»Das Joshua-Profil« von Sebastian Fitzek

Maximilian Rhode ist ein erfolgloser Thrillerautor, dessen Ehefrau ihn auch noch regelmäßig betrügt. Einzig seine zehnjährige Tochter Jola ist sein Lichtblick, wenngleich sie nur seine Adoptivtochter ist. Im Gegensatz zu seinem Bruder Cosmo ist Max ein gesetzestreuer Bürger, der sich in seinem ganzen Leben nichts hat zuschulden kommen lassen. Doch dann steht plötzlich eine Dame vom Jugendamt vor seiner Tür und überbringt ihm die Nachricht, die sein liebendes Vaterherz stocken läßt: Jola soll zu ihren cracksüchtigen Eltern zurückgeführt werden. In einer halsbrecherischen Aktion versucht Max mit seiner Tochter zu fliehen und sie aus der Reichweite des Jugendamtes zu bringen, als er in einen schrecklichen Autounfall gerät.
Als er wieder die Augen aufschlägt, sieht er sich im Krankenhaus, wo man ihm mitteilt, man habe ihn, vollgepumpt mit Drogen, in einem Abrißhaus gefunden. Noch schlimmer aber ist die Nachricht vom Verschwinden seiner Tochter. Und jeder hält ihn für den Entführer.

»Joshua hat Sie ausgewählt und Joshua irrt nicht.« (S. 27)

Sebastian Fitzek ist schon lange kein unbekannter Autor mehr und seine Bücher werden immer auf’s Neue von eingefleischten Thrillerfans mit Spannung erwartet. So auch »Das Joshua-Profil«, erschienen Ende dieses Jahres bei Bastei Lübbe. Ein Thriller ganz in guter alter Manier.

Fitzek versteht es, seinen Leser mit einer temporeichen Erzählung zu fesseln und ihn die Zeit bei der Lektüre vergessen zu lassen. Schwupps und schon sind wieder fünfzig Seiten verflogen. Spannende Twists und aufregende Geschehnisse halten den neugierigen Leser bei der Stange und lassen ihn der Auflösung entgegenfiebern, gerade wenn die Hauptperson unglaubhaft und doppelgesichtig wirkt und zusammen mit ihrem pädophilen Bruder arbeitet. Das stärkt nicht gerade die Glaubwürdigkeit.
Zusammen mit einer ominösen Macht, die sich Joshua nennt und der Einarbeitung eines brisanten, aktuellen Themas ist das Konstrukt um einen actiongeladenen Psychothriller gemacht.

Wer Action sucht, findet sie bei Fitzek auf nahezu jeder Seite. In einer zeitdehnenden Erzählweise wird jedes noch so spannungsgeladene Detail geschildert, sowie Orts- und Perspektivsprünge gemacht, um das Moment der Gleichzeitigkeit auszubauen. Die Charaktere werden auch physisch immer wieder arg gebeutelt, wenn sie von bewaffneten Männern bedroht, von wilden Tieren verfolgt oder verbrannt werden sollen. Das Level an körperlicher und seelischer Gewalt ist extrem hoch und kann manchmal auch die Grenze des guten Geschmacks überschreiten.

»Ein gezielter, harter Schlag mit der Handkante, der sich anfühlte, als hätte er mir ein Bügeleisen ins Gesicht gerammt. Blut schoss aus meiner Gesichtsmitte, so dick und zähflüssig wie der lavaartige Schmerz, der meinen Kopf komplett ausfüllte.« (S. 234)

Abgesehen von obskuren Neologismen zur Beschreibung zieht sich dieses Gewaltbild durch den Roman. Man mag es in modernen Zeiten als realitätsnah empfinden, wenn das Kind erst ein Kidnapping mit Todesdrohungen erfährt, eine Explosion überlebt, sich das Bein brechen darf, von einem Wildschein gejagt wird und dann fast im Moor erfriert, und doch wirkt es überzogen. Aber es hält eben die Spannung hoch. Leider führen solche Grobschlächtigkeiten zum Tode des subtilen Thrills, der leise durch die Zeilen schwebt und das stille, aber nagende Gefühl der Angst beim Leser schüren soll. Sicherlich kann man die Sorge Max‘ um Jola verstehen, aber man fühlt nicht mit ihm und wird zunehmend nur zum Zuschauer der stumpfen Gewalttätigkeiten verdammt, die einen erschrecken und anekeln, sodaß man vielleicht den Schmerz körperlich nachempfinden, aber nicht in die seelischen Abgründe tauchen kann.

Sowieso bleiben die Charaktere in der Mehrzahl recht stumpf und farblos und ihnen ist von Beginn an ein Weg vorgegeben. Einzig Cosmo hat dann doch eine ausdifferenziertere Persönlichkeit und Fitzek läßt den Leser an seinem ambivalenten Kampf zwischen seinen ausgeprägten pädophilen Neigungen wider seinem Widerwillen gegen diese Gelüste teilhaben. Und doch kann keiner der Personen wirklich das Herz des Lesers erobern und bei einigen wirkt die Charakterzeichnung sogar unglaubwürdig. Besonders bei Jola bemerkt man immer wieder ein neunmalkluges Verhalten, die man der zehnjährigen einfach nicht abkaufen mag und die man durchaus als mißliche Beschreibung einer Kinderseele verstehen kann.

Erzählt wird das Ganze zum großen Teil aus der Sicht Max Rhodes, was insofern spannend ist, da er als Protagonist selbst den Beruf des Schriftstellers ausübt und man deshalb auch immer wieder den Wahrheitsgehalt seiner Schilderungen anzweifeln mag. Sein bekanntestes und erfolgreichstes Buch, »Die Blutschule«, dessen Referenzen sich auch immer wieder im Roman finden lassen, kann der geneigten Leser auch in der Buchhandlung käuflich erwerben – sicherlich ein netter Werbetrick, wobei die Leseprobe am Ende des Romans doch wenig vielversprechend klang.
Diese sehr persönliche Ich-Erzählung wird aber auch immer wieder durch Wechsel auf andere Akteure unterbrochen, deren Erlebnisse und Wahrnehmungen von einem unabhängigen Erzähler dargelegt werden. Das unterstreicht den besonderen erzählerischen autobiographischen Stil.

Man wird aber schnell erkennen, daß die fesselnde Unterhaltung nicht Fitzeks einziges Anliegen bleiben soll. Ein verhältnismäßig langes Nachwort führt das dem Leser nochmals vor Augen, daß es hier auch um eine Fokussierung auf das heikle Thema der Pädophilie und die hochaktuelle Frage des sogenannten Predictive Policing geht. Manch einer mag sich da wirklich an den Film »Minority Report« erinnert sehen, aber die Diskussion ist moderner und lebensnäher geworden und entwirft ein durchaus denkbares Szenario. So werden Nutzen und Schaden einander gegenübergestellt und Überlegungen zur Fehlerquote und deren Folgen angestellt, denen man gern und aufmerksam folgt und die durchaus schlüssig sind.

Im Gesamten gesehen ist Fitzeks neuestes Buch ein durchaus guter Thriller, der besonders in Bereichen der furiosen Action und der ein oder anderen ausladenderen Gewaltszene glänzen kann, der aber leise Töne vermissen läßt, die eine beklemmende Stimmung transportieren und ein wirkliches Mitfiebern erst ermöglichen.
Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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