»Einen Scheiß muss ich. Das Manifest gegen das schlechte Gewissen« von Tommy Jaud

Wenn Sie dieses Buch lesen wollen, müssen Sie erst den Nutzungsbedingungen, die Sie gleich beim Aufschlagen erwarten, zustimmen, sonst… Ach was, vergessen Sie’s, nach der Lektüre wissen Sie eines: daß Sie einen Scheiß müssen.
Egal was man Ihnen tagtäglich auf das moralische Butterbrot schmiert, Sie müssen sich weder gesünder ernähren, weniger alkoholisches trinken, das Wochenende strikt verplanen oder sich eine Bucketlist machen. So jedenfalls das Credo des kalifornischen Lebenskünstlers Sean Brummel. Dereinst mit der Xanthippe Trisha verheiratet und wurde von ihr zum Sport getrietzt, zur gesunden Ernährung angehalten und wegen fehlender 40 Cent zur vollen Kaution eine Nacht im Gefängnis sitzen gelassen. Ab diesem Punkt reichte es Sean, er trennt sich von ihr, wurde Bierbrauer und verbringt seitdem die Tage mit seiner neuen Freundin Karen.

Und er merkte endlich, daß sein Leben von dem fiesen Muß-Monster beherrscht wurde, das uns alle tagtäglich terrorisiert.
Sein erschienener Ratgeber räumt nun auf mit all den Zwängen auf und will zeigen, wieviel wir von den gesellschaftlichen Verpflichtungen wirklich müssen. Und er muß es, bei seiner Vorgeschichte, einfach wissen. In flapsiger und legerer Art wirft er dem Leser seine Argumente zum Nichtmüssen vor. Dabei ist es – wenngleich Sean das bestreiten will – ein Manifest für das faule Leben geworden, daß sie rein am eigenen Vergnügen und Wohlsein ausrichtet. Dir macht etwas keinen Spaß? Dann laß es! Kann funktionieren und ist sicherlich ganz angenehm, die eine oder andere Aufgabe unter’n zugemüllten Tisch fallen zu lassen oder gar unter den müffelnden Teppich zu kehren, doch daß das alles keine Konsequenzen haben wird, kauft man dem Lebenskünstler schlußendlich dann doch nicht ab, klingt es alles zu sehr nach Schlaraffenland.

Was Tommy Jaud mit seinem Sean Brummel und dem Buch »Einen Scheiß muss ich. Das Manifest gegen das schlechte Gewissen« (Fischer 2015) wirklich erreichen will, ist nicht klar. Man soll’s nicht zu ernst nehmen, kommt aber nicht umhin, an der einen oder anderen Stelle beizupflichten.
Vom Autor dereinst nur »Hummeldumm« gelesen und für schlecht befunden, war ich unschlüssig, wie dieses Buch ausfallen würde und hoffte sehr, daß sich hinter dem rauen Titel ein witziges Knallbonbon versteckt. Und es wurde den Erwartungen zum Teil gerecht, bot es doch mehr und auch gewieftere Scherze, als Jauds Romane. Es hat mit Sean Brummel keinen wirklich sympathischen oder gar charismatischen Erzähler, aber doch einen, dem man den schnoddrigen und flapsigen Tenor und auch seinen Kampf gegen aufoktroyierte Zwänge abkauft und der mit seiner lebensnahen Erzählweise (und seiner Bierliebe) sicherlich die einen oder anderen Leserherzen gewinnen kann.

Allerdings kann man die Argumentation im Buch mehr als dürftig und unfundiert nennen. Im Grunde ist sie nicht vorhanden. Da werden Meinungen aufgrund von Gefühlen oder der einen oder anderen, gerade passenden Studie, untermauert und bilden das Fundament für das große Manifest. Daß das Ganze unter dem Deckmäntelchen der Satire geschieht, macht es nicht besser und rechtfertigt keine hanebüchene Beweisführung. Dieser flapsigen Verfechtung der Faulheit geht dem geneigten Leser irgendwann doch der Humor verloren und ernsthafte, umsetzbare Ratschläge sind rar gesät, sodaß man dem Buch auch nicht das Prädikat eines hilfreichen Ratgebers geben darf.
Amüsant ist es aber doch, ausgestattet mit der einen oder anderen witzigen Illustration und gewieftem Witz. Doch leider ist gerade der nicht von Dauer und die Passagen schönen Humors, denen man den Menschentyp Brummel wunderbar widergespiegelt sieht, werden leider immer wieder von Plattitüden und derben, unnützen Aussagen herabgestuft.
Und trotz allem muß man immer wieder sagen: Recht hat er. Seine Lösungsvorschläge sind oft wahnwitzig und absurd, Brummels Lebensweise bizarr und schräg, aber die Analysen des modernen Lebens, wie wir es in der Vielzahl leben, oft spitz und erhellend. Und sie zeigen in der Konsequenz auch die Absurdität unserer vielen auferlegten Zwänge. Das allein kann die Lektüre des Buches interessant machen; Tipps dagegen wie das Pflegen des Chaos‘ (Begründung: es ist wider der Natur, denn auch im Urwald ist’s nicht aufgeräumt), bis einen der Müll aus dem Haus schwemmt, sind dagegen lächerlich und amüsieren in der Häufigkeit einfach zu schnell nicht mehr.

Wie bei Jaud bekannt, glänzen seine Bücher nicht gerade durch literarischen Tiefgang oder ein zähflüssiges Lesevergnügen – und so ist auch »Einen Scheiß muss ich. Das Manifest gegen das schlechte Gewissen« eher ein simples, leichtgängiges Werk geworden. Leider geht damit auch einher, daß am Ende nicht viel bleibt. Der ein oder andere mag sich nach dem Zuschlagen des Buches ein Bier holen und sich kurz besser fühlen, sonst aber wird es kaum ein längerfristiges Vergnügen bringen.
Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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2 Kommentare zu “»Einen Scheiß muss ich. Das Manifest gegen das schlechte Gewissen« von Tommy Jaud

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