»Das Mädchen, das rückwärts ging« von Kate Hamer

Der Alptraum einer jeden Mutter: in einer unbeaufsichtigten Sekunde verschwindet das eigene Kind spurlos.
Beth Wakefield ist mit ihrer Tochter Carmel auf einem Literatur-Festival unterwegs, doch als sie in einem Bücherzelt sind, geht Carmel im Gedränge der Massen verloren. Beth bleibt nichts anderes übrig, als voller Verzweiflung das gesamte Gelände abzusuchen. Währenddessen stellt sich ein fremder Mann Carmel als ihr Großvater vor – ein Mensch, den sie nie kennenlernen konnte – und überredet sie unter einem schrecklichen Vorwand, mit ihr mitzukommen. Damit beginnt für sie eine ausgedehnte Reise, die sie weit weg von ihrer verzweifelten Mutter bringt. Einer Mutter, die alles unternehmen will, um ihr geliebtes Kind wiederzufinden.

Die britische Schriftstellerin Kate Hamer ist zwar schon mit einigen Kurzgeschichten in Erscheinung getreten, jedoch ist »Das Mädchen, das rückwärts ging« (OT: The Girl in the Red Coat) ihr, kürzlich in deutscher Übersetzung bei Arche, erschienener Debüt-Roman.

Noch während des Entstehungsprozesses erhielt Hamer einen Preis für den besten Romananfang und ich finde, ganz zurecht. Bereits in den ersten Kapiteln wird der Leser mit dem ganz eigenen Schreibstil konfrontiert, der so bild- und metaphernreich ist, das er an einigen Stellen ganz kryptisch und mysteriös wirkt. Diese Verworrenheit, über die man immer wieder stolpert, wird auch zu Beginn sehr gut illustriert, als Beth und Carmel sich in einem Labyrinth verlieren und man eine Vorahnung auf das folgende Geschehen bekommt. Alles wirkt manchmal surreal und unwirklich, wie in einem der Träume Beths, und man fragt sich, inwiefern das vielleicht alles nur ein Hirngespinst einer verzweifelten Frau ist und sich hier Illusion und Wirklichkeit vermischen – und dann ist es doch wieder höchst realistisch. Dieser Eindruck wird gerade durch die strikt getrennten personalen Perspektiven Beths und Carmels noch verstärkt. In kurzen Kapiteln, denen bei Beths Schilderung immer noch die Dauer des Verschwindens, gezählt in Tagen und Jahren, vorangestellt werden, taucht man ein in die Gedankenwelt der beiden Protagonisten. Man erlangt zwar so auch zusätzliches Wissen, das den beiden in der Erzählung fehlt, jedoch bleibt vieles immer subjektiv gefärbt; man muß sich auf den Wahrheitsgehalt der Gedanken und Erlebnisse stützen und Schlußfolgerungen ziehen, die von den Personen in ihren Schilderungen nicht getroffen werden können. Gerade Carmels Gedankenstrom ist dafür repräsentativ: sie wird oft sehr authentisch als Kind illustriert, ihre Gedanken werden von enormer Kindlichkeit geprägt und auch so verbalisiert, sind nicht selten sprunghaft, vital und trotzdem genau beobachtend. Und dennoch wirkt sie oft, auch wenn sie zu Beginn immer als »sehr schlau« (S. 28) aber verträumt charakterisiert wurde, auf eine gefährliche Art naiv und risikoliebend. Die ihr angedichtete Klugheit und überdurchschnittliche Intelligenz scheint nur eines der üblichen Klischees zu sein, deren man gern in der Erwachsenenliteratur, in der Kinder eine Hauptrolle übernehmen, bedient.

Dramaturgisch sind die raschen Perspektivwechsel gut durchdacht. Zum einen gelingt es, die Erlebnisse von Mutter und Tochter einander gegenüberzustellen, sie zu spiegeln und zu vergleichen, zum anderen wird so auch die Tragik beider Personen anschaulich illustriert. Hamer verleiht dieser Tragik, die der Geschichte schon per se durch das berührende Thema inhärent ist, durch ihre bildhafte Sprache und Vergleiche noch einmal zusätzliche Emotionalität und gibt so ihren beiden Figuren in ihrer Sprachlosigkeit und Verzweiflung eine Ausdrucksmöglichkeit.

Mit fortschreitender Erzählung werden die zeitlichen Abstände, in denen der Leser aus dem Leben Beths und Carmels erfährt, immer größer, aus Stunden werden Tage und aus Tagen werden Jahre. Distanzen aus Raum, Zeit und Emotionalität entstehen und beide müssen versuchen, mit ihrem umgewürfelten Leben zurecht zu kommen ohne unterzugehen. Dabei sehen sie sich mit unterschiedlichen Problemen konfrontiert: Beth stellt ihre eigenen Mutterqualitäten in Frage und dröselt endlich die belastete Mutter-Tochter-Beziehung, die in ihrer Familie seit ihrer Jugend besteht, auf und Carmel muß sich der Frage nach der eigenen Identität und deren Bewahrung stellen.

Wie anfangs erwähnt ist der Beginn des Romans preisgekrönt und vielversprechend, doch zunehmend verliert die Erzählung diese Wucht, Eindrücklichkeit und Intensivität und wird an so manchen Stellen verworren und zähfließend. Wichtige Fragen werden nur am Rande oder gar nicht geklärt, was zwar auf einer Seite durchaus vertretbar ist, gerade weil der Leser nur zwei subjektive Sichtweisen geboten bekommt, was aber andererseits den Leser mit dem Gefühl zurückläßt, mit einer unfertigen Erzählung konfrontiert gewesen zu sein, die zwar über vierhundert Seiten füllen kann, aber trotzdem wichtige Aspekte am Ende einfach fallen läßt. Auch die kurze Beziehung zwischen Carmel und dem etwas älteren Nico wirkt wie auch das Auffinden des Mädchens aus dem Ärmel geschüttelt und gezwungen.

Es ist keine hochspannende Erzählung, bei der man zittrig mitfiebert, aber trotz allem ist es emotional beklemmend und man hat immer die schlimmsten Vermutungen im Hinterkopf. Diese Beklemmung wird dank des bildhaften Schreibstils nur unterstützt, doch setzt der Roman zu Beginn die Stange der Erwartung sehr hoch an, begeistert und läßt vermuten, daß es noch besser wird, aber diese Aussichten erfüllt er nicht. Lieber verliert er sich in Andeutungen, Konfusionen und halbesoterischen Wirrwarr. Das ist schade, denn es ist ein Geschichte voller Potential.

Ich danke dem Arche Literatur Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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