»Planet Magnon« von Leif Randt

Wäre eine Welt, in der die Gefühle der Menschen keine Bedeutung mehr haben und noch reines Denken zählt, ein Paradies oder ein Alptraum? Und wäre es überhaupt mög­lich, einem Menschen seine Emotionalität abzugewöhnen?

Marten Eliot ist Spitzenfellow des Kollektivs Dolphin und als solcher seit seinem Eintritt in die Gemeinschaft als Junior daran gewöhnt, seinen Emotionen keinen Raum zu geben. Für ihn gibt es nur die Praxis der Postpragmatik. Zusammen mit dem weiblichen Spitzen­fellow Emma Glendale reist er vom Heimatplaneten Blossom aus zu den anderen Plane­ten des Sys­tems, um neue Mitglieder für das Kollektiv zu gewinnen, als plötzlich an den Stützpunkten verschiedener Kollektive Anschläge einer noch unbekannten Gruppierung, die sich selbst Kollektiv der gebrochenen Herzen nennt, gemeldet werden. Eliot und Glen­dale brechen nun zum kalten Müllplaneten Toadstool auf, um die Basis des Kollektivs und damit ihre geheimnisvolle Anführerin, das Mädchen mit der Tigermaske, zu finden.

Nimmt man das Buch zur Hand, entdeckt man zuerst eine große, bronzene Scheibe, die auf den, für den eher bunte Coverbilder gewöhnten Leser doch recht minimalistisch wirken­den Einband geprägt wurde. Ein Spiegel, möchte man meinen, wenn man hineinblickt. Aber es könnte auch der viel versprochene paradiesische Planet Magnon sein, von dem man im Dolfin-Kollektiv träumt.

Schon nach den ersten Seiten von Leif Randts neuem Roman »Planet Magnon« (2015 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen) ist man als Leser verwirrt. Ist es Science Fiction, ein Technik-Roman mit fantastischen Momenten, der in einer fernen Galaxie spielt? Aber rasch bemerkt man Parallelen zu unserem Gesellschaftsmodell und je mehr man hinter das Konzept aus Kollektiven und Weltanschauungen schaut, desto mehr erkennt man, daß das so fremd wirkende Sonnensystem mit seinen Planeten Blossom, Cromit, Toadstool, Sega, Snoop und Blink nur eine Spiegelung der Gesellschaft ist – so, wie auch der Spiegel auf dem Cover nur ein etwas verzerrtes und verfärbtes Bild desjenigen wider gibt, der in ihn hineinblickt. Die Planeten sind wie soziologische Biotope mit unterschiedlichster Fauna, Flora und Witterung, in denen sich verschiedentlich angepaßte Interessengruppen sam­meln können. Und so erkennt man in den Kollektiven hedonistische Vegnüngssüchtler, na­turverbundene Umweltrechtler, elitäre Künstlernaturen und libertäre Freigänger. Alle eint aber trotz der nach außen getragenen Unterschiede eines: die ihnen vom Autoren beschei­nigte Verlogenheit. Ein jedes Kollektiv meint, mit seinen Praktiken und Theorien das Übel der Welt beseitigen zu können und die ultimative Lösung zu bieten – und kann es schluß­endlich doch nicht.

Über all dem steht ein Computersystem, genannt ActualSanity, welches die Geschicke der Planetengemein­schaft steuert. Eine Gemeinschaft, die so heterogen scheint, aber doch homogener ist, als sie zugeben will, wird über dieses System mittels Aus­wertung von statis­tischen Daten versorgt, wobei so bei Verteilung der Ressourcen größtmögliche Gerechtig­keit garantiert werden soll. Daß dadurch aber auch terroristisch agierende Gruppen unter­stützt werden, wird zur Debatte gestellt und über Kritik an der tatsächlichen Fairness am System von Big Data, dem wir schon lange unterliegen, gesprochen. Der Computer als rei­ne Information verarbeitende Entität, die aber keine Gefühle verstehen und ausdrücken kann und der Mensch, der dieses System adaptiert. Das wirft die Frage auf, wer wen domi­niert und beherrscht und inwieweit eine rein rechnerische Bewertung der Daten tatsächli­che Gerechtigkeit gewährleisten kann.

Zwischen den Personen wird wenig, aber dafür bedeutsam gesprochen. Die Dia­loge, sofern sie stattfin­den, sind geprägt von starrer Hölzernheit, von nüchterner Distanz und verdreh­ten Wahr­heiten. Ungewohnt für einen Leser leichtgängiger, verständlicher Li­teratur. Randt schafft es, das zu sagen, was ungesagt bleibt und bleiben soll.

»Eine Option wäre, einfach zu gehen. Wortlos. Alternativ könnte ich lügen. […] Und die dritte und letzte Möglichkeit wäre die Offenlegung meiner Sentimentalität, ein Einge­ständnis. […] Kristen würde dies alles nur ausnutzen, um mich weiter vorzuführen. Sie fühlt sich sicher, da sie wieder jemanden gefunden hat, auf ihren banalen Touren durch Blossoms Nächte. Ich entscheide mich für die schlechteste aller Optionen, für einen Kom­promiss.« (S. 196f.)

Eliot untersucht nicht nur den Inhalt, sondern im Besonderen auch die Art, auf welche Weise gesprochen wird. Das wirkt abstrakt und surreal und bedarf einer sehr ausgebauten Vorstellungskraft des Lesers. Die Nüchternheit von Eliots Bericht (wird es doch im Präsens erzählt) wird durch sein ana­lysierendes Wesen noch verstärkt, das seinen Widerhall in zu­meist hypotaktischen, poin­tierten Sätzen findet. Es werden keine ausschweifenden, schö­nen Reden um die Ereignisse geschwungen, denn Emotionalität ist unerwünscht und wird als unwichtig deklariert. Pragmatik und Prägnanz dagegen gefordert, punktgenaue Selbst­kontrolle trainiert.

»Ich versuche es auf eine Art zu erzählen, wie ich es selbst gern erzählt bekäme. Ich spre­che ruhig und fange nicht mit den entscheidenden Dingen an, sondern mit denen, die mich berührt haben.« (S. 184)

Die Personen bleiben durch die distanzierte, pragmatische Betrachtungsweise gesichts­los. So wie Eliot selbst ist der Leser nicht in der Lage, eine Bindung zu ihnen aufzunehmen und über eine bloße deskriptive Oberflächenbeschreibung hinauszugehen. Er wird zum reinen Beobachter, der Eindrücke verarbeitet und seine Schlüsse daraus ziehen muß. Eliot han­delt zwar, er trifft Entscheidungen, doch inwieweit er »von nun an [sein] eigenes Spiel« (S. 261) spielt, ist fraglich. Man hat es hier weder mit Helden noch mit Anti-Helden zu tun – oder noch profaner: mit Guten und Bösen – sondern mit Beobachtern und Ler­nenden, die eine kollektivistische Norm erfüllen und dabei doch ihren Weg suchen.

Beziehungen sind nur Mittel zum Zweck, sie sollen Erfahrung bringen und nicht von Dauer sein, um emotionale Bindungen zu vermeiden. Dieses Prinzip macht auch bei der Familie nicht halt und wer diese emotionale Distanz erreichen will, bedient sich der biosozialen Revanche; einer Praktik, bei der mit den eigenen Ursprüngen abgerechnet wird und sich durch einen Kontaktabbruch eine Loslösung erhofft wird, wodurch schlußendlich eine Zer­störung der Familie erreicht und das Kollektiv zur Identität wird.

»Emma dagegen schläft tief. Sie gibt sogar Atemgeräusche von sich, die darauf verwei­sen, dass sie sich gerade mit Traumbildern konfrontiert. Sie hat keine Kontrolle über die Geräusche, die sie macht, sie weiß nicht, dass sie schläft.« (S. 98)

Mit einfachen Bildern werden Aussagen getroffen, die oft in ihrer Doppeldeutigkeit beste­chend klar sind und doch kryptisch wirken und so minimalistisch die Beschreibungen auch im ersten Moment erscheinen mögen, sie sind komplex und an einigen Stellen mit einem fast wissenschaftlichen und klinischen Duktus überzogen.

Es ist kein futuristischer Roman und doch wirkt vieles verfremdet. Randt nimmt den Leser mit auf eine Reise durch eine bizarre, seltsam anmutende Welt, in der Dinosaurier als ge­zähmte Reittiere auf eine hochtechnisierte in urbanen Gigantenstädten lebenden Gesell­schaft treffen. Merkwürdig erscheinende Tandrinusbäume wachsen auf den Wiesen und ge­gen eine blasse Haut helfen Teinttabletten. Daß hier keine kreative Zukunftsmusik er­klingt, sondern einfach eine Umschreibung uns bekannter Dinge vorliegt, wird spätestens bei den kleinen humorvollen Einlagen deutlich, in denen Randt mit dieser Technik spielt. So ist die Televisionshose – ein »Kleidungsstück, das von seinen Trägern als besonders komfortabel empfunden wird« (S. 299) – nur ein ironischerweise treffenderer Begriff für die Jogginghose. Und nach Toadstool wird Preßfleisch, sich drehend in einer Metallröhre, geliefert, das von den Wachen des Mädchens mit der Tigermaske geschnitten und in einen mit Salat angerichteten zusammengeklappten Teigfladen gelegt wird. Auch bei uns als Dö­ner bekannt. Warum aber gerade die Rebellen das bekannte türkische Gericht derart gern verspeisen, bleibt ungeklärt.

Doch diese Frage erscheint nichtig im Gegensatz zu der Frage, was nun der viel beschwore­ne Planet Magnon ist. Im gesamten Planetenverbund gibt es keinen Himmelskörper dieses Namens. Im Grunde ist er nur die fast religiös gefärbte Vorstellung der Dolphins, die eine bewußtseinsverändernde bronzeglänzende Substanz einnehmen – sie nennen es experi­mentieren – die sie Magnon nennen. Dabei werden verschiedene Wirkungsweisen wie er­höhte Sachlichkeit, euphorische Höhenflüge und Veränderungen im Beobachtungsverhal­ten bemerkt. Aufgrund dessen schätzt man bei den Dolphins diese Droge als zukunftwei­send ein und hofft, damit auch Mitglieder anderer Kollektive von den Idealen überzeugen zu können. Der Planet Magnon ist geboren, ein gedankliches Konstrukt, das so diffus und abstrakt wirkt wie die Flüssigkeit selbst:

»Ein Almanacheintrag sprach vom Planeten Magnon als offener Raum, der stetig wach­sen kann, aber niemals wachsen muss. Es müsse nicht zwangsläufig ein ganzer Himmels­körper sein, meinte der Autor, aber mehr als ein Campus. Er sprach von einem Raum, der früher oder später niemandem mehr gehören sollte. Ein Ort des Rückzugs und der Einsicht und der Auflösung, für jeden.« (S. 269)

An diesem Roman kann man sich wirklich die Zähne ausbeißen. Ein mehrmaliges Lesen ist da durchaus angebracht, und seien es auch nur bestimmte Kapitel oder Abschnitte, denn vieles wirkt auf den ersten Blick zu bizarr und abstrakt, die Dialoge sind kryptisch und ein zwischen-den-Zeilen-lesen unumgänglich. Aber es lohnt sich.

Lesern, die sich von der schillernden Aufmachung angezogen fühlen, und hoffen, hier ein intergalaktisches Abenteuer zu finden, kann man nur sagen, daß sie es in hier gar nicht erst zu suchen brauchen. Für Freunde der ausgefeilteren Literatur aber ist »Planet Ma­gnon« eine Fundgrube an stilistischen Perlen und einer ausgefallen, dramaturgisch gut ge­machten Erzählung, die mehr zu bieten hat, als man auf den ersten Blick erwartet.

Ich danke Kiepenheuer & Witsch für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexem­plares.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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2 Kommentare zu “»Planet Magnon« von Leif Randt

  1. Wow, tolle Rezension!
    Ich bin schwer am Überlegen, ob ich es nicht wagen soll. Mit Science Fiction habe ich derzeit noch nicht viel am Hut, aber vielleicht könnte mich genau diese Form eines Science Fiction Romans auf den Geschmack bringen. Zumindest Titel und Autor kann man sich mal notieren.

    Viele Grüße 🙂

    • Hallöchen und danke für Dein Lob. An der Buchbesprechung saß ich zugegebenermaßen auch recht lang ^^. Es ist aber nicht wirklich ins Genre der Science Fiction zuzuordnen, es nutzt nur die Kulisse einer utopischen Zukunft, um die Gegenwart zu illustrieren. Aber wenn Du es liest, berichte mir ruhig von Deinen Eindrücken.

      Einen lieben Gruß an Dich!

      Shaakai

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