»Der Fall Moriarty« von Anthony Horowitz

Es war ein Schock, der vielen Menschen den Atem verschlug, und ein Wort war 1891 in aller Munde: Reichenbach. Die berühmte Wasserfallkaskade des Reichenbachs in der Nähe des beschaulichen Schweizer Örtchens Meiringen war Schauplatz für das Zusammentreffen der zwei bekanntesten Figuren der Zeit geworden: der Londoner Detektiv Sherlock Holmes traf auf seinen kriminellen Widersacher James Moriarty. Und dieser Schlagabtausch endete offensichtlich für beide tödlich, als sie, miteinander ringend, in die Tiefe des Reichenbachfalles fielen. Scotland Yard schickt daraufhin den Ermittler Athelney Jones nach Meiringen, um die Leiche Moriartys, die man aus dem Strom fischte, zu untersuchen. Dort trifft er auf den Detektiv Frederick Chase, der von der amerikanischen Agentur Pinkerton geschickt wurde, um sich auf die Suche nach dem Verbrecher Devereux zu machen, der aus Amerika nach Europa kam, um mit Moriarty zu kooperieren. Ein Brief in der Tasche des Toten verweist auf London und schnell wird klar, Devereux, der sich vor der Öffentlichkeit – wie einst Moriarty – nicht zeigt, verschanzt sich dort und für Jones und Chase, die sich rasch anfreunden, wird es zu einem gefährlichen Fall.
The game is on.

(suhrkamp.de)

Da ist er, der Nachfolgeroman zum grandiosen Sherlock-Holmes-Roman »Das Geheimnis des weißen Bandes« (von mir dereinst hier rezensiert) des britischen Autoren Anthony Horowitz. Es heißt passend zum diesmaligen Protagonisten »Der Fall Moriarty« und erschien im letzten Jahr im Insel Verlag. Schon allein optisch kann ich dieselben lobenden Worte für das Buch finden, auch wenn man wohl aus ökonomischen Gründen hier schon erste Abstriche machte und einfach mal das Lesezeichenbändchen wegließ. Sicherlich kein Weltuntergang und für das Gros der Leser noch nicht einmal einer kurzen Notiz wert, aber doch eine Einbuße in der Buchqualität.

Viel wichtiger ist aber fernab von buchkünstlerischen Aspekten der Inhalt zwischen den Buchdeckeln. Und da steckt doch eine ganze Menge Athelney Jones, Frederick Chase und Clarence Devereux samt Handlanger drin.
Und wenig Sherlock Holmes und John Watson.
Gut, ersterer war ja offiziell wie sein Gegenspieler im Reichenbachfall ums Leben gekommen (man weiß es heute besser), aber gerade John Watson vermißt man doch sehr und außer einiger Erwähnungen seiner Person tritt er nicht einmal in Erscheinung, was verwunderlich ist, wenn man doch bedenkt, wie nah auch ihm der Tod seines Freundes gegangen war. Dafür dürfen sich Chase und Jones, der ein glühender Verehrer Holmes‘ ist, immer mehr zum Nachfolgepärchen des berühmten Duos etablieren und das dürfte gerade Jones sehr gefallen haben, sieht er sich doch zusammen mit seinem Partner schon eine Detektei in der Bakerstreet eröffnen. Ich möchte aber die Figuren hier gar nicht so negativ zeichnen, wie es vielleicht wirkt, auch wenn ich noch im Leseprozeß sehr dazu neigte. Jones wirkte mit seiner fanatischen Fanliebe irgendwann doch leicht überzeichnet – wollte er zu sehr Sherlock Holmes sein und war es schlußendlich doch viel zu wenig. Aber gerade das war notwendig, wie man am Schluß des Romans merkt, in dem der Erzähler zugeben muß, daß »Jones [als] Kriminalist so scharfsinnig und brillant, und als Mensch so töricht, naiv und vertrauensselig [war], wie ich es mir nur wünschen konnte« (S. 325). So ist Jones doch ein recht gelungener, weit emotionaler Gegenentwurf zu seinem Vorbild geworden, dem er nacheifert, ihn aber nie erreicht. Ein kluger Schachzug auch von Horowitz, denn ob Liebhaber des Kanons ihm das verzeihen könnten, hätte er ernsthaft den Versuch unternommen, ein Ebenbild des Detektivs zu schaffen, ist fraglich. Seine Charakterisierung ist gelungen und umfassend, dafür bleibt Chase oft eher blaß und scheint mehr eine Randfigur zu bleiben. Zusätzlich zu den beiden Protagonisten und dem klaustrophoben und menschenscheuen Schurken Devereux wartet aber noch eine ganze Verbrecherriege auf ihren Einsatz – ein bißchen zuviel und das plustert die Erzählung auf. Man bekommt den Eindruck eines alten Jump’n’Run-Computerspiels, in dem erst die kleinen Bösewichte aus dem Weg geräumt werden müssen, ehe man endlich in den Boss-Battle gehen kann. So ist der Weg bis zur endgültigen Konfrontation mit Devereux eigentlich gar nicht so spannend, hier und da trumpft Jones mit seiner Beobachtungsgabe und holmes’schen Wissen auf und man wartet hier und da auf den einen oder anderen Kriminellen. Trotzallem, und das sollte nicht unerwähnt bleiben, ist es Horowitz wieder gelungen, den Roman gut in den Kanon einzubetten; sei es nur durch die Rahmenhandlung um den Tod Holmes und Moriartys oder auch dank des Auftrittes (des mir auch persönlich sehr liebgewonnenen) John Clay, den man schon in der wunderbaren Erzählung der »Liga das Rotschöpfe« (1891) kennenlernen durfte. Ein paar mehr Anspielungen und Eingliederungen in den Kanon hätten der Erzählung aber sicherlich nicht geschadet und gerade Jones wäre für solche Spitzen prädestiniert gewesen.

Die Kulisse des viktorianischen Londons wurde diesmal leider auch nicht so exzellent getroffen, wie das noch im ersten Band der Fall war. Zwar versucht Horowitz mit der gediegenen Sprache und der Illustration historischer Gebäude und Gefährte das Flair vergangener Zeiten aufkommen zu lassen, aber es ist doch alles zu hektisch und brutal. Es knallt und rumst wie in einem Hollywood-Action-Film und es wird fröhlich ins Gras gebissen, während die Ermittler Scotland Yards wie aufgescheuchte Hühner durch London hüpfen.

Man wird aber auch wieder, wie schon in »Das Geheimnis des weißen Bandes«, mit einem recht aktuellen Thema konfrontiert, wenngleich nicht so detailliert und doch eher als magere Randerscheinung. War es im Vorgängerband noch die Kinderpornografie, die ihren Niederschlag fand, so offenbart sich hier der kleine Bösewicht Clarence Devereux als glühender Verfechter des Vegetarismus, seitdem er durch den Schlachtbetrieb seiner Eltern schon in Kinderjahren ein Trauma erlitt. Gut, kann man machen, ist aber doch gekünstelt: Der klaustrophobische Schurke mit dem Herz für Tiere, dem »der Appetit auf Fleisch schon in Kindertagen verging. Von dem Augenblick an, als ich meine eigenen Entscheidungen treffen konnte, bin ich das geworden, was man einen Vegetarier nennt« (S. 274).

Das ganze Geschehen wird aus der Sicht von Frederick Chase geschildert, der aber keinesfalls ein adäquater Chronist wie sein Pendant John Watson ist. Sympathisch ist er durchaus, aber gerade der Twist am Ende der Erzählung läßt ihn doch als fadenscheinigen Erzähler wirken, der nicht immer glaubhaft zu sein scheint. Trotz allem ist er eine wichtige Figur. Und die Auflösung, die am Ende wartet, ist auch klug und reicht an die bekannten Abschlußvorstellungen des Meisterdetektivs heran, aber kann ihnen trotzdem nicht das Wasser reichen. Dafür ist es zu schnell abgehandelt, zu wenig verschachtelt und zu unoriginell.
So wie der ganze Roman wirklich originelle Wendungen wie noch in »Das Geheimnis des weißen Bandes« sehr vermissen läßt.

Ich weiß, ich berufe mich oft auf den Vorgängerband aus der Feder Horowitz‘, vielleicht auch einmal zu oft. Aber ein Vergleich mit dem vorliegenden Buch läßt sich schwerlich vermeiden, denn in diesem genialen Werk legte Horowitz die Meßlatte hoch an. Und er schafft es nicht – weder dramaturgisch noch stilistisch – dieses Niveau zu halten. Ich bin geneigt zu sagen: ähnlich wie auch sein Protagonist Jones nie das Niveau seines Vorbildes erreichen konnte.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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