»Auf Zehenspitzen berühre ich den Himmel« von Amanda Prowse

»Ich möchte mit dir im Regen tanzen, und zwar in einem wunderschönen Kleid. Es muss ein richtiger Tanz sein, ein Walzer zum Beispiel, altmodisch und romantisch.« (S. 7)

Es sind wenige, aber schöne Träume, die die junge Poppy Day hat, als sie endlich ihre langjährige Liebe Martin ehelichen kann. Und als ihre kleine Familie mit den beiden Kindern Peggy und Maxy komplettiert wird, scheint ihr Glück nahezu perfekt zu sein und die Gedanken an ihre mißratene Kindheit vergessen.
Doch eines Tages entdeckt sie einen Knoten in der Nähe ihrer Brust, der sie beunruhigt. Ein Arzt bestätigt ihre Befürchtungen: sie ist an inoperablen Krebs erkrankt und es besteht aufgrund des fortgeschrittenen Stadiums keine Hoffnung auf Genesung. Alles, was sie tun kann, ist, ihre letzten Wochen und Tage so sehr zu genießen als es ihr möglich ist. Doch das erweist sich als schwierig, wenn der Schatten des unvermeidlichen Todes über ihr und der gesamten Familie schwebt und jeden belastet.

Als emotionales Werk, das ans Herz geht, versprochen, waren die Erwartungen dementsprechend, doch schon recht bald verliert die Geschichte jeglichen Charme und Esprit und Amanda Prowses »Auf Zehenspitzen berühre ich den Himmel« (OT: Will You Remember Me?) verkommt zum handzahmen, flachen Melodrama, das sich gern bekannter Klischées bedient und auswalzt.
Dabei hätte es ein authentisches Werk zu einem aktuellen Thema werden können. Krebs – die Krankheit der modernen Welt. Wie viele Menschen traf dieser Schicksalsschlag schon, wie viele Familien wurden dadurch schon auseinandergerissen und wie soll man als Außenstehender darauf reagieren? All das hätte man einfühlsam und lebensnah verarbeiten können, hat sich aber größtenteils nur auf Plattitüden verlassen.

Die Grundlage ist, wie so oft, die perfekte Bilderbuch-Heile-Welt-Familie, deren Eheleute es aus einer miserablen Kindheit heraus geschafft haben, einen kompletten Gegenentwurf aufzustellen und ihren Kindern bessere Eltern zu sein. Es wird geherzt und gelacht, daß es nur so kracht. Die Intention ist klar: je idyllischer das Paradies ist, desto tiefer der Fall ins Bodenlose. Der Grundaufbau einer Tragödie. So sind die Protagonisten von Beginn an mehr Schemen und wenig ausdifferenziert, wenn nicht gar nervig – den Hauch eines Charakters entwickeln zu dürfen erlaubt ihnen erst der Umgang mit der Krankheit. Allerdings bleibt dieser Versuch immer recht halbherzig und der Aufbau einer emotionalen Verbindung ist nahezu unmöglich. Man sieht besonders zu Anfang die Protagonistin Poppy eher einer Holzpuppe gleich, die ohne Sinn und Verstand zwischen den Geschehnissen und Orten umherwandelt. Es ist nicht selten, daß ihr Alltag nur aus Duschen und Kücheputzen zu bestehen scheint. Da wird auch gern mehrfach am Tag die Duschkabine frequentiert und dann später zum Ort zahlreicher körperlicher und nervlicher Zusammenbrüche. Das mag so betrachtet sehr rührend sein, kommt der Charakterzeichnung aber nicht zu Paß und läßt den Leser mit dem dumpfen Gefühl zurück, daß es für interessantere und authentische Tagesabläufe nicht mehr gereicht hat. Und auch sonst ist Poppy eher als hobbyloses Hausmütterchen zu bezeichnen, die zwar ihren verwöhnten Kindern alles hinterherträgt und versucht, eine gute Mutter und Ehefrau zu sein, die mit ehrbaren Löwenmut gegen Widrigkeiten kämpft, bei der es aber nach diesen glorreichen Charakterzügen aufhört.

Die Dialoge sind immer wieder von Hölzernheit und Pathos durchzogen, lassen Authentizität vermissen und können Emotionen nur punktuell transportieren, da man immer das Gefühl einer reinen Konstruktion bekommt. Zwar werden die verschiedenen Empfindungen erwähnt und beschrieben, aber dabei bleibt es dann auch.

»Wann immer ich in die Wohnung kam, habt ihr euch über irgendeinen Schwachsinn kaputtgelacht.« Martin grinste. »Das war so ansteckend, dass ich mitlachen mußte. Ihr habt in der Küche gesessen, der Teekessel pfiff, und im Backofen brutzelte der Speck. Ich fand es so schön dort wie nirgends sonst. Gemütlich.« (S. 189)

Gesprochen wird nur, damit überhaupt irgendetwas gesagt wird. Sicherlich können die Dialoge herzerwärmend sein, da sie romantische Plattitüden aus dem Genre aufgreifen, aber man vermißt doch Gespräche des Erkenntniswillens. Es wäre genug Platz gewesen, verschiedene Fragestellungen das Leben betreffend aufzuwerfen, auch der Wert der Familie wird immer wieder angesprochen, doch keine tieferen Gedanken lassen sich finden.
Die Geschichte geht seinen Gang, das Ende ist unausweichlich, überrascht nicht, aber berührt doch. Hätte die Autorin es nur bei dem Tod Poppys belassen und ihre Geschichte damit beschlossen, so könnte ich ihr wenigstens einen guten Schluß attestieren, doch als hätte sich Prowse gedacht, ein Buch, das mit dem Tod des Protagonisten endet, könne den Leser verstören und seinen Glauben an das Gute im Leben erschüttern lassen, setzt sie ihrer Friede-Freude-Eierkuchenwelt noch eins drauf und springt ein paar Jahre in die Zukunft. Eine Zukunft, in der Poppys und Martins (der jetzt übrigens wieder eine Frau hat) Kinder erwachsen sind, ihre Träume verwirklicht haben und rundum glücklich sind, weil sie es im Leben zu etwas geschafft haben. Der Bogen zum wundervollen Familienbild am Anfang ist erfolgreich geschlagen und es hätte nur noch gefehlt, daß die junge Peggy im Cockpit des Flugzeugs sitzend das Konterfei ihrer Mutter in einer der Wolken wiedererkennt, wie sie ihr daraus entgegenlacht.

Daß man auch im Verlag nicht wirklich an das Buch glaubt, erkennt man jeder Seite an: Satzspiegel bis zum Maximum gesetzt und immer wieder der ein oder andere Rechtschreibfehler auf dem wenig feinen Papier.

Da hätte man sich die Buchproduktion doch lieber gleich ganz gespart.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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6 Kommentare zu “»Auf Zehenspitzen berühre ich den Himmel« von Amanda Prowse

  1. Hey Shaakai,

    Ich habe das Buch vom Verlag geschenkt bekommen, aber bis jetzt war ich mir nie sicher, ob ich es lesen will. Nach deiner Rezensionen noch weniger wie vorher. ^^ Ich glaube, ich werde es mir sparen.
    Liebe Grüße,
    Sarah

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