Frankfurter Buchmesse 2015 || Tag 3

Der Freitag begann mit einer Erfahrung in der S-Bahn, die mich zugegebenermaßen doch erschütterte und gerade in Anbetracht des eben einen Tag zurückliegenden Interviews mit Stefan aus dem Siepen umso mehr meine Aufmerksamkeit auf sich zog. So saß in der überfüllten Bahn Richtung Messe ein nicht älter als zwölf Jahre altes Mädchen auf dem Sitz einer Vierersitzgruppe am Gang, ihr gegenüber waren beide Plätze besetzt, neben ihr – der Fensterplatz – war dagegen frei. Eine ältere Dame mit Rollköfferchen, die, ebenso wie ich und viele andere, am Hauptbahnhof zustieg, ging an mir, die ich etwas hinter dieser Sitzgruppe ein Plätzchen fand, vorbei und auf das Mädchen zu. Sie bat es freundlich, doch auf den freien Platz neben sich zu rutschen, damit sie sich setzen und ihren Koffer festhalten könne. Das Mädchen aber zeigte sich renitent und fing an zu diskutieren, daß sie ihren angestammten Thron nicht räumen wolle – selbst dann nicht, als die Stimmung im Abteil merklich gegen dieses Mädchen ging. Erst als ein betagter Herr aufstand und laut ein ernstes Wort sprach, rückte sie zerknirscht nach rechts. Man könnte meinen, daß sie jetzt daraus gelernt habe, doch dem war nicht so. Zu meinem Bedauern stieg auch sie an der Messe aus, nicht ohne aber die Frau mit »So unverschämt« anzuzischen. Bücher scheinen nur bedingt zur guten Erziehung beizutragen.

Und als wäre das der Einstieg zu einem recht edukativlastigem Messetag, ging es nach meiner Ankuft auf der Buchmesse direkt zum einstündigen Vortrag »Medienmündigkeit und Waldorfpädagogik«, ausgerichtet vom Bund der Freien Waldorfschulen. Der Waldorflehrer Edwin Hübner, dessen Vortrag ich schon auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse beiwohnte, sprach über die Möglichkeiten, Kinder bereits in der Erziehung und der Schule zu medienkompetenten Menschen auszubilden. Er zeigte Wege und Strategien auf, wie Kinder lernen, mit den digitalen Medien zu arbeiten, anstatt sich von ihnen beherrschen zu lassen und er forderte wiederholt, das Einhalten einer strikten Abstinenz bzw. stark kontrollierten Umgang mit der virtuellen Pseudorealität in den Kinderjahren. In späteren Jahren, in denen das Kind die geistige Reife ausbildet, diese Geräte und ihre Auswirkungen begreifen zu können, soll dann sowohl der verantwortungsvolle Umgang wie auch das Verständnis der Funktionsweise geschult werden. Dabei istPrinzip und das Ziel, die Hübner klar und deutlich darlegen konnte, sehr lobenswert und auch nachvollziehbar und man möchte es sich in Anbetracht des grassierenden Digitalwahns nur verwirklicht sehen, aber es bleibt nur an den kleinen Waldorfschulen umsetzbar. Daß es heutzutage fast zum ungeschriebenen Gesetz gehört, daß schon Kleinkinder das Wunder des Onlife möglichst früh kennenlernen, kann die Schule nicht lösen und auch der Appell Hübners an die Eltern und die das Kind umgebenden Menschen wird auf wenig fruchtbaren fallen. Es ist schon bezeichnend, wie wenige Zuhörer ihm Aufmerksamkeit schenkten und wieviele von ihnen auch bis zum Ende blieben.

In der nachfolgenden Diskussion zur digitalen Bildungsrevolution konnte ich einiges an Neuigkeiten aus dem Bereich der Bildung erfahren. Ralph Müller-Eiselt stellte hier das kürzlich bei DVA erschienen Buch »Die digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können« vor und gab Einblicke in die edukativen Systeme in anderen Ländern, von denen Deutschland seiner Meinung nach auch gern das eine oder andere übernehmen könne. So werden an einigen amerikanischen Schulen mittels Algorithmen täglich individuell auf jeden einzelnen Schüler zugeschnittene Lerncurricula generiert, deren Aufbau und Berechnung auf einer Analyse der Erfolge und Mißerfolge fußt. Die Angst der Lehrer, schlußendlich überflüssig zu werden und nur noch Ausführer eines Computers zu sein, will er nicht bestätigt sehen und prophezeit einen Wandel zum Lernbegleiter. In diesem Zuge fielen auch die gern genutzten Angleichungsparolen und Nivellierung von Unterschieden in Fähigkeiten und Leistungen, denen das personalisierte Lernen entgegenwirken soll. Auch die Ängste bezüglich der Datensicherheit und der Sorge, Schüler schlicht zu Statistikopfern zu machen fielen, doch Müller-Eiselt sieht das ziemlich gelassen und glaubt daran, daß wir von den internationalen Vorreitern nur lernen können.

Als nächstes ging für mich zu einem Bloggertreffen, mein zweites überhaupt. Ich nutze die Messen lieber für die Vorträge und Präsentationen, um Neues zu erleben. Aber wenn man sich in der Bloggersphäre bewegt, möchte man irgendwann auch solche Treffen mal besuchen. Also andere interessante Gesprächsrunden zurückgestellt und zur Orbanism Space gelaufen, wo schon ein beträchtliche Masse an Bloggern wartete. Der zur Verfügung stehende Raum war für Messeverhältnisse gesehen nicht wenig, aber für die Menge an anwesenden Bloggern doch zu wenig. Ich fand am Stand ein Plätzchen und als ich mich umdrehte, blickte ich in das vertaute Gesicht der lieben Jessica von Freakin Minds, die gerade von der mir auch aus dem Studium bekannten, jetzt Journalistik studierenden Annalena begleitet wurde. Aus dieser Zusammenarbeit soll ein Feature über die Blogger auf der Frankfurter Buchmesse entstehen und ich hoffe, daß ich, wenn dieses Radiofeature fertig ist, es hier auch zeigen kann.  Nach einer Begrüßung gab es belegte Brötchen und Getränke und man fand sich in Grüppchen zusammen, um über das Bloggen, die Buchwelt und die Messe zu sprechen. Ich empfand es als sehr angenehm und trotz der Menschenmenge gut organisiert. Daß es nämlich auch anders geht, das hat Pudelmütze leidvoll in ihrem Blogpost zum »Großen Abgreifen oder auch Blogger- und Lesertreffen extrem« beschrieben.

Zu Dritt verließen wir dann die Orbanism Space gegen drei Uhr und ich warf meinen Plan erneut um, als wir zum Blauen Sofa gingen – denn da wartete man mit einer Berühmtheit auf, die nun ihre Memoiren publiziert hatte. »Herbstblond« heißen sie und Thomas Gottschalk ist ihr Autor. Man merkte an, daß die Berühmtheit Gottschalks allein schon zog und die Menschenmassen vor der Bühne zusammenführte. Recht weit hinten kamen wir zum Stehen und konnten zwar wenig sehen, aber dafür wenigstens hören, was der zu den bekanntesten deutschen Show-Moderatoren gehörende Gottschalk über sein Buch und Leben zu erzählen wußte. Dabei trug er in bekannt lässiger Weise zum Amüsement der Zuhörer bei und gab einen Scherz nach dem anderen zum Besten, der bebend durch die Menge wallte. Zum Lesen angeregt hat es mich nun nicht, aber so kann ich wenigstens der Buchmesse auch eine Lesung abgewonnen haben.

Der Besuch im Pavillon des Gastlandes ist für mich einfach auf jeder Frankfurter Buchmesse fest eingeplant und ich bedauere bis heute den Umstand, daß die Leipziger Buchmesse ihrem Ehrenland gerade diese Ehre nicht machen kann. Auch dieses Jahr merkte man diesem Saal seinen Geist an, ein faszinierendes Abbild des Landes schaffen zu wollen. Nur punktuell beleuchtet und mit von der Decke herabhängenden, blau schimmernden Papierquadern, auf denen Zitate der literarischen Größen Indonesiens zu lesen waren, ausgestattet, konnte man sich jede Menge an publizistischen Erzeugnisse besehen, geschichtliche Zeugnisse bestaunen und auf bequemen Sitzgelegenheiten das ein oder andere Buch zur Hand nehmen und bei beruhigenden Klängen lesen. Als ich im Pavillon ankam, führte eine Frau gerade einen traditionellen indonesischen Tanz auf, der exotisch und faszinierend, aber auch einnehmend war und die Zuschauer bannte.

Zum Schluß – die Messe begann sich schon zu leeren, ging ich an den Stand von Literadio, wo sich der Direktor der Buchmesse Jürgen Boos und der Autor Gerhard Ruiss zum Gespräch unter dem Thema Ist Literatur intermedial oder doch hauptsächlich gedrucktes Wort? trafen. Und dafür eignet sich die Kulisse der Buchmesse wohl besser als jede andere, finden sich hier doch nicht nur gedruckte Bücher, sondern auch eBooks, Filme, Hörbücher, Theaterstücke, Radio und anderes. Dabei verließen beide Redner aber schnell die Pfade der Frage und kamen zur Buchmesse zu sprechen. Man sprach über die Rolle der Selbstverleger und ihre Dynamisierung des Buchmarktes, sowie über das sukzessive Verschwinden der deutschen Verlage, was sicherlich auch dem einen oder anderen Messebesucher aufgefallen sein dürfte. Boos merkte dazu an, daß das Verhältnis deutscher zu ausländischer Verlage bis vor Kurzem bei zwei Drittel zu einem Drittel lag – und daß es sich jetzt genau umgekehrt verhält. Auch, das aber mit wenig Bedauern, spricht er über den zunehmenden Verlust des Geschäftscharakters der Messe, der gerade die Leipziger Buchmesse immer auszeichnete. Aber auch Lob über die zunehmende Diversifizierung des Mediums Buch kommt zum Schluß nicht zu kurz, auch wenn offensichtlich nichts die schönen Vorteile des haptischen Buches relativieren kann.

Und damit ging der dritte Buchmessetag zu Ende und damit der vorletzte Tag meines geplanten Messeaufenthaltes. Ich bin gespannt, was mich morgen erwarten wird, auch wenn mir vor dem Sonnabend doch graust. Mit den Besuchertagen habe ich nie gute Erfahrungen gemacht. Wird an den Fachbesuchertagen schon hier und da geschoben und gedrängt – an den Besuchertagen sind die Hallen 3.0 und 3.1 fast nicht mehr frequentierbar, ohne sich im Kriegsgewirr wähnen zu müssen.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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