»Von Mr. Holmes zu Sherlock. Meisterdetektiv – Mythos – Medienstar« von Mattias Boström

Es gibt mehrere Meisterschnüffler, die durch die literarische Landschaft ermitteln: C. Auguste Dupin, Hercule Poirot und Jane Marple sind nur einige der bekanntesten Namen, doch einer war seit seiner Erfindung der Meisterdetektiv schlechthin, dem selbst heute nur schwer das Wasser gereicht werden kann: Sherlock Holmes.
Ende des neunzehnten Jahrhunderts von dem praktizierenden Arzt Arthur Conan Doyle erfunden, verbreiteten sich die Romane und Erzählungen von dem Ermittler rasch von Großbritannien aus in alle Herren Länder und Sherlock Holmes wurde das Vorbild für zahlreiche literarische Detektive, die ihm folgten. Man fand Holmes nicht mehr nur in Doyles Geschichten, auch auf der Bühne, im Hörfunk, auf der Leinwand, in zahllosen Pastiches und Parodien. Das Bild Holmes wurde von Schauspielern geprägt und auch heute noch debattiert man darüber, wer wohl die beste Verkörperung darstellte.

Doch wie hat sich das Phänomen Sherlock Holmes entwickelt und wie konnte es gelingen, daß eine literarische Figur ein solches mediales Eigenleben entwickeln konnte?

Dieser und anderen Fragen widmet sich der Schwede Matthias Boström in seiner Abhandlung » Von Mr. Holmes zu Sherlock. Meisterdetektiv – Mythos – Medienstar«, die in Deutschland im Januar 2016 im btb erschien. Er wirft einen Blick auf die verschiedenen Holmes-Adaptionen und auf die Lebensläufe derer, die mit Doyle und seinem literarischen Kind verbunden waren.
Broström, geboren 1971 in Schweden, ist seit seiner Kindheit Holmesianer und sammelte alles, was er in Verbindung mit dem Detektiv in die Hände bekommen konnte. Als Mitglied der Baker Street Irregulars ist er auch in einer der angesehensten und bekanntesten Kreise und hat damit auch Zugang zu zahlreichen Materialien.

Und aus diesem schier unerschöpflichen Material hat er ein – man ist geneigt, Standardwerk zu sagen – geschaffen, daß man jedem Freund und Liebhaber des Detektivs ans Herz legen kann. Mit einer Detailverliebtheit, die fesselnd ist, wird eine romantisierte Geschichte erzählt, in die man eintaucht und den Personen nah sein kann. Es ist keine nüchterne, distanzierte Abhandlung, die man zur puren Wissensgewinnung liest – und das ist bei dem über sechshundert Seiten starken Buch dem Lesegenuß sehr zuträglich – sondern lebensnah und fast ein wenig privat anmutend, wenn man (sicherlich beschönigten oder fiktiven) Gesprächen lauscht oder sich in die Filmkulisse der diversen Holmes-Verfilmungen liest.
Diese Erzählform allerdings macht es auch schwer, Wahrheit und Fiktion klar voneinander zu trennen und auf einen Blick zu erkennen, wo man sich auf verbriefte Fakten und Aussagen stütze. Zwar findet sich im Anhang ein Literaturverzeichnis, das zwar wahnsinnig umfangreich, in Anbetracht fehlender Fußnoten aber einfach nur unübersichtlich und unhandlich ist.

Man kann der Erzählung dank dem chronologischen roten Faden, der immer ein paar Schlaufen zieht, ohne Schwierigkeiten folgen. Boström beginnt, nach einem einleitenden Wort zur derzeit wohl bekanntesten Adaption Sherlock, mit einem umfangreichen biographischen Blick auf den Autoren Arthur Conan Doyle, auf sein Schaffen, seinen Widerwillen zum eigenen literarischen Kind, dessen mediales Potential er trotzdem zu erkennen und auszubauen wußte. Und so beginnt die Geschichte des Medienstars Sherlock Holmes, der sich von Großbritannien aus in die ganze Welt verbreitete und dessen Nimbus bis heute durch sämtliche Medien zieht.
Man wird mit sämtlichen bedeutenden Persönlichkeiten vertraut gemacht: seien es die Nachkommen Conan Doyles, deren ganzes Streben darauf ausgerichtet schien, soviel wie möglich Profit aus dem Erbe ihres Vaters zu schlagen oder der Schauspielerin Edith Meiser, deren Verdienst es war, daß sie mit ihren Hörspielen Sherlock Holmes radiotauglich machte bis hin zu verschiedenen Verlegern und Regisseuren, die allesamt mehr oder minder dazu beitrugen, daß Holmes zum Medienstar wurde, als der er heute bekannt ist.
Dabei ergeht sich Boström aber zunehmend in seiner eigenen Lebensgeschichte und seiner Liebe zu Sherlock Holmes und verliert den sachlichen Fokus auf die Thematik aus den Augen. Mehr und mehr wird deutlich, wie gern der schwedische Autor sich selbst in der Literaturgeschichte um den Detektiv sehen möchte. Diese Selbstdarstellung geht bedauerlicherweise zu Lasten der Erzählung, der ab dem bekannten Sherlock Holmes-Darsteller Jeremy Brett eine merkliche Abflachung konstatieren muß.

Und trotzallem ist es ihm gelungen, das Phänomen Sherlock Holmes weitesgehend zu analysieren und zu entmystifizieren. Man erkennt, daß fernab von enthusiastischen Fans auch die kommerzielle Seite existiert, die versucht, aus einem Erfolg den noch größtmöglichen Profit herauszuholen und dabei die idealistische Seite immer mehr aus den Augen verliert.
Es ist die Erzählung der Entwicklung einer literarischen Figur geworden, von der auch heute wie damals immer noch Menschen glauben, daß sie wirklich existiert; eine Figur, die das Leben einiger Schauspieler bis in den letzten Winkel bestimmte; und die in jeder Zeit ihren Platz finden darf.

Und so ist das Buch von Mattias Boström für jeden Holmes-Fan ein empfehlenswertes Werk. Man erfährt zahlreiche Fakten und spannende Nebensächlichkeiten und wird dabei noch rundum unterhalten. Hätte der Autor nur den Wunsch, derart in Erscheinung treten zu müssen, gezügelt, seinen Fokus nicht verloren und zum Ende hin immer oberflächlicher geworden, so wäre es ein rundum überzeugendes und lesenswertes Buch geworden, das man jedem geneigten Leser ans Herz legen kann.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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3 Kommentare zu “»Von Mr. Holmes zu Sherlock. Meisterdetektiv – Mythos – Medienstar« von Mattias Boström

  1. Die Rezi hat einen schönen Fluss – du gleitest vom Positiven ins Negative und wirkst nie trocken 🙂 Ich hätte mich trotzdem über die Hard Facts gefreut – bekommt man es normal auf Amazon/Thlia, wieviel kostet es und ob es ein E-Book oder ein Papierbuch ist. So kann ich schon beim lesen einschätzen, ob das Buch es überhaupt wert ist, angeguckt zu werden 😛

    • Danke Dir – ja, ich entschloß mich recht fix, solche Fakten nicht zu bringen, es sei denn, ich finde den Preis wirklich als wichtig, weil er zum Beispiel zu niedrig oder zu hoch ist. Und ich rezensiere fast ausschließlich gebundene Bücher – zum einen mangels Endlesegerätes und mangels Motivation, so lesen zu wollen ^^. Und ich unterstütze lieber den lokalen Buchhandel und die können jede Neuerscheinung binnen eines Tages bestellen.
      Vielen Dank nochmals für Deinen Kommentar und ich wünsche Dir einen wunderbaren Freitag Abend 🙂

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