»Der Dämon von Naruel. Der Berg der Elemente« von Janine Prediger

Vielleicht vier Jahre alt war das Mädchen Panu, als die kriegerische Rasse der Amphimen, deren Er­scheinungsbild anthropomorphen Fischen gleicht, in ihr Dorf einfielen. Der Anführer Alistos suchte für seine Armee begabte und starke Kinder und seine Wahl fiel diesmal auf Panus Bruder Umbriel. Um die Entführung ihres Bruders zu verhindern, stellte sich Panu ihrem mächtigen Gegner und beein­druckte ihn dabei so sehr, daß er sie mitnahm und sie von seinem Gefolgsmann Oberon zur stärksten Kriegerin seiner Untergebenen ausbilden ließ. Was er lange Zeit nicht ahnte: Panu, die von allen nur noch Pan gerufen wurde, und ihr Lehrmeister schmiedeten den Plan, Alistos zu töten, um endlich die Freiheit zu erlangen. Doch dafür muß Panu nun jeden Tag hart trainieren, denn Alistos scheint unbesieg­bar. Als sie dann auf einem ihrer verbotenen Trainingsausflüge in den Dschungel eine der seltenen verfluchten Früchte findet, denen nachgesagt wird, demjenigen, der sie verspeist, übermenschliche Kräfte zu verleihen, sieht sie ihre Chance gekommen. Daß sie damit aber auch einem Dämon dazu verholfen hat, Macht über sie zu erlangen und somit das Bannsiegel, welches ihn aus der Welt Na­ruels fernhalten sollte, zu schwächen, wird ihr erst nach und nach klar und sie muß feststellen, daß es weit mächtigere Gegner als Alistos gibt.

Und so ist der Leser mitten in der fantastischen Welt Naruels, erdacht und ausgestaltet von Janine Prediger. Einer Welt, die weit größer ist, als es Pan, die in ihrem Leben nur ihr Dorf, die vergitter­ten Zellen von Alistos‘ Hauptquartier und den Dschungel sah, auf den ersten Blick scheint. Es ist eine Welt, wie sie typische Fantasy ausmacht: hier und da ein paar Dörfer, ein Ödland und viele Wälder, einige vorgelagerte Inseln und ein sich durch das Land ziehendes Gebirge. Das Ganze wird mit Menschen, menschenähnlichen Wesen und animalischen Begleitern besiedelt. Und so ist eine Kulisse geschaffen, die die Grundlage für den Naruel-Zyklus ist, zu dem »Der Berg der Elemente« (BoD, 2015) den Einstieg schafft.

Pan ist eine Figur wie aus dem Bilderbuch: trotz ihrer jungen Jahre mit enormer Stärke versehen und eine exzellente Kämpferin, ist sie aber auch ein Mädchen, das sehr emotional sein kann und in Rage die eine oder andere unbedachte Entscheidung trifft. Sie erfährt, nachdem sie von der Frucht naschte und zunehmend mit dem Dämon Cragorin ringen muß, der Besitz von ihrer Seele ergreift, daß sie zu alle dem auch noch die Reinkarnation ebendieses Wächters sei, der dereinst Cragorin mittels eines Siegels aus der Welt verbannte. Als dieses Siegel brüchig wird und Cragorin wieder in die Welt Naruel strebt, soll sie es auch noch sein, die mit einem Gefährten den Dämon wieder besiegen soll.
»Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust«, möchte man da sagen; des Grundprinzips dieses faust’schen Zitates jedenfalls bedient man sich. Doch auch wenn Pan vieles ihrer Wahrnehmungen nicht unkommentiert lassen kann, dieser Zwiespalt wird nur marginal herausgearbeitet. Stattdes­sen findet vermehrt eine Fokussierung auf Pans Gedankenwelt statt, die gern jeden ihrer Eingebungen festhält. Das erzeugt schnell einen unglaubwürdigen Effekt und läßt die Erzählung ins Plauder­hafte abrutschen. Auch die narrative Perspektive wird verwaschen und verliert ihre Konturen. Man liest Pans Gedanken, inneren Flüche und Mahnungen immer wie eine normale Rede und so sind sie auch ausgezeichnet. Diese Kenntlichmachung verfehlt aber ihre Wirkung und stört nur den Lese­fluß, wenn man davon absieht, daß allgemein die ständige Wiederholung Pans geistiger Ohrfeigen sich selbst gegenüber irgendwann überhand nehmen; noch dazu wenn ihre Gedankensprache sowie die ausgesprochenen Worte (das kann man nicht immer klar voneinander trennen) deplaziert wir­ken. So schafft es Pan, beim Fall in eine tiefe Schlucht ihre Klauen, die sie dank dämonischer Kräf­te bekam, in den mal harten, mal porösen Stein zu schlagen, um so ihren Fall zu stoppen. Allerdings hat das auch zur Folge, daß ihr Handgelenk bricht und beinahe vom Rest ihres Körpers abreißt, so­daß sie regelrecht am seidenen Faden baumelt. Ihr Kommentar: »So ein verdammter Mist!«, ver­fluchte sie abermals ihren gewagten Bremseinfall. »Aber wenigstens hat mich das vor dem sicheren Tod am Grund dieser Schlucht bewahrt…« (S. 229) Der Leser wird das auch ohne einen Spruch von ihr ah­nen können und kann nur den Kopf darüber schütteln ‎‒ zerstört es doch auch die eben aufgebaute Spannung.
Man merkt dem Roman aber die Freude am Ausmalen der emotionalen Ebene Pans an. Prediger versucht, ihrem literarischen Kind Ecken und Kanten zu geben, doch der Feinschliff fehlt noch sichtlich. Zu oft umgibt sie der Nimbus einer klischéehaften, unbesiegbaren Kriegerin, die, wie so oft, ausgewählt von höheren Mächten ist, gegen oder für die sie kämpft. Und das schafft sie überra­schenderweise auch immer ganz allein. Selbst Tätigkeiten wie das Reiten, bei dem sie selbst zuge­ben muß, daß sie sie nicht beherrscht, kann sie aber trotzdem ohne vorherige Übung. Auch, und da­mit soll wohl eine natürliche Seite an Pan zutage treten, denkt sie in den unmöglichsten Situationen an eigentlich in den Hintergrund getretene Dinge – so zum Beispiel die Nahrungsaufnahme.

»Wenn sie nicht schlief oder nach etwas Essbaren Ausschau hielt, verfiel sie in Überlegungen.« (S. 196)

Und auch als sie mit sich ringt, ob sie ihre Hand amputieren soll, schweifen ihre Gedanken mal wie­der ab: »Zwar meldete sich ihr leerer Magen nur allzu oft, doch hier im Oreeagebirge gab es nun mal nichts außer kaltem Stein. Je eher sie also diesen ominösen Berg der Elemente gefunden haben würde, desto eher bekäme ihr Magen auch wieder etwas zu essen.« (S. 231)

Man gewinnt zunehmend den Eindruck, daß es der Autorin nur punktuell gelingt, sich von ihrer Fi­gur zu lösen und sich nicht in ihr widerzuspiegeln, sondern einen eigenständigen, von den eigenen Vorlieben und Fähigkeiten unabhängigen Charakter zu kreieren.
Des weiteren wird deutlich, daß Janine Prediger noch nicht ihren Stil gefunden hat oder sich selbst nicht immer treu bleiben kann. Brüche in der Ausdrucksweise finden sich zur Genüge. Mal ist sie pathetisch und in Emotionalität versunken, wie man es eigentlich aus der Romantik kennt, auch ver­sucht sie sich ein paar mal an verschlungener, kryptischer Sprache, die offen lassen soll, was sich dahinter verbirgt, doch kann sie mögliche Geheimnisse, die einen Spannungsbogen schlagen sollen, nicht lang genug dem Leser vorenthalten, um ebendiese Spannung aufrecht zu erhalten. Man merkt an, daß Prediger selbst Freund der Fantasyliteratur ist, deren Stil und Aufbau sie als Vorlage für ih­ren Roman nimmt. Allerdings hat das Lücken im Ausdruck zur Folge, wenn ihr sprichwörtlich die Worte fehlen.

»›Wegen dir, dir ganz allein sind so viele gestorben und da fragst du mich, warum ich nicht da war?‹, brüllte sie schäumend, wobei sie die Personalpronomen so laut betonte, dass sie Elevi im Kopf dröhnten.« (S. 163)

Ferner finden sich Wiederholungen in auffälliger Anzahl im Text und auch wenn die Autorin merk­lich daran feilt, gerade solche zu vermeiden und dafür oben genannte Stilbrüche in Kauf nimmt, sind gerade Füllwörter beliebte Wiederholungstäter. Zu alle dem kommt auch noch, daß sich Ortho­graphiefehler finden lassen, deren Zahl zum Ende hin zunimmt.

Die Geschichte als Ganzes betrachtet hat aber Potential und birgt viel Lesespaß, denn sie hat Kon­zept und mit Pan eine liebenswerte und starke Persönlichkeit, deren Kraft aber an einigen Stellen übertrieben und unglaubwürdig ist. Auch eine mehr oder minder versteckte Moralkritik an den Menschen und ihrem destruktiven und egoistischen Wesen findet sich darin, wobei das – aus ande­rer Literatur schon oft gehört – in die paradiesische Urwelt eingewoben wird, in der fantastische Wesen in harmonischem Einklang miteinander lebten, bis das Böse in diese Idylle kam und alles zerstörte. Man könnte es biblisch angehaucht nennen.
Außerdem muß man der Erzählung eine enorme Blutrünstigkeit attestieren, die sie gänzlich unge­eignet für zart besaitete Gemüter und Kinder macht. Für einen eingefleischten Leser brutalerer Szenenbeschreibungen ist das kein Problem, aber trotz allem stellt man sich hin und wieder die Frage, was eine stärkere Auslassung diese Grausamkeiten nötig macht und was die Autorin dazu bewog.

So kann man schlußendlich sagen, daß Prediger mit dem Einstieg in ihren Naruel-Zyklus ein solider Roman ge­lungen ist, der aber auch augenfällige Schwächen zeigt und deutlich macht, daß die Autorin noch nicht aus eigener Feder schreiben kann. Man möchte den Vergleich zu anderer Literatur dieses Genres stets vermeiden und kommt doch schwerlich umhin, wenn ein neues Werk sich so auffällig an vorgegeben Schemata orientiert und diese kopiert, um in der Einordnung Fuß zu fassen. Man kann es lesen, man wird daran auch seinen Lesespaß haben (nicht jeder Lacher wird aber von der Autorin beabsichtigt gewesen sein), aber auch die zahlreichen Fehler und Ungereimtheiten werden einem sauer aufstoßen – dafür ist »Der Dämon von Naruel. Der Berg der Elemente« einfach noch viel zu unausgereift.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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