»Die Diktatur der Moral. Wie ›das Gute‹ unsere Gesell­schaft blo­ckiert« von Günter Ogger

Seit jeher sind Menschen als auf ihren eigenen Vorteil bedachte Wesen bekannt, die mit Lügen, Betrügereien, Gewalt, Tricksereien kein Problem zu haben scheinen. So lange es nicht die anderen machen. Ein paar glorreiche Ausnahmen gibt es immer; Menschen, die als moralisch perfekte Galli­onsfiguren über all dem Übel stehen, doch ist deren Zahl über­schaubar. Doch seit einigen Jahrzehnten macht sich eine neue, fast kultische Bewegung breit, die die Ge­sellschaft durchdringt und sie neue Wege einschlagen läßt: der Siegeszug der Moral. Moral – das ist wie der Sammelbegriff für alle Konventionen, Regeln, Werte und Normen eines Kollektivs, einer Gesellschaft oder Gruppe, die in ihrer Ausübung als gut bewertet werden. Menschen, die nach diesem Maximenkatalog leben, werden gelobt und als beson­ders edel empfunden. Dabei ist der Moralbegriff durchaus flexibel und kann innerhalb kür­zester Zeit und punktuell in der Gesellschaft verschoben, erweitert oder minimiert werden. Was gestern noch als moralisch galt, kann heute wildeste Empörungsstürme hervorrufen. Wie es sein kann, daß so etwas eigentlich positives in eine gesellschaftliche Blockade trans­formiert wird, erläutert der Journalist Günter Ogger in seinem kürzlich im dtv erschie­nenen, zum Teil hochaktuelle Sachbuch »Die Diktatur der Moral. Wie das Gute unsere Gesellschaft blockiert«. Geboren 1941 absolvierte er erst eine Buchhändlerlehre, um da­nach den Weg eines Jour­nalisten zu gehen. Nach einer Karriere als Redakteur verschiede­ner Zeitschriften widmete er sich als Schriftsteller vorwiegend wirtschaftlichen Themen. Es erschienen unter ande­rem »Nieten in Nadelstreifen. Deutschlands Manager im Zwielicht« (Knaur) und »Die Ego-AG. Überleben in der Betrügerwirtschaft«(Goldmann). Ähnlich polemisch und reißerisch auch der Titel seines jüngsten Werkes: Eine Diktatur in unserer immer wieder bejubelten Demokratie, die geduldet und gefördert wird. In zwölf Kapiteln wirft Ogger einen umfassenden Blick auf unsere Gesellschaft, deren liebstes, neuestes Kleidungsstück die Moral ist. Moralisches Gebaren, wohin man sieht: die einen wollen gesund leben, lehnen Fleisch aus tierrechtlichen Gründen ab, wollen dem Massen- und Wegwerfkonsum entfliehen; die nächsten müssen ihr Geschäftsmodell an grünen Leit­linien ausrichten, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, man würde nicht nachhaltig und verantwortungsbewußt wirtschaften; Banker und Manager drücken sich, nachdem sie das Geld der Steuerzahler an den Börsencasinos verzockten, geschickt um ihre Verantwor­tung und die Kirche wird ihrer zugesprochenen Moralität auch immer seltener gerecht. Wo früher des Fortschritts und der funktionierenden Wirtschaft willen immer Ungleich­heit herrschte, hier und da ein Schein über die Tresen wanderte oder auch Menschen »mit Vorgeschichte« in hohe Ämter kommen konnten, sofern sie die fachliche Qualifikation, zählen heute moralisch weiße Westen, Gleichheit und Uniformität und Unfehlbarkeit. Of­fener Egoismus oder Bestrebungen, besser als sein Nachbar sein zu wollen, werden schnell von der Gesellschaft geächtet und mit einem Bann belegt. Ogger will hinter tiefer in das Geschäft mit der Moral schauen und Doppelmoral aufde­cken, wenn der davon spricht, wie der menschenrechtelnde Bürger, der gegen unfaire Ar­beitsbedingungen in Bangladesh, aber seine günstige Kleidung immer gern bei H&M oder C&A einkaufen geht. Oder auch wenn man im Business mit der Öko-Grünen-Welle sieht, woher die NGOs eigentlich so alle ihre Gelder beziehen und daß so mancher Spender so gar nicht mit der Kollektividee konform gehen dürfte. Aber Moral ist bei ihm nicht nur Deckmäntelchen für krumme Geschäfte, sondern auch Hemmnis für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt, für die Eröffnung neuer Horizonte. Weil immer ein Wächter bereitsteht, der moralische Verfehlungen und Über­tritte ahndet, sinkt die Bereitschaft, neue Wege zu erkunden, wenn man damit Gefahr läuft, einer Randgruppe auf den Schlips zu treten, die Natur nicht zu schützen, Menschen auszubeuten oder seinen nicht ganz astreinen Lebenlauf durchleuchten lassen zu müssen. Und diese hemmende Besorgnis wiederum schadet allen. Daß bedingungslose Gleichheit, soweit sie überhaupt möglich ist, nicht gut tut und auch keine Gerechtigkeit schaffen kann, kann Ogger nur bestätigen. Und daß bedingungslose Moralität ebenso wenig erfolgbringend sein kann, weiß er an zahlreichen Fällen wie dem von Uli Hoeneß oder des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz van Elst zu illus­trieren. Ogger liegt weniger eine lösungsorientierte Aufarbeitung der Probleme am Herzen, denn mehr eine kommentierende und vergleichende Bestandsaufnahme. Dieser widmet er sich umfangreich und auch mit einer bestechenden Klarheit. Daß hier ein Journalist schreibt, merkt man dem sprachlichen Duktus rasch an – wirkt es stellenweise wie ein großes Feuilleton gefüllt mit netter Plauderei. Hin und wieder spürt der Leser aufkeimen­den Sar­kasmus oder wird mit flapsigen Ausdrücken erheitert. Das alles macht es einfach verständ­lich und somit auch interessant für ein breites Lesepublikum, von dem einfach nur voraus­gesetzt wird, daß es seine Umwelt wenigstens ein bißchen mit offenen Augen betrachtet. Anders bei der wissenschaftlich aufgearbeiteten Sachbüchern dieser Art (z. B. Thilo Sar­razins »Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit«, auf das sich Ogger kurz beruft, aber schnell durchblicken läßt, daß er vom Autor nicht allzu viel hält) findet man hier zwar ein Literaturverzeichnis der erwähnten Werke, aber keiner­lei Verwei­se oder Fußnoten. Er kritisiert vieles, auch an seinem eigenen Gewerbe läßt er sich ausgiebig aus und schlüs­selt auf, was viele Leser der deutschen Zeitungen und Zeitschriften schon lange wußten – oder wenigstens dunkel ahnten. Uniformität und konformes politisches Denken beherrscht die Themenwahl und -dichte, Oberflächlichkeit und Zeitdruck läßt sorgfältige Recherche zu einem kümmerlichen Etwas verkommen und die Haupteinnahmequelle sind wirtschaft­liche Sponsoren, die ihre Interessen gekonnt in bezahlten Artikeln platzieren lassen. Enga­gierte und neutrale Journalisten haben’s schwer in den deutschen Massenblättchen. Günter Ogger ist sicherlich einer der von ihm so gewünschten unabhängigen Journalisten, die bereit sind, sich gegen konforme Meinungen zu stellen und auch zu hinterfragen, aber er bleibt moderat und trotz allem auf Linie. Gern zieht er das aus seiner Sicht ultima­tive Böse des Dritten Reiches und sein Erbe heran und ihm gelingt nicht immer eine klare Positionierung. Sei es, weil er es sich mit niemandem verscherzen will, sei es, weil er eine Festlegung seiner Person auf eine Weltsicht vermeiden will. Aber ein deutlicherer Stand­punkt wäre an der einen oder anderen Stelle doch genauso angebracht, wie weniger simple Bestandsaufnahme und mehr Lösungsansätze. Und so hinterläßt er mehr Fragen als Antworten. Daß er schlußendlich nicht über wirkli­che Moral, sondern über instrumentalisierte Moralität redet, die als Schutz über dubiose Geschäfte gelegt werden soll, ist schon im Titel ersichtlich, denn nicht umsonst ist das Gute in Anführungszeichen gesetzt. Ogger brilliert vor allem mit einer recherchierten Zu­sammenstellung von Fällen aus der Wirtschaft, Politik, Juristik und Religion, die er zu­meist zielbringend am Buchtitel ausrichtet, in dem an diesen aufzeigt, wie hier aufgezwun­gene Moral hinderlich oder kontraproduktiv wirkt. Über diesen Punkt kommt er aber sel­ten hinaus und man klappt das Buch zwar mit dem Wissen um ein paar Details in schon bekannten Fällen reicher zu, aber wirklich Spuren hinterlassen hat es nicht. Es ist zu mo­derat, zu ergeben und auch zu linientreu, obwohl es gern mal zwischen den Standpunkten hin- und herschlingert. Und so schließt Ogger seine Betrachtung der moralischen Tyrannei mit folgenden Worten:

»Die Diktatur der Moral wird das 21. Jahrhundert prägen. Sie wird die Art, wie wir den­ken, handeln, Geld verdienen, radikal verändern. Ob zum Guten oder zum weniger Gu­ten, das wird sich zeigen. Man muss das nicht bedauern, sondern, wie schon in der jünge­ren Geschichte, versuchen, das Beste daraus zu machen.« (S. 389)

Ich danke dem dtv für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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