»Englischer Harem« von Anthony McCarten

Dieses Buch lag schon lang in meinem Buchregal. Sehr lang. Genau genommen seit der Frankfurter Buchmesse vor zwei Jahren, damals, als Neuseeland Gastland war. Schon da begeisterter Leser von Anthony McCarten kaufte ich mir ein Buch und ließ es von ihm signieren. Gut, er schrieb meinen Namen falsch (wahrscheinlich kam mir mein sächsischer Dialekt bei der englischen Aussprache in die Quere), aber der Smiley machte alles wieder wett. _DSC5297

»Englischer Harem«, so der fast widersprüchlich anmutende Titel, erschien wie auch schon McCartens andere Romane in deutscher Übersetzung bei Diogenes und hat den in heutigen Zeiten fast stolzen Umfang von sechshundert Seiten. Also ein Buch, das nicht mal an einem Abend bei halben Bewußtsein durchgelesen werden will. Und das würde der Geschichte auch nicht gerecht werden.

Wir lernen die junge Tracy kennen, die mit ihren Eltern in einem der sozialen Brennpunkte Londons lebt. Aber dieses äußerlich so ramponierte Umfeld blendet sie einfach aus, in dem sie sich in eine orientalisch eingefärbte Traumwelt begibt. Ein Traum, der wahr zu werden scheint, als sie sich als Servicekraft in einem persischen, vegetarischen Restaurant bewirbt. Dort begegnet sie dem Iraner Saaman Sahar, der das Restaurant aufbaute und leitet und kann schon recht bald als begabte Kellnerin bei ihm anfangen. Aber Saamans Kosmos hat mehr zu bieten als nur ein ungewöhnliches Lokal. Sam, so nennt er sich gern, hat nämlich noch zwei Frauen. Zwar ist er nicht nach geltendem englischem Recht mit ihnen verheiratet, so doch aber im persischen Sinne. Dazu hat er noch drei Kinder, die seine erste Frau mit in die platonische Ehe brachte. Tracy ist sofort fasziniert von Sam und beschließt recht schnell, sich auch mit ihm zu vermählen und in den Familienverband einzusteigen. Ihr Umfeld ist natürlich so gar nicht über diesen Harem begeistert und befürchtet unsittliches Treiben. Ihre Eltern voran versuchen sie wieder ins heimische Nest zu holen, doch Tracy, die sich in ihrem neuen Leben mehr als behütet sieht, läßt sich von nichts überzeugen. Auch als sich erste Schwierigkeiten auftun, weiß sie, wohin sie gehört. Es ist zwar eine Traumwelt, aber sie kämpft vehement für ihren Erhalt.

Dieses Buch ist in allererster Linie sicherlich die beschriebene Liebeskomödie. Aber es ist eine ungewöhnliche Liebe und so ist auch der Roman ungewöhnlich. Der Leser merkt rasch, daß es gar nicht nur um Tracy und ihren Liebhaber/Ehemann Saaman geht, sondern daß hier ein kulturelles und gesellschaftliches Abbild gezeigt wird. Es sind Welten, Vorstellungen und Meinungen, die aufeinander prallen und die Konflikte erzeugen. Und so realistisch und charakterlich gut gezeichnet die Personen sind, so realistisch wirken auch die Konflikte. An vielen Stellen könnte man meinen, McCarten schildert hier wirklich einen authentischen Fall. Und so geschieht alles vor der Kulisse des modernen Londons. Zwar ist man zu Anfang des Romans fast nur innerhalb der drei Häuser – Tracys Eltern, Restaurant und das Zuhause der Sahars – aber mit fortschreitender Erzählung öffnet sich neben dem gedanklichen Horizont auch der räumliche immer mehr. Das Geschehen wird auf die Londoner Straßen und in öffentliche Gebäude verlegt.

McCarten nutzt bewußt ein für westliche Leser recht ungewöhnliches kulturelles Konstrukt, um Kritik an der Gesellschaft zu üben. Sein Protagonist Sam versucht aufzudecken, warum man in seinem Umfeld so gegen seine Ehe mit drei Frauen wettert: es sei der pure Neid. Doch ist das wirklich so oder ist es nicht auch das Ärgernis oder der Versuch, die eigene Kultur zu bewahren?
Es ist nun das zweite Buch aus der Feder McCartens, in dem er den Islam thematisiert und zur Debatte stellt, doch hier in diesem kommt die Debatte sehr kurz und es ist eine geradezu einseitige Darstellung dieser Religion, die gerade jetzt für viel Zündstoff sorgt. Doch mit Tracy kommt zwar eine Frau mit starker Gedächtnisleistung, aber wenig kritischem Urteilsvermögen ins Spiel. Sie ist von Anfang an empfänglich für die paradiesisch anmutende Exotik, die Sam und sein Leben für sie ausstrahlen. Sie lebt sich in die Familie ein, liest unreflektiert den Koran und entwickelt fast euphorische Begeisterung für das schöne Leben fernab des armen, aber spießigen Daseins. Dabei verbleibt vieles einseitig, zu schwarz-weiß gefärbt. Die Sahars sind die schöngefärbten Guten, die, die einfach nur unbehelligt das Heile-Welt-Leben feiern wollen und von den eifersüchtigen Mitmenschen daran gehindert werden sollen. Sie schaffen es zwar, ihre Art des Lebens durchzusetzen, aber die Verluste des Kampfes sind hoch.
Auch die Schilderungen des Zusammenlebens der drei Frauen werden als zu schön um wahr zu sein beschrieben.

»Sie sind füreinander da, die drei Frauen. Vielleicht ist ihnen das selbst nicht ganz klar, aber sie sind weniger mit mir verheiratet als miteinander.« (S. 432)

Das ist schon früh in der Erzählung klar und es wird auch deutlich, welche Unterstützung und Sicherheit der englische Harem den drei von herben Schicksalsschlägen gezeichneten Frauen bieten. Und dieser Gedankengang, fernab von jeder erotischen Komponente, ist beachtlich schön umgesetzt, wenngleich nicht immer ganz glaubhaft. Ein paarmal kann man zwar sehen, daß die herzliche, innige Liebesbeziehung zwischen Tracy und Sam auch nicht spurlos an Yvette und Firouzeh, den beiden platonischen Ehefrauen, vorbeizieht, aber das ist sehr selten. Den Großteil arrangieren sie sich ohne Murren und Knurren – ja, sogar mit sehr großem Elan – mit der Situation.

Sprachlich ist »Englischer Harem« aber auf einem guten Niveau, wobei man auch immer nicht aus den Augen verlieren darf, daß man eine Übersetzung vor sich liegen hat; hier von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Die Dialoge sind glaubhaft niedergeschrieben, ohne zu große gestelzte Ecken und passen zu ihrem jeweiligen Charakter. Besonders an dem redseligen Sam kann man das gut beobachten, wie er sich vom ruhigen, besonnenen Familienvater, der gern Weisheiten jeglicher Couleur weitergibt, in einen zornigen, aufbrausenden Mann verwandelt.
Auch dramaturgisch ist es gut und spannend aufgebaut, sodaß selbst bei fast sechshundert Seiten Roman wenige Durststrecken zu bemängeln sind. Als besonders angenehm fand ich das zeitliche Konstrukt, welches mit Tracys Eintritt in die persische Welt chronologisch vonstatten geht, sodaß man ihre Geschichte schon recht bald kennt, die allerdings Saamans Leben erst in Rückblenden offenlegt. Man kann zwar vieles schon erahnen, stellt aber erst am Ende fest, welche Tragweite alles zusammen wirklich hatte. Auch kleine literarische Feinheiten, Metaphern und Bilder lassen sich im Text finden und machen die Lektüre spannend und würzig. Ein besonders angenehmes und intelligent konstruiertes Bild möchte ich zum Abschluß nehmen:

Das Haus der Eltern Tracys – ein mehrstöckiger Plattenbau – war aufgrund des Alters und der fehlenden Pflege verfallen und heruntergekommen. Der Fahrstuhl war außer Betrieb, der Putz bröckelte und eine ganz große Gefahr ging von den Neigungen der Gebäudewände aus. Das Haus drohte unter der Last einfach auseinander zu brechen. Monica, Tracys Mutter, führt fast aussichtlose Kämpfe zur Behebung der maroden Zustände, doch erst nach einigen Anläufen gelingt es ihr, den Sprengungsbefehl für den Abriß des Gebäudes zu bekommen. Und so kommt es, daß sie den Knopf drücken darf, der das Haus dem Erdboden gleichmacht.

»Ein Haus, das sich nie hatte entscheiden können, in welche Richtung es sich neigen sollte, kam endlich zu einem Entschluss.« (S. 576)

Daß das Haus stellvertretend Symbol für viele der Personen im Roman ist, entdeckt man erst nach und nach. So, wie das Haus unentschlossen war, so waren es auch die in ihm lebenden Menschen.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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