»Der Illusionist« von Steven Galloway

Einen Konfabulisten nennt die Psychopathologie einen Menschen, der aufgrund einer Ge­hirnschädigung zunehmend seine Erinnerungsfähigkeit verliert und diese Lücken mit er­fundenen, aber objektiv glaubhaften Erinnerungen füllt.

Als Martin Strauss von seinem Arzt gesagt bekommt, daß er an dieser Krankheit leidet, bricht für ihn seine Existenz buchstäblich zusammen. Er, der ein bewegtes Leben hinter sich hatte, sitzt nun auf einer Bank vor dem Krankenhaus und läßt seine verbliebenen Er­innerungen Revue passieren. In seiner Retrospektive war er derjenige, der einst den großen und berühmten Magier Harry Houdini ums Leben brachte und der nun, Jahrzehn­te nach seiner Tat, Houdinis Tochter Alice zu erklären versucht, wie es zu dieser schreckli­chen Tat kam.

Obwohl schon der Originaltitel von Steven Galloways neuestem Buch »The Confabulist« die Richtung vorgibt, trifft es der deut­sche Titel, in Übersetzung von Benjamin Schwarz, »Der Illusionist« weit besser. Nur wer hier der Illusionist ist und wer in der Illusion lebt, wird nicht so schnell klar.

Auf Basis eines interessanten neurologischen Phänomens werden hier Erzählstränge per­fekt miteinander verwoben und der Leser in eine Zaubershow versetzt, in der der ältere Martin Strauss die Rolle eines Conferenciers einnimmt, der die Lebensgeschichte Harry Houdinis ablaufen läßt.

Ein Entertainer der Jahrhundertwende – Harry Houdini

Dieser kleine, aber als muskulös beschriebene Sohn ungarischer Einwanderer, der 1874 als Erik Weisz in Budapest geboren wurde und schon im Kindesalter mit seinen Eltern nach Amerika immigrierte, entdeckte früh sein Talent, Schlösser knacken zu können und sah damit seine Stärken in der Zauberei. Bei einem seiner Auftritte mit seinem Bruder Theo lernte er die Varietékünstlerin Willhelmine Beatrice »Bess« Rahner kennen und heiratete sie bald darauf. Dank geschickter PR-Aktionen wurde Weisz, der, in Anlehnung an den französischen Magier Jean Eugène Robert-Houdin, sein Künstlerego Harry Houdini nann­te, mit seinen waghalsigen Entfesselungsaktionen immer bekannter und beliebter, die Menschen strömten in seine Shows. Er tourte mit seinem Programm auch erfolgreich durch das Vereinigte Königreich, Deutschland und Rußland. Nach dem Tod seiner gelieb­ten Mutter, der ihn erschütterte, wendete er sich mehr und mehr der erstarkenden Spiritis­tenbewegung zu und versuchte, sie zu bekämpfen; sah er in den Geisterbeschwörern und Medien doch nur Gauner und Betrüger, die er, auch unter hohem finanziellen Aufwand, zu entlarven suchte.

1926 starb er in Detroit unter dubiosen Umständen an einem geplatzten Blinddarm – und so wie sein Leben birgt auch sein Tod zahlreiche Rätsel und genügend Platz für Spekulatio­nen.

Besonderes Aufsehen erregte Houdini im Jahre 1918, als er vor den Augen eines erstaun­ten Publikums eine große Elefantenkuh einfach in einer großen Box verschwinden ließ. Man weiß, daß es einfachste Physik und Psychologie war, derer sich Houdini bediente, um die Illusion zu schaffen und gerade in seinen letzten Lebensjahren war er darum bemüht, die Menschen darum aufzuklären, die glaubten, er wäre mit hören Mächten im Bunde und könne wirklich zaubern. Aber viele seiner Bewunderer – auch der britische Arzt und Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle – wollten der Illusion, Houdini beherrsche besondere, den normalen Menschen übersteigende Kräfte, glauben. Sie wollte in ihn glauben.

Die Leben zweier Illusionisten

Zwei Biographien – in unterschiedlicher Ausführlichkeit – werden gerade an dem Punkt miteinander verknüpft, der im Leben des Magiers noch heute Fragen aufwirft: sei­nem Tod.

Houdinis gut recherchierte Biographie wird mit ausgeschmückter Detailverliebheit erzählt, ohne dabei aber ins abgehobene romantische Erzählen abzudriften. Galloway gelingt es, Dialoge zu formu­lieren, die authentisch und ergreifend wirken und Kulissen zu erschaffen, die plastisch scheinen, den Leser in ihren Bann ziehen und immer wieder vergessen lassen, daß sich ne­ben den zahllosen biographischen Fakten auch eine große Portion nicht verbürgter Fiktion im Text versteckt.

Neben dieser starken und ausdifferenzierten Figur wirkt der Ich-Erzähler Martin Strauss eher farblos und diffus. Er ist ein medizinisches Faszinosum und als solches trägt er ein großes Stück weit zum Funktionieren der Erzählung in ihrem Ganzen da. Und er ist mit seiner Vergangenheitslo­sigkeit – man kann hier auch von seinem illusionierten Leben sprechen – der, der dem Leser die Philosophie hinter der Geschichte nahebringt, der re­flektiert und analysiert. Er ist in der Lage, dank simpler und eingängiger Vergleiche, seine Gedanken auf Basis der biographischen Schilderungen Houdinis zu entwickeln und den Leser zur Weiterführung seiner Gedanken über den Wahrheitswert der eigenen Erinnerun­gen anzuregen. Es ist vielleicht keine kant’sche Abhandlung über das Wesen des Men­schen, aber es ist ein interessanter, lebensnaher, wenngleich seltener Fall, der dem geneig­ten Leser der schönen Literatur die Gedankengänge nahebringt und sie verständlich macht.

Die Bühnenshow des Lebens

Dank der sich abwechselnden Perspektiven und der Zeitebenen, zwischen denen munter gewechselt wird und die sich in einer stimmigen Umarmung miteinander befinden, wird die Erzählung aufgelockert und auch spannend gestaltet. Selbst wenn der Klappentext schon einiges verriet: Galloways geschickter Griff auf eine Krankheit, die von vornherein klarstellt, daß bei subjektiven Schilderung des Betroffenen Falschaussagen nicht ausgeschlossen sein können, läßt den Rezipienten aufmerksamer lesen. Und trotz des Wissens um fabulierte Behauptungen ist man immer wieder ob der verwirrenden, aber aus der Illusion befreiten Sicht heraus völlig korrekten, Wendungen überrascht.

Und es wird eines deutlich: man muß kein Zauberer und Entfesslungskünstler wie Houdini sein, um Menschen in Illusionen zu hüllen und ihnen Wirklichkeiten vorzugaukeln, die keine sind. Selbst unbewußt machen wir das jeden Tag – bei uns selbst und mit unserer Umwelt.
Martin Strauss führt das dem Leser gekonnt vor Augen.

»Der Illusionist« ist ein wunderbarer Roman, den man nur empfehlen kann. Vielschichtig, leichtfüßig geschrieben und trotzdem mit einem Tiefgang versehen, den man der Erzählung zu Beginn so gar nicht zutrauen würde. Dieser Roman zeigt sein wahres Potential erst nach und nach, kann aber den Leser schon auf den ersten Seiten neugierig machen. Trotz seiner philosophischen Aspekte ist es nie schwere Kost und wer ganz und gar keine Muse hat, Strauss‘ Gedanken folgen zu wollen und seine eigenen Überlegungen zu machen, der findet hier trotz allem einen wunderbar geschriebenen biographischen Roman über einen der größten Illusionisten des vergangenen Jahrhunderts.

Ich danke Luchterhand für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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