»Frühstück mit den Borgias« von DBC Pierre

Ariel Panek, genannt Ari, ist ein anerkannter Professor für Informatik an einer amerikanischen Universität und in seiner Position als Wissenschaftler auf diesem Gebiet unterwegs zu einer Tagung nach Amsterdam, um dort als Redner aufzutreten. Doch das ist nicht der einzige Zweck seiner Reise. Zeitgleich fährt auch die junge Studentin Zeva in die niederländische Hauptstadt. Ihr Blick ist unentwegt auf das Display ihres Handys gerichtet, auf dem die Nachrichten ein- und abgehen. Zeva ist die geheime Geliebte Aris, der seine Studentin zu einem aufregenden, abenteuerlichen Stelldichein in Europa eingeladen hatte. Anfangs zweifelnd, stimmte sie diesem riskanten Unternehmen schlußendlich doch zu. Als sie jedoch den Zug nach Amsterdam betritt, kommen ihr Zweifel – was, wenn Ari sie sitzenlassen würde, sich einfach nicht mehr meldet und sie allein in einer fremden Stadt zurücklassen würde? Als dann der Chat mit ihm immer merkwürdiger wird, beginnt sie Nachforschungen anzustellen.
Währenddessen findet Ari, dessen Flug aufgrund dichten Nebels augenscheinlich gecancellt wurde, ein Nachtlager in einem heruntergekommenen Hotel am Rand des Meeres. Es gibt kein Internet und keine Funkverbindung. Trotz bester technischer Ausrüstung, die er stolz mit sich führte, sieht er keine Chance, Zeva Bescheid zu geben, doch die einzigen Gäste des Hauses – die Borders – deren Handy scheinbar Netz zu haben scheint, zeigen sich offen und hilfsbereit. Allerdings sind sie auch extrem verschroben und Ari versucht verzweifelt, hinter ihr Geheimnis zu kommen.

Man könnte sagen, hier trifft klassische Schauergeschichte auf moderne Gesellschaftskritik. Dabei verdrängt eines das andere mit Fortschreiten der Geschichte zunehmend, ohne doch gänzlich zu verschwinden. Aris verzweifelte, fast schon humoresk anmutende Suche nach irgendeiner Möglichkeit, seine technischen Gerätschaften zu nutzen, ist nicht mehr so unvorstellbar, wie noch vor zehn Jahren, sein Gefühl der Abgeschnittenheit und Unvollständigkeit nachempfindbar und seine innere Unruhe, durch die Unerreichbarkeit verletzlich und zerstörbar zu sein, realistisch. Es ist die Kritik an der Selbstaufgabe des Menschen durch die Technik, ohne dabei aber auch die Frage außer Acht zu lassen, inwieweit die Technik den Menschen aber auch vielleicht komplettiert oder verbessert, oder ob sie das Potential besitzt, den Menschen zu zerstören. Aris Chance, das Handy der Borders zu nutzen und somit seiner Geliebten eine Nachricht zukommen zu lassen, kann schließlich auch genutzt werden, um ihn gegen Zeva zu stellen.

Mit Zeva hat Ari als Protagonist eine Person an die Seite gestellt bekommen, die seine Neigungen und seine Liebe zur Moderne und damit zur absolut technisierten Welt teilt. Eine Kommunikation außerhalb dieser Grenzen scheint für sie nicht mehr nötig zu sein oder wird gar gänzlich abgelehnt, sodaß am Ende ihre ganze Beziehung sich eher in virtuellen Chatverläufen realisiert. Dieses Verständnis stellt Ari, der von den Borders – als amüsantes Mißverständnis – nur Harry genannt wird, vor Probleme mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Er ist es gewohnt, Beziehungen in auswertbaren Mustern zu sehen, doch die Borders, die ständig seine Nähe suchen und ihn immer wieder in Gespräche verwickeln, sind alles andere als verständlich für ihn. Das konfrontiert ihn schlußendlich mit der Herausforderung, sein bisheriges Verständnis des menschlichen Wesens und der Existenz überhaupt in Frage zu stellen, um die extremem Polaritäten dieser merkwürdigen Familie zu verstehen.

Das stellt allerdings auch den Leser vor große Schwierigkeiten. Keine der Personen ist wirklich durchschaubar oder gar nahbar. Einzig zu Zeva kann der geneigte Leser wohl so etwas wie Verständnis aufbringen, doch sie bleibt eine Randfigur, die die Rahmenhandlung eröffnet und auch wieder schließt. Ein großer Anteil an der Auflösung des nebulösen Wirrwarrs wird ihr nicht zuteil, das machen die Protagonisten, allen voran das Familienoberhaupt Margot Borders immer noch selbst. Alle anderen Figuren sind entweder zu abgehoben wie Ari oder zu extrem schwingend wie die Mitglieder der Familie und damit für den Leser nur sehr schwer zu durchschauen. Bis zum Ende scheint nahezu jede Tat, die die Familie durchführt, sinnlos, übertrieben oder gar schwachsinnig. Leonard Borders telefoniert ständig mit einer ominösen Stelle, die er dazu überreden will, seinen Pub zu einem Museum zu erklären, um Steuerschulden zu entkommen und das unter mysteriösen Umständen in die Familie gekommene Mädchen Gretchen versucht Ari mit aller Macht eine Nötigung anzulasten, nachdem er sie verschmähte. Erst das Ende, die endgültige Auflösung, kann viele der Fragen lösen und dem Leser ein »Achso!« entlocken.
Pierre versteht es, seinen Leser langsam auf die Lösung zuzuführen, ohne ihm dabei allzu viele deutliche Hinweise zu geben. Das Puzzle zusammenzusetzen, wird wohl nicht jedem gelingen, da es einfach zu abgedreht scheint. Man kann vielleicht dem eingebauten kriminalistischen Element versuchen, auf die Schliche zu kommen, das Geheimnis, das das Hotel umgibt, können nur die Personen der Geschichte schlußendlich auflösen. So ist jeder Leser in derselben Position wie Ari. Man rätselt und versucht zu verstehen, man kommt auf die krudesten Gedanken und klammert sich an jedes narrative Detail: vielleicht ist Gretchen ein Android, vielleicht ist Ari wahnsinnig geworden und es ist eine Art Shutter Island.

Und am Ende fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Ist es eben doch wie eine britische Geschichte.

Die Geschichte ist zumeist spannend erzählt, doch dank immer wieder eingeschobener Überlegungen zu Technik, (Meta-)Physik und zur Quantenmechanik verleitet ein flüssiger Schreibstil nicht zu hastigem Überfliegen der Erzählung, denn manch‘ eine Passage muß man auch mehrfach lesen, um sie in das Gesamtgefüge einordnen zu können. Bedauerlicherweise kann man dem Roman etwa ab dem zweiten Drittel einen Durchhänger konstatieren, in dem die Geschichte auf der Stelle tritt, doch sobald dieses Tal genommen ist und es mit großen Schritten auf den Höhepunkt zuschreitet, nimmt die Geschichte extrem an Fahrt auf und zieht den Leser in seinen Bann.

Humorvoll ist sie allemal und auch wenn es keine feingeistigen Bonmots oder zünftige Schoten sind, durchzieht ein leise Spur von Spott die Geschichten und nimmt ihr die Dramatik, die ihr eigentlich innewohnen müßte. Jede Figur leidet. Sie leidet an ihrem persönlichen Schicksal, in das sie ihre Umwelt hineinzieht, sodaß niemand frei von Leid sein kann. Und doch treffen sich diese Seelen jeden Abend im Salon wieder und genehmigen sich ein Gläschen nach dem anderen, während sie ihre eigenen Existenzen diskutieren. An Oscar Wilde erinnernd darf auch das immer wieder zitierte Spannungsverhältnis zwischen den pragmatischen, alles auf erkennbare Formen reduzierenden Amerikaner und den verschrobenen, immer etwas esoterisch angehauchten Briten nicht fehlen, deren Weltbilder so immer wieder aufeinanderprallen, um zu testen, wessen am Ende Recht behalten soll.

Was bleibt am Ende? Manchem mag die Erinnerung an eine sehr britische Familie bleiben, die irgendwo zwischen den Sphären schwebt, dem anderen bleiben Überlegungen zur Technisierung der Welt und der eigenen Existenz und wieder jemandem bleibt der wohlige Schauer, den ihm einige der blutigen oder makabren Szenen über den Rücken jagten. Die Geschichte einordnen zu wollen, mag ich nicht vornehmen, dafür ist sie zu vielschichtig. Wer genau das sucht, kann mit dem Griff zu »Frühstück mit den Borgias« durchaus gut beraten sein. Wen nur der Schauer- und Splatterfakt reizt, dem sei es aber abgeraten, denn er wird enttäuscht sein.

So geselle man sich zu den Borgias und trinke mit ihnen ein Gläschen auf das Leben. Oder vielleicht auch zwei.

Ich danke dem Aufbau Verlag (Blumenbar) für die Zusendung des Rezensionsexemplares.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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