»Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen« von Thilo Sarrazin

Nur wenige Menschen haben in letzter Zeit für soviel Wirbel in einer politischen Debatte gesorgt wie Thilo Sarrazin. Einst Vorstand der Deutschen Bahn AG, Finanzsenator im Berliner Rat und Politiker der SPD, machte er mehr mit seinem Aufreger-Buch, das den provokanten und polemischen Titel »Deutschland schafft sich ab« trägt und 2010 bei DVA erschien, von sich reden und stieß eine Diskussion um die Zukunft Deutschlands an, die auch vor bildungs- und einwanderungspolitischen Fragen nicht haltmachte und die Gemüter erhitzte.

Ich habe seine Werke nun entgegen der Chronologie gelesen und fing bei seinem neuesten Werk »Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland« (DVA) an, um jetzt endlich auch das Buch zu lesen, das in Deutschland hitzig besprochen wurde und Sarrazins Nachfolgewerk über das moralische Klima in Deutschland nach sich zog.
Solch‘ ein brisantes Buch zu rezensieren, birgt auch immer Klippen, die man versucht, zu umschiffen. Man kann sich schneller in die Nesseln setzen, wie wenn man einen bewährten Klassiker zerreißt. Aber es macht auch Freude, sich an der Diskussion um ein umstrittenes Buch zu beteiligen, denn über solche Debatten kann man sein Weltbild erweitern, sich Gedanken zu Fragestellungen machen und Möglichkeiten zu Problemlösungen erörtern und weiterentwickeln.

Sarrazins These ist schnell zusammengefaßt: Wenn man an der bisherigen Wirtschafts-, Bildungs- und Einwanderungspolitik festhält und sie forciert, wird es Deutschland und die Deutschen in einigen Jahrzehnten nicht mehr geben. Sein Schreckensszenario: eine arbeitsunwillige, von staatlichen Alimenten lebende und ungebildete, mehrheitliche muslimisch-arabische Bevölkerung in einem Land, das einst von Deutschen besiedelt war. Ein Land, in dem die Deutschen selbst in einer signifikanten Minderheit sein werden.

Um diese These aufstellen zu können, holt er zu weiten Erklärungen aus. Nach einem historischen Abriß verschiedener, kulturell hochentwickelter Gesellschaften geht er über zu den Zeichen des Verfalls, einer Bestandsaufnahme der Gesellschaft in Punkto Bildung, demographischer und kultureller Zusammensetzung und Sozioökonomie, um darauf aufbauend die Armutsfrage, das Wesen der Arbeit und das Verhältnis der Menschen dazu und die Bildung vor dem Hintergrund der immer wieder zitierten Gerechtigkeit zu erörtern. Die ihm in der anschließenden Debatte oft zu einem Galgenstrick gedrehten Kapitel zur Einwanderungs- und Integrationspolitik folgen und zum Schluß wagt er sich an eine euphemistische und eine pessimistische Zukunftsprognose.

Eines ist mir bei der Lektüre aufgefallen: die Erstauflage erschien vor fünf Jahren – also 2010 – und vor dem Hintergrund der Entwicklungen ist es interessant, jetzt seine damaligen Vorhersagen, Deutungen und Erfassung der Situation zu lesen und zu bewerten.
Seine Stärke liegt eindeutig in der Statistik und im Auswerten statistischer Daten, das er mit Vorliebe macht. Es vergeht kein Kapitel, in dem Sarrazin nicht eine Tabelle, eine Auflistung, ein Diagramm oder ein Ranking zur Untermauerung seiner Argumente heranzieht. So sagt er scherzhaft, »[w]enn der Leser findet, da und dort gebe es eine Tabelle zuviel, so kann er sich sicher sein, dass sie [Ditta Ahmadi, Lektorin bei DVA] bereits darauf hinwies.« (S. 409). Und es sind ihrer viele, im Text und im Anhang. Sie können abschreckend auf einen Leser wirken, für den diese Zahlenjongliererei reinstes Hexenwerk ist. Geht man davon aus, daß die Statistiken, die Sarrazin heranzieht, ein zwar abstraktes, aber wahrheitsgetreues Bild abliefern, so ist der Argumentationsweg ein durchaus wissenschaftlich fundierter, doch es gibt keine Statistik, bei der man nicht von schon von Weitem Churchills geflügeltes Wort heranflattern sieht. Das muß auch Sarrazin das ein und andere Mal zugeben, wenn er einer zu geschönten Statistik versucht, ihr realistischeres Antlitz zu entlocken. Inwiefern seine bereinigten Statistiken dann allerdings der Wahrheit entsprechen, kann nur der Leser selbst überprüfen, sofern er Zugang zu den Daten hat.

Sarrazins Argumentationen sind zumeist sehr nachvollziehbar, er baut sie auf verschiedene Standbeine auf, von denen statistische Auswertung zwar einen großen, aber eben nur einen Platz einnehmen. Neben dem geschichtlichen Fundament fußt seine Argumentation auch auf psychologischen und politischen Ausarbeitungen. Das jedoch hat allerdings zur Folge, daß er sehr ausschweifend wird und erst Daten und Fakten rund um das Problem be- und ausleuchtet, ehe er zum eigentlichen Kern seines Buches – der Bildung, Arbeit, Demographie und Immigration – kommen kann. Das per se als etwas Negatives bewerten zu wollen, wäre aber verfehlt, denn gerade durch diesen faktischen Rahmen wirkt seine Argumentation abgerundeter und plausibler und wer gewillt ist, sich mit dem Buch auseinanderzusetzen und nicht wegen des – in den Augen vieler moderner Leser – zu langen Vorwortes schon im Vorwege abbricht, der wird hier auf Zahlen und Denkanstöße treffen, mit denen er sich auch über Sarrazins Buch hinaus noch ausgiebig befassen kann. Denn auch da wird das Buch seiner Genreeinordnung als Sachbuch gerecht: es wird doch tiefer gegraben und Werte und Aussagen nicht ohne Quellenangabe stehengelassen, sodaß man einen umfangreichen Fußnotenapparat am Ende des über vierhundert Seiten starken Buches vorfindet, in dem auf zahlreiche Artikel, Ausarbeitungen, Studien und Statistiken verwiesen wird. Zu Gute halten muß man Sarrazin auch, daß er, trotz seiner schon im Titel preisgegebenen Prämisse, um Objektivität bemüht ist. Sein Buch soll seine These untermauern und bestärken, aber auch die Gegenseite wird, wenn auch nicht so umfangreich, betrachtet. Man merkt Sarrazins Wunsch nach einer versöhnlichen Debatte an, keine seiner Aussagen ist wirklich auf aggressive Konfrontation getrimmt, sondern zumeist sehr moderat gehalten. Der wirkliche Zündstoff steckt in den Thesen, die doch stark am starren Egalitätssinn so einiger gerüttelt haben mag, ohne daß die ihnen innewohnende Aussage so gravierend gewesen sei; hat Sarrazin doch recht, wenn er von Diversität als Chance und im gesellschaftlichen Wettbewerb eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung sieht, die durch eine Egalisierung im Keim erstickt wird, egal wie gut man es meinte. Anhand verschiedener Studien, wie Pisa, weist er nach, daß Deutschland als Bildungsland schon lang abgelöst wurde und die Talfahrt weiterläuft. Aufschrei erregte Sarrazin aber neben der Aussage (die durch wissenschaftliche Untersuchungen auch bestätigt wurde), daß Intelligenz zum größten Teil erblich ist, aber durch seine Forderungen in der Einwanderungspolitik. Besonders eingeschossen hat er sich dabei auf afrikanische Einwanderer und Immigranten aus muslimisch geprägten Ländern und gerade in ihnen sieht er die größten Probleme für Deutschland, das er durch ihre überkommenen Verhaltens- und Gesellschaftsmuster in seiner Entwicklung und seinem Status gefährdet sieht und bereits Folgen der Islamisierung ausmachen kann. Dabei gelingt es Sarrazin zwar bedauerlicherweise nicht, die Fragen nach dem Warum? und dem Cui Bono? zu beantworten, aber seine Zukunftsprognosen sind dafür umso erschreckender und, wie man schon fünf Jahre nach Erscheinen des Buches feststellen kann, vielerorts bereits eingetroffen, wenn er beispielsweise von der Bildung von Parallelgesellschaften in ganzen Stadtteilen spricht, die sich immer mehr ausweiten und homogener zu werden drohen.

Sein Hang zu Wiederholungen ist aber an manchen Stellen im Buch signifikant und die für ihn wichtigen Aussagen spricht er gern in jedem Kapitel mindestens einmal an.
Trotz allem ist auch der Schreibstil lobend zu erwähnen: die einzelnen Kapitel sind unter sich noch einmal aufgegliedert und bauen aufeinander auf, sodaß der Leser stets einem roten Faden folgen kann. An einigen Stellen verläßt Sarrazin die geordneten Wege eines wissenschaftlich-fachlichen Stils zugunsten einer emotionalen und lesernahen Plauderei, wenn er zum Beispiel über seine eigene Erziehung und Schulbildung spricht. Das kann man machen, um Leser bei der Stange zu halten, die von dem leicht trockenen Sachbuchcharakter des Buches zu sehr gelangweilt sind, aber es ist der Glaubwürdigkeit nicht zuträglich und führt zu einem stilistischen Bruch in seiner Argumentationsweise. Glücklicherweise sind Fälle dieser humorvoll angehauchten Plauderei eine Ausnahme. Wenn man sich auf das Sachbuch sowie den wissensgeladenen, nüchternen und vom wissenschaftlichen Duktus beherrschten Schreibstil einläßt, kann man bei der Lektüre einiges an Informationen mitnehmen und verarbeiten.

Auch Sarrazins Lösungsvorschläge sind zumeist sehr gut und lassen vor allem nicht, wie man es doch oft bei Abhandlungen dieser Art kennen mag, eine realistische Umsetzbarkeit vermissen. Bei einigen Vorschlägen – besonders im edukativen Bereich – gehen aber meines Erachtens nach ihm die optimistischen Gäule durch und so bringt er Vorschläge, angelehnt an Schulsysteme anderer Länder, die in Deutschland nur schwer umsetzbar sind und das Problem als solches auch nicht lösen können, besonders nicht, wenn nicht andere Casi Knacksi gleichzeitig gelöst werden. Ganztagesbetreuung ist bei fehlenden professionell ausgebildeten Betreuern nur eine Verlagerung der Probleme. Auch das umfassende, verpflichtende Betreuungsangebot für Mütter, die in Ernährungsfragen beraten werden sollen, ist doch mehr Utopie als Lösung und finanziell eine Belastung, abgesehen vor der Bevormundung der Eltern und der Zeit, die für solche Unternehmung verloren geht.

Ein Satz ist mir aber doch im Gedächtnis hängen geblieben und ich war erstaunt und verwirrt, als ich ihn im Kapitel zu den Zeichen des Verfalls lesen mußte: »Bleiben die Geburtenraten der Migranten über dem deutschen Durchschnitt, setzt sich auch ohne weitere Einwanderung eine ›Verdünnung‹ der einheimischen Bevölkerung fort. Das ist nicht weiter schlimm. Aber wenn sich dadurch das Bildungs- und Qualifikationsprofil verschlechtern sollte, würde sich das sehr nachteilig auf die deutsche Zukunftsfähigkeit auswirken.« (S. 60). Da fragte ich mich, was für ein Deutschland Sarrazin wirklich erhalten will, wenn er doch sich wünscht, daß auch seine »Nachfahren in 50 und auch in 100 Jahren noch in einem Deutschland leben, in dem die Verkehrssprache Deutsch ist und die Menschen sich als Deutsche fühlen, in einem Land, das seine kulturelle und geistige Leitungsfähigkeit bewahrt und weiterentwickelt hat […]« (S. 392). Dieser Widerspruch ist auch gerade in Anbetracht des Titels sehr augenfällig und wird von Sarrazin nicht näher erläutert. Denn wie soll ein Land mit seiner Kultur erhalten bleiben, wenn das Volk verdrängt wird, ausdünnt oder ausstirbt, das diese Kultur tradieren kann? Denn hier hat Integration, egal mit welcher Intensität es auch von Seiten der Immigranten betrieben wird, seine Grenzen. Und auch die Frage bleibt, wie groß das natürliche Interesse der Einwanderer ist, die Kultur seines Einwanderungslandes zu erhalten. Sarrazins Auswertungen zufolge steigt gerade die Zahl der Einwanderer, denen die deutsche Kultur nicht als eine schützens- und fördernswerte erscheint.

Auch wenn ich davon überzeugt sein muß, daß sein Buch, so emphatisch wie es diskutiert wurde, nicht das erreichen wird, was es sich wünscht, so ist es gut zu sehen, daß ein solches Buch überhaupt den Weg auf den deutschen Buchmarkt fand und von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen und von einem Teil davon auch besprochen wurde (wenngleich mehr darüber sprachen, als das Buch wirklich gelesen haben). Sarrazin hat aber auch nichts mehr zu befürchten, politische Repressalien werden ihn nicht erwarten und gesellschaftliche Ächtung ist bei diesem trotz allem moderaten Werk auch nicht drin. Und so bleibt zu hoffen, daß das Buch einigen Lesern Denkanstöße geben wird und Sarrazin der politischen Diskussion noch lang erhalten bleibt – sein Wissen ist fundiert und seine Art, es mitzuteilen, angenehm.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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