» Esskultur und Lebensstil. Medienanalyse ausgewählter Kochsendungen im Fernsehen« von Henrike Hegner

Gesellschaftskrieg, ausgetragen am Herd. Unbewußt partizipieren wir alle an diesem Kampf um soziale Ränge und das Statussymbol Küche, doch inwieweit das geschieht, ist nicht allen klar.

Die Analyse des Küchenstils und der Eßkultur und Deutschland versucht Henrike Hegner in ihrem 2015  erschienen Buch »Eßkultur und Lebensstil. Medienanalyse ausgewählter Kochsendungen im Fernsehen« vorzunehmen. Nach dem ersten Teil ihrer Arbeit, der sich vor allem der sozialwissenschaftlichen Theorien widmet und Grundsteine für den folgenden Teil vorbereiten soll, legt der Hauptteil den Fokus auf die Medienanalyse der beiden Kochsendungen »Schmeckt nicht, gibt’s nicht« von Tim Mälzer und »alfredissimo« von Alfred Biolek. Mittels dieser werden bestimmte wiederkehrende und wichtige Aspekte wie der Gebrauch des Weines, die Würzung oder die Gesprächsthemen näher betrachtet und in Zusammenhang zueinander gestellt.

Es sind nur knapp einhundertdreißig Seiten, die die Ausarbeitung füllt, aber sie sind zumeist mit geballtem Inhalt angereichert, der wissens- und lesenswert ist. Hegner kann durchaus den Leser recht leichtfüßig durch den Text führen und ihn mit netten Spitzen amüsieren. Ihre Wertungen des Geschehens verlieren dementsprechend aber immer wieder an Wissenschaftlichkeit und geraten unterhaltend. Man bekommt bei der Lektüre das Gefühl, hier wurde eine Hausarbeit etwas ausgeweitet und um Materialien angereichert, dabei aber für die Unterhaltsamkeit willen ihren wissenschaftlichen Duktus einbüßen mußte. Dabei ist gerade der Theorieteil die Stärke und sehr informativ, in dem Theorien bekannter Sozialwissenschaftler wie Pierre Bourdieu, Norbert Elias und Claude Lévi-Strauss einfach und verständlich vorgestellt werden und der Leser somit optimal und umfassend auf das Thema vorbereitet wird. Leider fällt die Qualität nach diesem Part sukzessive ab und mit fortschreitender Analyse wirkt es auf den Leser so, als würde die Autorin selbst das Interesse verlieren und sich nur noch auf bekannte, bereits erwähnte Punkte ihrer Ausarbeitung stützen, die sie manchmal bis zur Unerträglichkeit ausdehnt, als würde sie davon ausgehen, der Rezipient habe es immer noch nicht verstanden. Beliebtes Opfer dieser Längen findet sie im Vorspann und Logo von Tim Mälzers Kochshow, die sie immer wieder heranzieht, wenn es um den brachialen, rohen Stil geht, der »wieder Assoziationen zu seinem Kochtopf-Logo« (S. 77) gebe.

Hegner kann sich nicht immer etwas flapsiger, wertender Kommentare enthalten, die hin und wieder befremdlich wirken, wenngleich sie damit eher unterhalten will und den etwas trockenen Stoff auflockern sucht.  Doch das hat das Thema per se nicht nötig. Weder wird übertheoretisiert noch ein Thema behandelt, daß nur einen kleinen Kreis interessieren dürfte. Beide besprochenen Kochshows dürfte in der Populärkultur bekannt sein und auch wenn nicht jeder Mälzers oder Bioleks Kochkünste mit freudigem Interesse Woche für Woche verfolgte, ist der Grundgedanke der Shows bereits so bekannt geworden, daß man es niemandem näher erläutern müßte. Da interessiert der direkte Vergleich der beiden Sendungen anhand so kleiner, aber als distinktiv wahrgenommener Elemente wie des Weins doch deutlich mehr. Man kann Hegner auch nicht vorwerfen, da nicht einen guten, umfangreichen Fragenkatalog abgearbeitet zu haben – diesen kann man auch im umfangreichen Anhang nachlesen. Dieser Teil ist, abgesehen von den langwierigen Passagen, interessant und schnell zu lesen, bietet aber wenig Neues, stellt jedoch Zusammenhänge oder Differenzen gut heraus, sodaß beide Shows vergleichbar werden.

Zum Abschluß findet sie noch Worte zum soziologischen Aspekt ihrer Abhandlung, indem sie dem Leser das Sinus-Modell, das grafisch die Nutzergruppen beider Fernsehshows darstellt, vorstellt. Es sind wenig überraschende Ergebnisse, aber ein runder Abschluß, der ihrer Analyse nochmals untermauert. Eine Vertiefung eben dieses Aspektes wäre aber sicherlich noch wünschenswert gewesen, da sie die Deskriptionen noch einmal dezidiert um diesen Aspekt erweitert hätten.

Aber auch so bleibt Hegners Mediananalyse lesenswert. Trotz des wissenschaftlichen Anspruches ist es für Laien verständlich, was besonders einem anschaulichen Theorieteil zu verdanken ist. Dagegen fallen Ausdrucksschwierigkeiten und inhaltliche Dehnungen negativ ins lesende Auge und man meint, daß anstelle des zehnten Verweises auf das explosive Logo eines umherwuselnden Proletenkochs doch noch einmal genauer auf die Sprache hätte eingegangen werden können oder eine Einordnung beider Sendung in die deutsche Medienlandschaft hätte stattfinden können.

Ich danke dem Tectum Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplares.

 

Liev. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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