»Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?« von Dave Eggers

Thomas ist ein weißer Amerikaner. Nach außen hin Mittelmaß; er wuchs bei seiner al­leinerziehenden Mutter in einer Kleinstadt auf, besuchte eine Schule und ein College – und sieht sich nun in einer Sinnkrise. In den Dreißigern stehend betrachtet er sein Leben als ziellos und damit beendet. Um Antworten auf viele seiner Fragen zu finden, entführt er nacheinander verschiedene Leute auf einen verlassenen und langsam verfallenden Militär­stützpunkt, kettet sie an Pfeiler und fragt sie.
Fragt einen Astronauten, warum er sein Ziel, mit einem Shuttle zu fliegen, nicht erreichte; fragt einen Abgeordneten, warum der Staat seinen Bürgern die großen Aufgaben nimmt; fragt seinen ehemaligen Lehrer, warum er das Leben von Kindern nachhaltig zerstörte; fragt seine Mutter, warum sie ihn nicht auf das Leben vorbereitete. Und er erfährt, was wirklich mit seinem Freund Don passierte, der, als er geistig verwirrt mit einem Messer in seinem eigenen Garten stand, von zwölf Polizisten erschossen wurde.

Es ist ein Verhör geworden, das Thomas mit seinen Geiseln führt und dessen Protokoll der Leser hier in Buchform in die Hände bekommt.
Thomas sieht sich als Opfer in der Richterrolle, der versucht zu verstehen, worüber er rich­ten soll. Seine Meinungen sind vorgefaßt, er wähnt sich im Recht, weiß über alles Bescheid – und sucht die Schuld für sein Versagen bei den anderen. Für ihn ist es einfacher, die Schuld abzuwälzen und für die Erfüllung seiner Träume eine schicksalhafte Macht verant­wortlich zu machen. Und so führen die Antworten, die er schlußendlich bekommt, nur endgültig zum kompletten Geistesverlust.

Dave Eggers gelingt mit minimalistischen Mitteln die Analyse einer desillusionierten Gesellschaft, die nach Antworten für ihre verkorkste Existenz und nach den großen Zielen für ihren Daseinszweck sucht. Der Roman kommt mit einem kleinen Personenkreis aus, deren Zahl mit dem Protagonisten nur insgesamt neun beträgt. Und sie sind, bis auf Tho­mas‘ schicksalhafte Liebe Sara, miteinander – entweder über Thomas‘ Lebensgeschichte oder die seines getöteten vietnamesischen Freundes Don Banh – verbunden und in der Maschinerie aus Ziellosigkeit und Lügen gefangen.
Dabei entwirft er mit Thomas den totalen Antihelden, der den Wahnsinn einer orientie­rungslosen Generation in sich vereint, seinen Wahn aber nicht erkennt und in einer ratio­nalen Klarheit zu agieren glaubt. Wie auch sein Freund Don wähnt er sich in einem religi­ös-fanatischen Kampf für das Gute und er selbst als prinzipientreuer Prophet verkündet diese obskure Moral.

– [COP] Er [Don Banh] hat gesagt, er wäre die Lichtquelle, er wäre die Sonne. Er hat ge­sagt, er wäre die Sonne und könnte nicht getötet werden.
[…]
– Er hat auch gesagt, er hätte die Bibel geschrieben. Er hat irgendeinen Vers zitiert.
– [THOMAS] Was für einen Vers?
– Das weiß ich nicht mehr. Irgendwas über verschwundene Väter.
– Hat er gesagt, er würde euch töten?
– Ich glaube, er hat gesagt, er würde ewig leben. Dass er ein Prophet wäre. (S. 167f.)

Thomas weist das kriminelle Organisationstalent eines geübten Kidnappers auf und er hat die Kombinationsgabe eines gebildeten Mannes, aber sein Verhalten ist auf eine er­schreckende und zugleich liebenswerte Weise infantil und naiv. Er bedroht und beschimpft seine Geiseln wüst, entschuldigt sich aber auch beim Großteil seiner Opfer für die doch recht grobe Behandlung und verspricht, ihnen nichts zu tun, wenn sie nur ehrlich mit ihm reden. Thomas, der getriebene, am Tourette-Syndrom leidende Psychopath. Die Sympathie des Lesers ist deshalb genauso schwankend wie die der Befragten zu ihrem Geiselnehmer. Man will nicht, daß ihm etwas zustößt, denn man sieht sein Dilemma und wünscht ihm doch einen Ausweg aus dieser ausweglosen Situation, aber man spürt auch die ihm innewohnende zügellose Gewalttätigkeit und Rücksichtslosigkeit, die von seiner Naivität übertüncht werden.

Als Rächer an der Justiz, Politik und der Exekutive deckt er mit fast detektivischer Ak­kuratesse im Kreuzverhör mit seinen Geiseln Fehlverhalten und Lügen auf. Dabei wird auch Kritik am eigentlichen Dialogverhalten der Gesellschaft geübt. Ein Gespräch ist hier nur im Rahmen eine kriminellen, illegalen Entführungsaktion möglich, das Entfernen aus dem Dialog wird durch das Festbinden an einem Pfeiler unmöglich gemacht und den Ge­fangenen wird von Thomas auch immer wieder ihre eigene ausweglose Situation vor Augen geführt. Selbst seiner eigenen Mutter wird dieses Schicksal zuteil und auch ihr wird nicht die Möglichkeit gegeben, aus freier Entscheidung mit ihrem Sohn seine drängendsten Fra­gen aufzuarbeiten. Thomas projiziert seine eigene Be- und Gefangenheit auch auf seine Geiseln und zwingt ihnen damit seinen Willen und seine Ziele auf.

Vor der peinlichen Befragung steht hier stellvertretend eine ganze Gesellschaft: Macht­habern und Personen, denen eigentlich ein guter Nimbus anhaften und die über jeden Zweifel erhaben sein sollten, werden angeklagt und ihrer Vergehen überführt. Dabei wird es aber auch dem Leser überlassen, das Urteil zu fällen. Thomas und seine Geiseln liefern nur den Dialog und das daraus resultierende Protokoll eines Verhörs. Und es ist schnell klar, daß Thomas, so gern er sich als moralisch astreiner Prophet sehen will, nicht ohne Fehl und Tadel ist. Er lügt und beschönigt seine Taten – tut also genau das, was er seinen Geiseln vorwirft. Wenn er erst vor seiner Mutter vehement bestreitet, das Krankenhaus, das er für den Tod seines Freundes mitverantwortlich machte, angezündet zu haben und dann vor der Krankenschwester und dem Kongressabgeordneten freimütig zugibt, es doch gewesen zu sein, um damit seine vermeintlich moralisch korrekten Absichten zu signalisie­ren, instrumentalisiert er seine Tat auf perfide Weise. Das macht aus Thomas einen sehr unzuverlässigen, janusgesichtigen Erzähler, der nicht den Hauch einer Objektivität zeigt, sondern schlicht sich von seiner Emotionalität und rebellischen Aggressivität leiten läßt, um seinen Mitmenschen ihre eigene Inkompetenz vor Augen zu führen und damit von sei­ner Unfähigkeit, sein Leben zu führen, ablenken zu können.
Das zeigt sich deutlich bei dem Gespräch mit dem ehemaligen Lehrer Mr Hansen, dem Thomas besonders feindselig gegenüber steht. Er, der pädophile Neigungen zeigt und diese auch nicht leugnen kann, ist damit per se schon ein Angriffspunkt. Aber er führt Thomas auch seine eigene Unzulänglichkeit vor und zeigt, wie unzuverlässig er und seine Erinne­rungen sind. Und er stößt einen interessanten Gedankengang an, inwiefern der Mensch er­sätzlich und wertvoll für seine Mitmenschen sei.

Auch das Setting ist von Eggers gut durchdacht – nicht nur, daß es eine verlassene und abgesperrte Militärruine ist, in der so schnell niemand nach den Vermißten sucht, hier werden sie auch mit der eigenen Unvollkommenheit und Vergänglichkeit konfrontiert und Thomas‘ Wunsch nach dem großen Taten versinnbildlicht.
Die drehbuchhafte, um jeden romantischen Ton beraubte Schreibweise ist hier dem Lese­fluß sehr zuträglich. Ist das Buch schon nicht gerade von großem Umfang, wird es durch das schlichte Frage-Antwort-Spiel zu einem Leseabenteuer, das innerhalb von einem, ma­ximal zwei Tagen durchschritten werden kann, aber über dessen Inhalt man noch längere Zeit nachdenken wird. Es ist Buch mit Nachklang.
Die Dialoge sind realistisch, Thomas‘ Enttäuschung am eigenen Leben und das damit ver­bundene Abgleiten in den totalen Wahnsinn ist auf eine beklemmende, authentische Weise dargestellt.

– [SARA] Das ist kriminelles Verhalten.
– [THOMAS] Du weißt, dass das nicht stimmt. Bin ich ein Krimineller, weil ich deine Hand genommen habe?
– Du bist ein Krimineller, weil Du mich gekidnappt und hierhergebracht und an dieses Ding da gekettet hast.
– Das ist eine Rückstoßsicherung für Kanonen, glaube ich jedenfalls. In jedem dieser Ge­bäude ist eine. Die sind unglaublich solide. (S. 204)

Dave Eggers gelingt hier das Portrait einer Generation, die nicht nur gefährlich son­dern auch verloren ist. Die von naiver Kindlichkeit sowie Hilflosigkeit und zugleich größter Destruktivität geprägt ist. Eine Generation, getrieben von der Suche nach Antworten und ihrem Platz zum Beitrag für die Gesellschaft, die aber damit schlußendlich nicht umgehen kann.

Den bitteren Ausblick auf die mögliche Zukunft dieser Generation läßt Eggers seinen Protagonisten zum Schluß seinem einzigen, ihm wirklich gewogenen Freund, dem Kon­gressabgeordneten Mac Dickinson, geben:

– [THOMAS] Aber das hier wird weiter passieren. Das wissen Sie, oder? Wenn ihr nichts Großes habt, woran Männer wie wir mitwirken können, werden wir all die kleinen Dinge auseinandernehmen. Wohnviertel für Wohnviertel. Gebäude für Gebäude. Familie für Familie. Begreifen Sie das nicht? (S. 220)

Ich danke Kiepenheuer & Witsch für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

 Dave Eggers: Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? (OT: Your fathers, where are they? And the prophets, do they live forever?). Kiepenheuer & Witsch 2015. Übers. v. Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. 224 S. 978-3-462-04772-1.


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