Wieviel Blut ist literarisch wertvoll?

Beim Steak hat man die Wahl: mag man’s lieber blutig und roh, leicht durch und mit dieser blutigen Ahnung oder doch eher vollkommen in seiner Zartheit gebraten und mit einer würzigen Note verfeinert, die die Brutalität, die dem Fleischstück in seinem Weg auf den Teller des Genießers innewohnt, vergessen läßt?

Ähnlich ist es auch bei der Wahl eines Thrillers oder Kriminalromans. Brutalität und Blutvergießen ist meist essentieller Bestandteiler dieser Genre, doch wieviel dieser Elemente wirklich noch literarisch vertretbar ist, dazu hat Miriam Semrau (Krimimimi) auf dem Onlineauftritt des Börsenblattes des Deutschen Buchhandels klar Stellung bezogen: für sie überbieten sich Autoren von Kriminalromanen und Thrillern immer mehr in einem Wettbewerb der Grausamkeiten und sie fordert, die Flut an Gewalt und Blutströmen, die aus den Seiten zu fließen scheint, möge aufhören. Daß man wieder mehr zu raffiniertem Thrill zurückfindet, denn zu »plumpen Gemetzel«. Daß aus dem literarischen Ekel ein die Sinne in vielfältigster Weise anregender Lesegenuß wird.
Eine Vielzahl der Kommentatoren, darunter auch Autoren, stimmen ihr zu und sind begeistert, daß Semrau die Verrohung in der Literatur anspricht. Auch wenn einige versuchen, zu differenzieren, sind sie doch d’accord mit Semrau.

Doch ist es um die blutige Landschaft der Kriminalliteratur wirklich so schlimm bestellt, wie man hier vermuten könnte? Daß einem beim Großteil der Literatur der Ekel nur so aus allen Poren gequollen kommt und man sich am liebsten einen Eimer neben die einst gemütliche Leseecke stellen will?

Ich denke, man kann der gesamten Literaturwelt schon konstatieren, daß sie die Grenzen des guten Geschmacks stellenweise gehörig hinabsetzte. Ich erinnere mich an ein Buch, das mein erstes Schock-Erlebnis mit dieser dunklen Ecke der Literatur war. Der Name war bezeichnend und ich kam mir beim Lesen wie die beschworene Unschuld vor: »Ich hab die Unschuld kotzen sehen« von Dirk Bernemann. Da fragte ich mich schon nach den ersten Seiten verzweifelt »Muß das sein?«. Nach diesem literarischen Erlebnis kam »American Psycho« von Bret Easton Ellis in mein Regal. Ein Aufregerroman; schon allein die Verfilmung mit Christian Bale war nicht immer appetitlich anzusehen – der Roman setzte dem Ganzen noch die Krone auf. Kontrovers wurde das Werk besprochen und es galt: entweder man liebt oder man haßt es. Und hier zeigte sich auch das literarische Potential, das auch einer moralisch so verpönten Kraft wie der Gewalt und Brutalität innewohnt.

Aber ist Gewalt in der Literatur immer nur dann halbwegs geduldet, wenn sie eine »poetische Qualität« aufzuweisen hat? Semrau befürchtet hier – ähnlich der nicht enden wollenden Debatte um Gewalt in Musik, Computerspielen und anderer Medien – einen negativen Einfluß auf den Leser, gerade wohl auf die, die sich zu sehr in die Figuren hineinversetzen und gern auch mal die Innensicht des Mörders/Bösewichts/Wahnsinnigen einnehmen. Ob dieser Effekt tatsächlich gegeben ist und zu gewalttätige Literatur auf den Leser auch eine abstumpfende Wirkung hat, weiß ich nicht. Ich, als Ab-und-zu-auch-mal-einen-Thriller-Leser habe diesen Effekt noch nicht bemerkt. Mitmenschen, die mich näher kennen, mögen mich korrigieren.

Die Frage ist auch, inwieweit diese Tendenzen nur die Kriminalliteratur, Thriller oder Roman Noir betreffen, die Semrau ins Feld zieht. Kommt ein Krimi ja schon mit anderen Elementen aus als beispielweise ein Thriller. Und was ist mit der Literatur anderer Genres?

Effekthascherei wurde alle Zeiten mit der Literatur betrieben und es wurde immer wieder gern von Sprachpuristen und, ich möchte sie – man möge mir nicht den Kopf abreißen, will ich doch sagen, daß ich selbst tendenziös eher zu ihnen zugehörig bin – Konservative nennen, gegen die Überschreitung von Grenzen gewettert. Was mußten die Vertreter des Naturalismus oder des Expressionismus über sich ergehen lassen, wie sie es nur wagen könnten, Schmutz und Unwertiges zum Mittelpunkt einer Erzählung oder eines Bildnisses zu machen. Und was wurde auch die grausigen Geschichten einer schwarzen Romantik oder die schlüpfrigen Geschichtchen der ominösen gelben Heftchen geschmäht?

Ein ungehaltener Buchkäufer hatte (bisher) das letzte Wort der Kommentare. Er schrieb:

»Als Leser (und Käufer) von Krimis möch[t]e ich mich weder von Frau Semrau noch vom Buchhändler belehren lassen, wie blutig oder unblutig es sein darf und was in dieser Hinsicht korrekt ist oder nicht. Das entscheide ich immer noch selbst!«

Und, auf welcher Seite steht ihr, egal ob als Leser und Käufer, oder vielleicht selbst Autor solcher Geschichten? Könnt ihr die Haltung der Verlage verstehen, die solche Literatur aus meist rein ökonomischen Gründen verlegen oder denkt ihr, da müßten sie als Vermittler viel stärker auch einer moralischen Verpflichtung nachkommen?

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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3 Kommentare zu “Wieviel Blut ist literarisch wertvoll?

  1. Ich würde gern viel mehr lesen, habe aber im Moment überhaupt keine Zeit.
    Wenn ich doch mal ein Buch zur Hand nehme, ist es aber weder ein Kriminalroman noch irgendwelche Thriller 🙂

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