»Ich, Harald Schmidt. Die ganze unfassbare Wahrheit über mein Leben« von Rob Vegas

Late Night im deutschen Fernsehen ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Harald Schmidt. Er machte Mitte der 90er Jahre dieses Format salonfähig und vor allem beliebt. Zwar wehte anfäng­lich durch die Harald Schmidt Show noch der kopierte Wind der amerikanischen Late Night Shows eines David Lettermans, doch schnell fand der deutsche Show-Host seinen eigenen Ton, der geprägt war von Schnoddrigkeit, Direktheit, Witz und gelassener Herablassung. Bei ihm galt: entweder man liebte oder man haßte ihn.

Man weiß vieles über den gebürtigen Schwaben, aber erst jetzt kommt die Biographie bei Gold­mann heraus. Eine Autobiographie.

Doch halt, stop! Wer ist dann dieser Rob Vegas, der still und klein seinen Platz unter dem Konterfei Schmidt und dem prägnanten Titel »Ich, Harald Schmidt. Die ganze unfassbare Wahrheit über mein Leben« findet? Man könnte meinen, Schmidt erlaubt sich ein Verwirrspiel mit dem Leser und offe­riert hier ein Pseudonym. Doch es ist nicht sein Deckname, sondern der wirkliche Schriftsteller der Biographie, die noch nicht einmal vom Meister persönlich in Auftrag gegeben wurde. So wie der­einst auch den Twitter-Account, der auch heute noch als HaraldSchmidt (BonitoTV) betrieben wird. Sein Urheber: ebenfalls Rob Vegas. Mit den Tweets seines Fake-Accounts führte er zahlreiche offizielle Medien in die Irre und erhielt sogar den verifizierten Status. Harald Schmidt aber duldet es – lagen ihm soziale Medien doch nie sonderlich nah und sieht er darin eine gewünschte Ver­schleierung seines Lebens.

Vegas trifft den bekannten Sprachduktus Harald Schmidts in bemerkenswert guter Weise und mehr als einmal wähnt man sich in einer der bekannten Late Night Shows zu sitzen und Schmidt zuzuhö­ren, wie er über alles und jeden herzieht. Dabei übertreibt es der Autor aber auch an der einen oder anderen Stelle zu arg und zieht diesen flapsigen Ton gern in niveaulosere Tiefen, denen jeglicher Esprit abhanden kommt. Da wähnt man sich dann wieder in der leidigen Schmidt & Pocher-Zeit, in der sich die beiden in einem festgelegten Zeitrahmen möglich viele Sexwörter zuwerfen mußten, wenn in der Biographie wiederholt von Sex, vögeln und geil die Rede ist.

Zuweilen ist es ein Fest des Größenwahns und der Eitelkeiten geworden. Ernstzunehmen ist an dem Buch wenig, aber diese Fahrwässer langweilen zum Schluß dann doch, wenn sich mal wieder am herbstblonden Gumibärchenmann festgebissen wird oder »Günni« Jauchs private Enklave in Deutschland zu Anschauungszwecken herhalten muß.

»Es war ein Trauerspiel, und Manuel Andrack und meine Wenigkeit haben Jahre für den Montag gekämpft – doch vergebens. Dafür hatten wir doch den grandiosen Freitag! Ja, am Arsch! Der Frei­tag lief quotentechnisch unter aller Kanone, weil die Menschen dort bei Mutti im Wintergarten die Familie im schwäbischen Kartoffelsalat ertränkten, mit Sack und Pack in den Kurzurlaub nach Palm Springs jetteten oder halt in der Dorfdisko nach willigem Fortpflanzungungsgut Ausschau hielten.« (S. 149f.)

Zu diesen literarischen Längen trägt auch eine etwas mißglückte Priorisierung der Lebens- und Schaffensetappen bei. Werden seine Lehrjahre und der Beginn seiner Fernsehkarriere ausgewälzt und findet auch sein öffentlicher Abgang nach dem letzten Versuch im freien Fernsehen viele Worte, gerät gerade die glorreiche Zeit von Mitte der 90er bis über das Millennium hinaus eher in die Randposition. Da hätten sich die Fans, die sich laut der Welt den Harald Schmidt so wünschen, wie von Vegas seit Jahren gelebt und gezeigt, sicherlich dann auch nähere Informationen gewünscht.

Viele der biographischen Informationen mußte Vegas aber aus den von Schmidt selbst geäußerten Aussagen entnehmen – da kann er allerdings auch aus dem Vollen schöpfen, wenn man sich allein die Fernsehauftritte und zahlreichen Interviews des Vaters der deutschen Late Night anschaut.
Und wo Lücken in der öffentlichen Biographie auftauchen, läßt der Autor seine Fantasie einströ­men.

Daß er Harald Schmidt wenigstens medial perfekt imitieren kann, zeigt er bereits seit 2009 als Dou­ble mit Twitter-Account, den auch schon die ARD in guter Gutgläubigkeit zitierte. Irgendwann wollte Rob Vegas dann ein Buch über sich schreiben, doch da ihn niemand kannte, lag eine Double-Biographie über das Leben, das er wenigstens online lebte, näher. Insofern kann man den Untertitel sicherlich auch auf Vegas münzen, der sich in diesem Buch verwirklichen kann. Und eines hat er jetzt auf jeden Fall erreicht: auch über Twitter hinaus bekannt zu werden.

Das Buch krankt aber immer wieder an dem Bewußtsein, daß es ein Fake ist. Man liest eine Auto­biographie einfach anders, wenn man weiß, daß es keine Autobiographie ist. Ja, daß der Autor noch nicht einmal die Chance hatte, persönlich mit der noch lebenden biographierten Person zu sprechen. Wer das nicht weiß, wird so schnell nicht darauf kommen, ein Schmidt-Imitat vor sich liegen zu ha­ben und das ist sicherlich lobenswert zu erwähnen.

Viele der Witze, die oft so beiläufig, wie man es von Schmidt gewohnt ist, in den Text einfließen, zünden und amüsieren und zwar fast bis zur letzten Seite. Und insofern hat die gefälschte Autobio­graphie auch durchaus ihren Unterhaltungswert.

Es ist aber auch in gewohnter Manier gesellschaftskritisch und Vegas tritt stellvertretend für Harald Schmidt ganzen Gesellschaftsschichten auf die Füße. Da muß er nicht einmal Folgen fürchten, denn all das geschieht unter dem schützenden Deckmantels des Meisters und niemand wird es ihm wirk­lich übel nehmen.

Aber doch hätte ich lieber einen echten Harald Schmidt gehabt als ein auf der Machart einer Late Night Show basierendes Imitat. Und so ist das Buch eher der Schritt Rob Vegas‘ in die Öffentlich­keit, der damit sein humoristisches Talent unter Beweis stellen darf und zeigt, daß er den Ton eines der bekanntesten Fernsehgesichter zum Verwechseln perfekt draufhat.

Kann man lesen, ist schnell gelesen, muß man aber nicht lesen.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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