»Teufelsgrinsen. Ein Anna Kronberg Krimi« von Annelie Wendeberg

Als eine Leiche über einen Nebenarm der Themse in die Wasserwerke Londons gespült wird, ist man dort in heller Aufregung, denn der ausgemergelte Körper zeigt deutliche Spu­ren einer Cholerainfektion. In einer Zeit, in der die Hauptstadt des Königreiches immer wieder von Choleraepidemien heimgesucht wurde und tausende Opfer zu beklagen waren, ist ein infizierter Körper in den Wasserwerken, die die Stadt versorgen, besonders brisant. Scotland Yard, der zu der Leiche gerufen wird, schickt sofort nach Londons bestem und er­fahrensten Epidemiologen, Dr. Anton Kronberg, der den Toten eingehend untersuchen und zu weiterem Vorgehen raten soll. Als beratender Detektiv steht dem ermittelnden In­spektor Gibson ein gewisser Sherlock Holmes zur Seite, der, so wie Dr. Kronberg, sofort eine erschreckende Hypothese zum Tod des Unbekannten hat. Als im Guy’s Hospital, der Arbeitsstätte Kronbergs, ein zweiter kranker Mann auftaucht, in des Doktors Armen an seiner Tetanusinfektion verstirbt und bei einer Untersuchung deutlich wird, auch dieser Mann wurde wahrscheinlich mutwillig mit dem Erreger infiziert, begeben sich Kronberg und Holmes auf eine gefährliche Untersuchung, um eine große Verschwörung aufzude­cken. Daß dabei die Wahrung von Kronbergs bestgehüteten Geheimnis in Holmes Händen liegt, muß der Doktor billigend in Kauf nehmen.

»Teufelsgrinsen« (Kiepenheuer & Witsch) erschien dieses Jahr als Debüt der Leipziger Umweltmikrobiologin Annelie Wendeberg – die ihn bezeichnenderweise auf Englisch verfaßte (OT: »The Devil Grin«) und der dann von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bür­ger ins Deutsche übertragen wurde. Derzeit mit Mann und Kindern im sächsischen Grim­ma lebend, verarbeitet sie ihre Erfahrungen als Biologin in Romanen um ihre Ermitt­lerin Anna Kronberg.

Anna Kronberg – von Anfang an ist klar, daß dieser Name nur eines von vielen Pseudony­men einer mutigen, gebildeten Frau ist, die in einer Zeit, in der, abgesehen von einem ver­schwindend kleinen Teil der Frauen, nur Männern höhere Bildung und damit Aufstieg in bedeutende Positionen erlaubt war. So nahm sie recht bald die Identität eines Mannes an, nannte sich Anton und studierte in Leipzig Medizin. Nach der Erlangung der Doktorwürde zog es Kronberg alsbald nach England, wo sie eine Anstellung im hiesigen Hospital fand und ihrer Beschäftigung in dem noch jungen Feld der Epidemiologie nachgehen konnte.

Tagsüber Anton verwandelt sie sich nach ihrer Arbeit durch Ablegen der Brustbinde und Anlegen einer fraulicheren Garderobe zurück in die Anna, die offiziell Krankenschwester ist, in einem der Elendsviertel Londons wohnt und mit einem kräftigen, aber liebenswürdi­gen Gauner eine stürmische Beziehung führt. Daß sie durch diese Maskerade und der stän­digen Angst, enttarnt zu werden psychisch an ihre Grenzen stößt, ist mehr als nur nach­vollziehbar und von Wendeberg mit Bravour dargestellt. Der Wechsel zwischen der männ­lichen, harten und unnahbaren Seite mit der weiblichen, sanftmütigen und mitfühlenden Seite Annas spiegelt sich in ihrer Unfähigkeit, sich selbst einzuordnen, wider. Alles, was sie sein will, ist Arzt, unabhängig vom Geschlecht. Und so weiß sie nicht, als was sie sich defi­nieren kann; ist sie ein sehr weiblich wirkender Mann oder eine burschikose Frau? Darun­ter lei­det nicht nur ihre Beziehung, auch auf Arbeit muß sie sich immer wieder Spott gefal­len las­sen.

Auch wenn das große Geheimnis, das Anna seit ihrem Studium birgt, von Holmes schnell entdeckt wird – der Leser ist schneller aufgeklärt, denn der Klappentext auf der Rückseite verrät immerhin dieses Detail schon einmal großzügig im Voraus. Das hätte nicht sein müssen und ist gerade auch in Anbetracht der gelungenen Einleitung der Autorin, die die­sem Roman einen autobiographischen und authentischen Touch gibt, in der sie aber auch ihre Protagonistin den mysteriösen Nimbus hüllt, der sie so faszinierend macht, bedauer­lich. Manche Dinge sollte eben nicht der Werbetext, sondern erst die Geschichte erzählen und der Leser selbst herausfinden.

Anna Kronberg bekommt einen intellektuell ihr ebenbürtigen Pendanten an die Seite ge­stellt und die­ser ist kein geringerer als Sherlock Holmes. Gerade erst den Schock mit Irene Adler ver­daut, die ihn in »Ein Skandal in Böhmen« an der Nase herumgeführt und ihm ge­zeigt hat­te, daß Frauen gar nicht dumm sind, trifft er nun auf die promovierte Ärztin, die es schafft, seit Jahren ihre Scharade erfolgreich durchzuziehen. Holmes merkt schnell, daß Anna sich von seinen Deduktivspielchen nicht beeindrucken läßt und es ihm auf gleicher Weise zu­rückgibt. Nur eben in weiblicher Manier auf gekonnt psychischer Ebene: sie ana­lysiert sein Gemüt und versucht ihn zu berühren.

Einige von Watsons Beschreibungen erlaubten einen flüchtigen Blick auf den Holmes, den ich kannte. Doch manchmal schien mir der Autor einen Fremden zu skizzieren. Ich dachte darüber nach, wie jeder Freund einen anderen Blickwinkel auf uns hat, jeder un­seren Charakter auf seine Weise sehen und beschreiben würde. (S. 126)

Diese Aussage ist bedeutsam und erklärt auch, wieso Sherlock Holmes so anders wirkt, als der Leser ihn wohl aus der Erzählung seines Freundes John Watson kennt. Er scheint hier manchmal ein wenig schusselig und oft verletzlich. Kronberg zeichnet das Psychogramm eines als nüchtern und zu tiefen Gefühlen unfähig bekannten Mannes. Das mag man ihr, gerade wenn man ein Freund des doyle’schen Detektives ist, nicht immer abkaufen und der Versuch, ihn als sensiblen Menschen und nicht als »high-functioning sociopath« (Sherlock, 3×2) dazustellen, ist ein lobenswerter Versuch, scheitert stellenweise aber an den Selbstbeschreibungen, die Holmes von sich gibt. Überraschend kommt auch das spon­tane Aufbrechen jeglicher sozialer Korrektheit, für die man die beiden Freunde kennt. In einer lauschigen Nacht, bei der Holmes Anna beim Nacktbaden zusehen darf, wechselt man plötzlich zum jovialen Du, Sherlock erkundet zusammen mit Anna Abgründe seines Seelenlebens und läßt sich von ihr zum handzahmen, immer an der Grenze zum weinerli­chen und von romantischen Gefühlen gefüllten Mann verwandeln.

Die Genderdebatte, die hier so geschickt in die viktorianische Zeit eingewoben wurde, be­zieht aus dieser Konstellation viel Nahrung. Anna Kronberg ist die perfekte Vertreterin ei­ner willensstarken Frau, die aber unterdrückt wird und sich in einer männerbesetzten Do­mäne nur halten kann, indem sie sich als Mann verkleidet und ihre weibliche Seite nicht nur optisch, sondern auch psychisch abbindet. Damit ist sie stellvertretend für all die auf irgendeine Art in ihrer freien Entfaltung gehinderten Frauen. Es wirkt aber rasch so, als würden die Personen für diesen Geschlechterkampf instrumentalisiert werden. Kronberg ist zu wenig differenziert und zu schnell in der Opferrolle gebracht, die ihr aber die Sympa­thien bringt. Und zu bald merkt man, in welche Richtung es gehen wird.

Auch kann man dem Roman nicht gerade Authentizität attestieren. Die Atmosphäre eines viktorianischen Londons kann Wendeberg zwar in der Beschreibung der Umgebung gene­rieren und hier zeigt sich auch ein Hang zum prägnanten, aber blumigen Schreiben, das dem Leser die Gegebenheiten sehr bildhaft vor Augen zu führen vermag. Dafür sind die Dialoge sehr flapsig und eher in moderne Zeiten passend als zu Dialogpartnern dieser Zeit.

»Scheiße! Ich meine… Entschuldigung… ich wollte sagen verflixt. Tut mir leid, manchmal bin ich so ein Hohlkopf.«
»Bitte, was?«
»Ein Hohlkopf«, sagte ich und tippte mir mit dem Zeigefinger gegen die Stirn, »ein hoh­les Gefäß.«
Er schlug sich auf die Knie und lachte, bevor er den Arm vor das Gesicht hielt, um die Laute zu dämpfen.
(S. 117)

Der Roman fängt wahnsinnig stark an. Schon das Vorwort fesselt den Leser und läßt erste Aus­blicke auf einen dynamischen und interessanten Kriminalfall zu. Doch je brisanter der Fall wird – der spannend bis zum Schluß bleibt und der auch ein Thema behandelt, dem man sich zu der Zeit wirklich annahm und dessen Tragweite erst sukzessive ersichtlich wurde – desto mehr büßen Figuren und Dialoge an sprachlicher Qualität ein und desto ab­struser wird besonders die Beziehung Kronberg-Holmes. Für Freunde des liebenswerten Chronis­ten John Watson sei noch gesagt, daß er, passenderweise gerade erst mit seiner Mary verheira­tet, eher zur Randfigur verkommt, die einen verbitterten Kommentar zur ro­mantischen Liaison der beiden abgeben und die verletzte Anna Kronberg untersuchen darf.

So bleibt »Teufelsgrinsen« ein spannender Roman mit einem brisanten und gut aufgear­beiteten Kriminalfall und zwei starken Protagonisten, die aber zusammen ein zu merkwür­diges, konstruiertes Gespann abgeben.

Irene Adler scheint eben doch, wie einst von Watson festgehalten, die Frau zu bleiben. Und so schnell wird sie sich aus ihrer Position nicht drängen lassen.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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