»Das Buch der Zumutungen« von Stefan aus dem Siepen

Optisch nüchtern kommt das neue Buch von Stefan aus dem Siepen, welches gerade beim dtv er­schienen ist, daher. In einem blauen Leinenmäntelchen und schlichter Typographie wirkt es fast zu unscheinbar neben all den bunten, schrillen, merkwürdig künstlerisch gestalteten und bilderbeklei­deten Büchern im Regal. Aber eben das macht es auch attraktiv; sticht es doch gerade durch seine Einfachheit und Klarheit heraus. So auf­fällig und elegant es in der Gestaltung ist, so charakte­ristisch ist auch sein Inhalt. Auffällig an­ders.

Der Mensch ist tagtäglich mit Situationen konfrontiert, die ihm einiges zumuten. Sei es der Lärm, den der Nachbar mal wieder zu unchristlicher Stunde veranstaltet, die leidige Unpünktlichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel oder einfach das schlechte Fernsehprogramm. Viele der Menschen ha­ben aber im Zuge ihres Umgangs mit dem Leben gelernt, diese Zumutungen zu übergehen, zu igno­rieren oder auch sich anzupassen und (Un-)Arten zu übernehmen.

Nicht so der 1964 in Essen geborene Jurist Stefan aus dem Siepen (Luftschiff Atrium 2006, Das Seil dtv 2012), der im Zuge seines Diplomatendienstes auch die kulturellen Kreise Luxemburgs, Ruß­land und Chinas kennenlernte. Er analysiert das moderne Dasein und legt dem Leser in fünf Kapi­teln seine Wahrnehmungen und Untersuchung dar. Das Büchlein, das dabei herausgekommen ist, heißt »Das Buch der Zumutungen«.

Eines ist bei der Lektüre klar: Stefan aus dem Siepen wird so einigen Volksschichten und Berufs­gruppen auf die Füße treten und ihnen spitzfindig Fehlverhalten nachweisen. Und genau das hinterläßt bei der Lektüre sicherlich bei vielen Lesern einen bitteren Nachgeschmack; doch kann man aus dem Siepen schwerlich vorwerfen, nicht aus dem Leben zu schreiben. Und bei der ein oder an­deren beschriebenen Situation kann man nicht anders, als ihm beizupflichten: erlebte man es in ähn­licher Weise doch schon selbst.

Es ist eine Sammlung von kleinen, pointierten Anekdoten geworden, die in sieben Kapiteln zusam­mengetragen und gebündelt werden und sich den Zumutungen in Sport, Kultur, Buchwesen und Sprache sowie dem Alltag widmen. In einzelnen Betrachtungen zu einer beschriebenen Zumutung, die manchmal, wie die Aussage, man solle doch nicht Auto fahren, im ersten Moment den Leser stutzen lassen, baut aus dem Siepen geschickt eine Argumentationskette auf, der man durch die An­ekdoten hinweg folgen kann und die immer wieder ein Schmunzeln entlocken werden.

Feinen, jedoch auch bissigen Spott hat er aber auch über die Einfältigkeit der Menschen übrig und das wird vielen, gerade in Zeiten der Negierung jeglicher geistiger Unterschiede, sauer aufstoßen und brüskieren; erscheint aus dem Siepen so doch oft wie ein sich über alles geistig minderwertige erhebende Autor, der die simplen Wünsche der einfachen Menschen nicht verstehen kann und nur nach der Erschaffung einer geistigen Elite strebt. Stumpfes Arbeitertum lehnt er deshalb wegen Ver­kümmerung der geistigen Fähigkeiten ab. Verwundern dürfte auch seine fast schon wütende Ab­rechnung mit der Hirnforschung und dem Vater der Psychoanalyse, Freud. Für sie hat er nur ver­ächtliche Worte übrig, da sie das Wesen des Intellekts auf die reine Physis reduzieren, die aus dem Siepens philosophischer Sicht einfach zu redundant ist. Damit gibt er durchaus Anlaß zum Streit, tut dies jedoch immer in eleganter und angenehmer, wenngleich subjektiver Art.

Man merkt ihm eine fast genießerische Freude beim Erzählen an, die er immer wieder in der amü­sierenden Art zu erzählen in den Anekdoten auslebt, wenn er beispielsweise über den deutschen Hu­mor erzählt, der, bis zur frühen Neuzeit blühte und gedieh, dann immer mehr erstarb, bis man zum Schluß kam, die Deutschen seien doch ein recht verbissenes und gestrenges Völkchen. Und mit Au­genzwinkern kann aus dem Siepen konstatieren:

»Erst mit der Jahrtausendwende begann auch bei uns – der verspäteten Nation des Humors –, das Pendel in die umgekehrte Richtung zu schwingen. Endlich! Mit lange unterdrückten Jubelrufen kehrten wir zum Hanswurst zurück.« (S. 56)

Allerdings bekommt der ein oder andere Leser sicherlich bei der Lektüre den Eindruck eines Ewig­gestrigen, der den guten, alten Zeiten nachtrauert und nicht mit der manchmal schmutzigen Realität umgehen kann. Das aber kann man aus dem Siepen nicht vorwerfen. Seine Anekdotensammlung ist vielmehr eine unterhaltsame und lehrreiche Bestandsaufnahme unserer Zeit. Stefan aus dem Siepen deutet in einer, auf dem deutschen Literaturmarkt selten gewordenen feinsprachlichen und elegante Art auf Mißstände jeglicher Couleur, nimmt dabei ab und zu einen doch pädagogischen Ton an und amüsiert den, auch lieber kleine Häppchen lesenden Rezipienten mit allerlei Erzählungen, die er selbst schon so oder ähnlich erlebte.

Ich danke dem dtv für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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