gewünschten Verletzungen in die Tat umsetzt. Das geht so lang gut, bis der Mörder Jesus für sich entdeckt und nach den Prinzipien der Nächstenliebe und Barmherzigkeit leben will. Ab da beginnt eine skurrile Jagd Schwedens wütender, um ihr Geld betrogener Unterwelt nach dem geldliebenden Pärchen und ihrem, das liebe Geld in Millionenhöhe verschenkenden bekehrten Mörder.

Es ist Johan Andersson, der als liebenswerter und kindlich naiver Charakter hier die Geschichte am Leben erhält. Man folgt seinen Schritten, um die nächste spontane, aber amüsante Aktion mitzuerleben, die seinem sprunghaften Wesen plötzlich in den Kopf kommt. Dabei erlaubt es seine Charakterzeichnung, daß er immer wieder in skurrile Situationen gerät, die er mit kindlicher Naivität meistert.
Der Rezeptionist und die Pfarrerin dagegen, die auch den Großteil der Erzählung auf ihre Profession reduziert werden, sodaß nicht nur Leser, sondern auch die Personen in dem Roman gern mal ihre Namen vergessen, sind sehr unsympathische Charaktere, an die der Leser auch schlecht herankommt und die wenig Tiefe zeigen. Nur am Ende – wie ein moralischer Wink mit dem Zaunpfahl – kommt die Erleuchtung über sie, daß ein Leben ohne einen Berg Geldes möglich ist und auch die Menschen nicht so schlecht sind. Da ist der Leser aber doch eher schon froh, am Ende des Romans angelangt zu sein.

Der Roman ist stellenweise wirklich ein typischer jonasson’scher Schelmenroman. Und doch hinkt er seinen großen Geschwistern hinterher und er schafft es auch nie, sie einzuholen. Die Geschichte hat zwar einige Dreh- und Angelpunkte und witzige Einfälle, doch besonders überraschend ist nahezu keiner davon. Ja, man lacht über die krude Körperverletzungsagentur, über den Wandel vom Saulus zum Paulus des Mörders und über seine darauf folgende Stelle als Pfarrer einer neugegründeten, weinliebenden Religion, die den Rausch als Ziel einer jeden Predigt hat. Und als auch das scheitert, soll er zum Weihnachtsmann der Nation stilisiert werden. Man lacht darüber, weil Andersson als liebenswerter, gutgläubiger Mensch, der nur zufällig in eine Rolle als Mörder kam, einfach diese so konträren Rollen noch witziger macht. Aber die Erzählung dehnt sich und kommt nie richtig in Fahrt. Schon im ersten Drittel fängt man an, vorzublättern, um festzustellen, wie viele Seiten man noch vor sich hat. Und es sind immer noch zu viele. Man hofft, daß der bekannte Esprit wieder durch die Zeilen hindurchblitzt, aber es kommt nichts. Die Geschehnisse plätschern still vor sich hin, es wird Geld gescheffelt und ausgegeben, es werden Leute umgebracht und am Ende hat sich nichts wirklich verändert. Konnten die vorherigen zwei Romane wunderbare Verbindungen zum Großen in der Welt schaffen und strotzten ihre Akteure vor Elan, Schwung in das eingeschlafene Weltgeschehen zu bringen, kann hier höchstens das Geschehen von Außen die Personen noch zu irgendeinem Handeln bewegen.

Man mag der Geschichte nicht eine gewisse Gesellschaftskritik absprechen, doch sie kommt nicht so kreativ an den Leser, wie man sich erhofft. Es scheint, als sei das Prinzip seiner bisher so erfolgreichen Romane einfach ausgereizt. Spezielle Helden, einen nüchternen  und überspitzten Schreibstil – das braucht man auf den knapp dreihundertfünzig Seiten nicht missen müssen – verquere und skurrile Situationen, die Großes beeinflussen, aber leider schon. Und das ist es schlußendlich, was »Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind« zu einem mittelmäßigen Werk macht. Man hat es mit mittelmäßigem Interesse und Genuß durchgelesen, sich an einigen amüsanten und originellen Passagen erfreut und bekommt am Ende noch eine mittelmäßige moralische Wende vorgesetzt. Geblieben ist davon aber wenig. Weder beim Leser noch in der (literarischen) Welt.

Ich danke carl’s books (Randomhouse) für die Zusendung des Rezensionsexemplares.

Live. Love. Be. Belive.

Eure Shaakai

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7 Kommentare zu “»Mörder Anders und seine Freude nebst dem einen oder anderen Feind« von Jonas Jonasson

  1. Das ist das Problem: Wenn etwas erfolgreich ist, dann wird es totgeritten. Ich kann nur raten, sich auch mal bei Kleinverlagen umzusehen, ob es dort noch eine Terra Incognita gibt. Meistens schreiben alle über die gleichen autoren, die eh schon gut im Geschäft sind.

    • Das hast Du vollkommen recht. Ich hatte diese Befürchtung schon bei der Analphabetin. Es wäre jetzt spannend abzuwarten, ob der Autor nach diesem Buch, das augenscheinlich kein Erfolg wird, trotzdem weiter Werke dieses Types schreiben wird. Aber es beweist sich doch immer wieder, daß Erfolge schlecht kopierbar sind. Der Hundertjährige war herrausragend, die Kopien sind es nicht mehr. Das ist wie bei dem Nachfolgebuch Lewis Carolls, das vom Erfolg seines Buches »Alice in Wonderland« profitieren wollte – es kam einfach nie an dessen Qualität heran.

      Bei Kleinverlagen schaue ich aber auch hin und wieder und lese Bücher daraus und es stimmt, oft finden sich hier wunderbare, einzigartige Werke.

      Ich danke Dir für Deinen Kommentar!

      Shaakai

  2. Ich habe den Hundertjährigen großartig gefunden. Was für ein herrliches, komisches, unterhaltsames Buch! Leider hat mich dann aber die Analphabetin schon so enttäuscht, dass ich den aktuellen Roman nicht mehr lesen möchte.
    Schade, da wurde mal wieder ein Pferd totgeritten. Ich bin aber auch gespannt, welche Richtung Jonas Jonasson nach diesem Buch einschlagen wird.

    • Ja, es war bisher noch jedes Mal so. Entweder wurden bei Erfolg eines Buches so viele Me-too-Dinger auf den Markt geschwemmt, daß man dem überdrüssig wurde oder der Autor mußte, wie Du es so schön sagst, seine Idee so totreiten und auslaugen, daß davon am Ende nichts mehr übrigblieb. Die Analphabetin wies ja schon erste Schwachstellen auf, aber gerade deswegen wollte ich auch schauen, ob es mit dem Mörder Anders wieder einen Aufschwung gibt oder die Idee des Hundertjährigen ebenso hier unerreicht bleibt. Ich hatte gestern mir auch noch ein bißchen das Medienecho angeschaut und das ist im Gesamten gesehen nicht allzu positiv.
      Amüsanter Fakt: während man sonst ja Stimmen zum aktuellen Roman als Werbemittel auf den Buchumschlag druckt, fanden sich auf diesem nur ein euphorischer Kommentar zur Analphabetin in der ZEIT auf dem Umschlagrücken ^^

      Schön wäre es, wenn er aus seinem Talent eine neue Buchidee herausbringt, die sich jetzt mal von den drei Büchern unterscheidet und trotzdem Jonassons Handschrift durchblicken läßt.

      Viele liebe Grüße

      Shaakai

  3. Hallo,

    ich hab bisher nur „Der Hundertjährige“ gelesen, möchte aber die anderen beiden Bücher trotzdem noch lesen.

    Aber es ist schade wenn die Qualität abnimmt. Das erinnert mich an Cecelia Ahern ihre ersten beiden Bücher („P.S. Ich liebe dich“ und „Für immer vielleicht“) waren die besten, danach waren die Bücher einfach nicht mehr ganz so gut. Mittlerweile hab ich aufgehört von ihr was zu lesen, was eigentlich sehr schade ist. Ich hoffe das es bei Jonas Jonasson nicht auch so kommt.

    Liebe Grüße folald

    • Allein wenn man sich die Cover der Cecilia Ahern-Bücher anschaut, kommt man unweigerlich auf den Gedanken, daß sie sich wenig unterscheiden und eine Idee ist einmal gut, vielleicht noch ein zweites oder drittes Mal, aber wenn sie zehn- oder mehrmals durch das literarische Strickliesl gezogen wurde, verliert es einfach an Qualität. Von Ahern soll jetzt aber ein All Age-Roman bei FJB erscheinen – nennt sich »Flawed«, vielleicht wäre der etwas für Dich?

      Die Analphabetin habe ich zwar nicht mehr, aber wenn Du magst, schicke ich Dir den Mörder, der liegt noch bei mir auf dem Tisch 🙂

      Liebe Grüße

      Shaakai

  4. Hallo Shaa,

    Cecelia Ahern muss man aber zu gute halten, dass sie nie versucht hat den Stil von „Für immer vielleicht“ zu kopieren. Gut nun ist diese Art des Schreibens auch nicht auf jede Geschichte anwendbar, aber sie hätte versucht sein können, dies zu tun, was sie zum Glück nicht getan hat. Für mich hatten die Cover immer wiedererkennungswert. Dieses blau und weiß gehört für mich einfach zu Cecelia Ahern dazu.
    Danke für den Tipp, ich werde es mir mal anschauen, aber ich hab auch noch so viele andere Bücher die ich lesen will, das manche einfach auf der Strecke bleiben.

    Wegen Jonasson melde ich mich privat.

    LG folald

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