»Die Sache mit dem Dezember« von Donal Ryan

Worte sind wie Feinde. Jedenfalls für den jungen John »Johnsey« Cunliffe, der zusammen mit seiner Mutter in einem irischen Dorf auf einem Bauernhof lebt. Für ihn, der von Beginn seines Lebens an eine leichte geistige Behinderung hat, ist das Dasein nicht immer einfach. Gehänselt von seinen Altersgenossen und gequält von seinen eigenen Gedanken, die von ihm oft nicht in logische Reihenfolge gebracht und verbalisiert werden können, versucht er, sein Leben zu regeln. Doch nachdem vor einiger Zeit sein Vater an Krebs erkrankte und starb, liegt auch seine Mutter eines Tages im Februar tot im Haus. Und nun muß sich Johnsey allein behaupten, doch als dem Dorf ein großes Bauprojekt mit willkommenen Investitionen bevorsteht und gerade er mit dem Bauernhof Land besitzt, das hoch gehandelt wird, gerät er in einen Strudel, in dem er sich nicht mehr zu helfen weiß und mehr und mehr den Blick für die Realität verliert.

Wie kann ein Roman werden, in dem die Hauptperson nicht in der Lage ist, sein Gedanken zu ordnen und auszusprechen; in dem er Schwierigkeiten hat, mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten und der sein schützendes, aber auch langsam verfallendes Heim nur selten verläßt?
Er wird gut. Und er wird authentisch.
Mit John Cunliffe begegnet dem Leser in Donal Ryans Roman »Die Sache mit dem Dezember« (Diogenes) ein Charakter, der einem Einblicke in seine Gedankenwelt gibt und authentisch daherkommt. Gerade durch die sehr personale Erzählweise gewinnt Cunliffe mehr und mehr an Kontur und auch der Erzählung nützt diese Perspektive hier doch sehr, denn man ist immer auf die Einschätzungen, Beobachtungen und Erinnerungen des Protagonisten angewiesen, die situationsabhängig einfließen und im ersten Moment auch wirr wirken können, doch gerade das ist auch ein interessanter Aspekt der Erzählung, denn schnell wird klar, daß man sich durch die Gedankenwelt Johnseys zu schnell in die Irre führen lassen kann und erst Irrtümer erkennen muß. Er stellt sich als charakterlich sehr instabile Person heraus, die sich als dümmer darstellen mag als sie in Wirklichkeit ist, die aber durch ihre soziale Schwächen keinen Weg der Integration findet und so den Weg der selbstgewählten Isolation geht. Aber genau das ist die Konsequenz aus der Summe all der Rückschläge, Verluste und Verleumdungen, die er in seinem Leben erfahren mußte. Und so ist Johnsey wie aus dem Leben gegriffen, ein Charakter, der so sicherlich in dem einen oder anderen Dorf lebt und um dessen innere Gefühlswelt sich nur wenige Menschen Gedanken machen dürften. Leider ist das nicht immer zu hundert Prozent überzeugend, wenn Johnsey mit Begriffen wie Zyklop zurechtkommt, aber wiederum an Pupillen (für ihn Puh-Pillen) scheitert oder sich zusammen mit seinem Freund fragt, was wohl Arroganz sei. Fehlende Bildung kann man aber dem Großteil der Figuren attestieren. Besonders zum Ende wird man leider ein paar Mal gezwungen, die personale Sichtweise mit einer Außensicht auf Johnsey auszutauschen – nicht vonnöten und es zerstört auch die Atmosphäre, die sich bis dahin aufbauen konnte und die essentiell für das turbulente und dramatische Ende ist.

Besonders spannend ist die Darstellung des Dorfes und Dorflebens, dessen angebliche Idylle der Leser auch nie verläßt – so wie auch Johnsey es nie wirklich verlassen kann. Wenn es anfänglich noch wie eine große Gemeinschaft erscheint, in der auch Johnsey, trotz der aggressiven Attacken einiger Halbstarker, integriert ist, zerbricht diese Illusion mit fortschreitender Erzählung und dem Leser wird auf ironisch-dramatische Weise deutlich vor Augen gefühlt, wie hinterlistig und verlogen die Bewohner doch sind und auch wie niedrig die Hemmschwelle bei ihnen ist, für Geld ihre sowieso schon wenigen Ideale mit Füßen zu treten. Gerade Johnseys naive Sichtweise auf die Dinge und seine von Monat zu Monat ausgereiftere Emanzipation lassen auch einige amüsante Blicke darauf zu, doch im Gesamtbild ergibt sich eine bittere Wahrheit hinter der süßen Dörflerfassade. Und der von der Gemeinschaft belächelte und spätere ausgestoßene Sonderling deckt es auf, ist aber durch seine mangelnde Kompetenz nicht in der Lage, dagegen anzukämpfen und seine Position aktiv zu behaupten. Für den Leser werden die ironischen Spiegelungen aber schnell deutlich und man kann authentische, lebensnahe Einblicke in das Verhalten einer solchen Gemeinschaft erhalten, wie sie nicht nur in einem irischen Dorf an der Tagesordnung sein können.
Dramaturgisch reizvoll ist aber gerade dadurch auch die seelische Wandlung, die Johnsey durchmacht, zu betrachten. Vom Papasöhnchen (seinen Vater nennt er immer liebevoll Daddy), der für Johnsey immer die Leitfigur war und von dessen Urteil er sich nie lösen konnte, mausert er sich zur eigenständigen Figur, die bemüht ist, sich gegen den Druck seiner Umwelt zur Wehr zu setzen. Daß seine Bemühungen schlußendlich durch sein Antihelden-Dasein aber in einer Katastrophe gipfeln werden, ist absehbar.

Der Roman schildert ein ganzes Jahr in Johnseys Lebens – wohl das ergreifendste Jahr in seinem Leben. So ist es in zwölf Monatskapitel untergliedert und jedes Kapitel strukturell auch gleich aufgebaut.
Man merkt man schnell, daß Johnseys Sprachschatz zwar nicht gerade umfassend ist und daß Dinge, die er nicht kennt, gern so geschrieben werden, wie er sie hört. So kann man Sätze wie »Sein Hahn-Leiter hatte sich entzündet. Das war das Ding in seinem Zipfel. Irgendwie hatten Back-Terrier den Weg durch seinen Blasentäter gefunden« (S. 123) finden. Das setzt beim Leser eine gewisse Fantasie voraus, um zu erraten, wovon jetzt wirklich die Rede ist, aber es ist keine Verständnishürde. Viel spannender sind aber Metaphern, die oftmals auch sich weit von gängigen Wortbildern entfernen und nicht selten komisch und entfremdend auf dem Leser wirken:

»Trotzdem ging Johnsey mit Eugene Penrose und dem kleinen Mickey Farrell mit den Schlitzaugen […] hinüber zum Denkmal, wo alle coolen Jungs standen und ein paar Mädchen so taten, als wären sie angewidert von den coolen Jungs, aber man konnte sehen, dass es nicht so war, und ein paar nervös wirkende Hirnis standen daneben, wie alte, zerkochte Brokkoli-Röschen neben einem Teller Steak mit Pommes.« (S. 22)

Aber auch die eine oder andere philosophische Fragestellung wird aufgeworfen und der Leser durch Johnseys naive, überraschend direkte Art wird dazu angeregt, seine Gedankenfetzen aufzunehmen und für ihn weiterzudenken. Fragen über das Wesen des Menschen, Leben und Tod und – sehr interessant – Gedanken über das Wesen der Wahrheit (da war ich geneigt, an einen mir sehr liebgewonnenen Ausspruch aus der TV-Serie Akte X zu denken: »Es gibt so viele Wahrheiten, wie Menschen, die darüber berichten«) lassen sich in dem Roman finden.
Dagegen empfand ich Johnseys Betrachtungen des eigenen Körpers oft als zu plump und redundant, da war mir doch einmal zuviel des Zipfels und der Masturbation im Spiel. Das möchte ich aber auch nicht zur Gänze negativ sehen, denn es paßt in das gesamte Umfeld, in dem Ästhetik und Schönheitsempfinden keinen Platz finden darf.

Im Gesamten ist »Die Sache mit dem Dezember« kein Wohlfühlbuch, keine Lektüre für stille Ästheten, aber um so mehr für Realisten, die sich auch gern mit der doch weit schmutzigeren Realität auseinandersetzen, dabei aber auch nicht den Sinn für Humor und Sarkasmus außer acht lassen wollen. Es ist aber auch eines, von dem man erst nicht weiß, was einen erwartet, das gern überrascht und beim Leser auch Spuren hinterläßt.

Ja, es war ein gutes Buch.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

Advertisements

Schreibe einen Kommentar.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s