»funny girl« von Anthony McCarten

Lachen verbindet. Das ist eine universelle Wahrheit, und das konnte die junge Azime schon oft erleben. So möchte sie auch anderen das Lachen schenken.

Da gibt es nur ein Problem: Azime ist Kurdin. Und ihre Verwandtschaft sieht es so gar nicht gern, daß sie, rebellisch wie sie ist, Komikerin werden will. Wo sie doch sogar das Tragen des Kopftuches vehement verweigert und jeden Mann, den der Heiratsvermittler für sie aufliest, gekonnt in die Flucht schlägt.
Das allem zum Trotz besucht sie regelmäßig eine Comedy-Schule und hat bald ihre ersten Auftritte auf kleinen Bühnen. Um unerkannt zu bleiben, entscheidet sie sich, auf der Bühne eine Burka zu tragen, doch leider bleibt ihr Geheimnis nicht lang geschützt und recht schnell wird ihre echte Identität preisgegeben und sie damit auch aufgebrachten Hatern, die ihr nach dem Leben trachten.

(diogenes.de)

Anthony McCarten, 1961 in Neuseeland geboren, ist schon lange kein Unbekannter mehr und hat sich mit diversen Romanen und Drehbüchern einen Namen gemacht. Eines davon ist funny girl, erschien vor einem Jahr im Diogenes Verlag und ist knapp 400 Seiten stark.

Darin finden sich ein netter Kriminalfall, eine Prise Liebe und viel Humor. Mit Azime begegnet dem Leser eine sehr starke Frau, ein Individuum mit Charakter und nicht nur eine bloße literarische Figur. Azime ist jung, hat gerade erst die Schule beendet und sucht nun nach ihrer Erfüllung und ihrer Identität. Und dabei reibt sie sich zwischen ihrem Wunsch nach einem westlichen Leben, wie sie es in London leben kann, und den alten Traditionen ihrer kurdischen Familie, die in Green Lanes zusammen mit anderen Immigranten versuchen, so weiterzuleben wie bisher, auf. Diese wägt sie immer wieder ab, hinterfragt und kritisiert beide Seiten der Medaille. Es ist nicht nur ein stumpfes Abklappern von Klischees, sondern ein kluges Argumentieren. Es macht Freude, Azimes Gedanken und Beobachtungen zu folgen. Und sie ist eine hervorragende, witzige Beobachterin – das muß sie sein, um eine gute Komikerin zu sein. Auch ihre Familie und Verwandten, ihr Freund Deniz und die zumeist recht kruden Typen der Comedy-Schule sind individuell und greifbar, sie sind Ergänzungen und Widersacher Azimes. Dabei sind aber alle Charaktere des Romans durchweg witzig, schräg, wenn nicht gar als kraß zu bezeichnen. Jeder hat irgendwo eine Schrulle weg, lebt mit seinem Spleen und wenn es geht, lebt er seine Macken auch aus. An vielen Stellen ist britischer Humor kaum zu übersehen und das ist auch etwas problematisch für den deutschen Leser, selbst wenn die Übersetzung sich größte Mühe machte: für den einen oder anderen der Leserschaft werden viele Witze nicht recht zünden, weil sie too british sind.

Aber gerade diese Individualität und Originalität der Charaktere ist essentiell wichtig, denn sie unterstreicht die Kernaussage des Romans: die Achtung und Wertschätzung des Einzelnen, seine Ziele frei entfalten zu können, ohne andere zu damit zu schaden. Es ist eine Aufforderung zu mehr Toleranz. Und gerade das muß auch Azime lernen, die zu Beginn starr- und hitzköpfig gegen alles Traditionelle wettert, stur ihre Meinung vertritt und selbst Vorurteile gegen ihre eigene Kultur hegt. Sie muß Irrtürmer erkennen und für ihre Ziele kämpfen, Rückschläge einnehmen und sich gegen Anfeindungen wehren.

McCarten verwebt in seinem Roman oft tragische, ernste Themen mit witzigen Anekdoten und amüsanten Komiken, doch das alles mit Feingefühl, nicht beleidigend oder unter die Gürtellinie gehend. Dabei kommt aber auch Kritik nicht zu kurz und mit Azime zeigt er, wie leicht Menschen auch manipulierbar und führbar sind. Ihr, die keinerlei Bühnenerfahrung mitbrachte und einfach nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort mit der richtigen Idee war – war sie doch der erste kurdische und weibliche Comedian – wird nicht durch ihre Witze Einlaß in die Bühnenwelt gewährt, sondern schlicht aufgrund ihrer Einzigartigkeit, aus der andere Profit schlagen wollten. Sie steht aber darüber und so gelingt ihr zum Abschluß der große Auftritt vor Publikum, in dem sie mit Vorurteilen, die sie und ihre Umwelt belastet, aufräumt, ohne den Blick für die Realität zu verlieren.

Und so zeigen der Roman schlußendlich, wieviel Wahrheit in der Aussage stecken kann, daß ein Lachen verbindet und das trotz aller Individualität.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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