»Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache« von Kristin Kopf

Sprache ist wie ein Fluß. Verschlungen, mit Stromschnellen, seichten Stellen, Verzweigungen und verschiedenen Zuflüssen.

Mit diesem sehr passenden Vergleich arbeitet Kristin Kopf, wenn sie den Leser mit auf die Reise durch die deutsche Sprache nimmt. Und sie ist eine begeisterte Reiseleiterin, die bemüht ist, ihrem Publikum jede interessante Stelle des Sprachstroms zu zeigen und zu erläutern. Und diese Führung findet auf den knapp dreihundert Seiten ihres im September bei Klett-Cotta erschienen Sachbuches »Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache« statt.

Wußten Sie, daß unsere deutsche Sprache nicht nur bekanntermaßen mit andere europäischen Sprachen wie Französisch oder Griechisch verwandt ist, sondern in seinem Familienkreis auch durchaus Sanskrit und Hindi zu finden sind? Oder warum sich die Dialekte im deutschen Sprachraum zum Teil so gravierend unterscheiden, daß ein norddeutscher Sprecher Schwierigkeiten hat, sich mit einem Süddeutschen zu unterhalten?

Diesen und anderen etymologischen Fragen geht Kristin Kopf, Betreiberin des Sprachlog.de und seit 2010 forschend an der Mainzer Universität im Fachbereich der historischen Sprachwissenschaft tätig, mit Feuereifer nach.

Aufgeklappt wird’s kleine Etymologicum und los geht’s:

Dieses Buch ist seit langem für mich wieder der Beweis, daß es doch möglich ist, ein interessantes, aber auch zugegebenermaßen recht trockenes Thema populärtauglich aufzuarbeiten und dabei nicht in Pseudowissenschaftlichkeit zu verfallen. Kopfs Stärke ist das sehr bildhafte Erzählen, das sich eingängiger Motive bedient, um auch komplizierte Sachverhalte wie die der Lautverschiebungen, deren Resultat zum Beispiel auch die verschiedenen deutschen Dialekte war, anschaulich darzustellen und begreiflich zu machen. Diese Bilder führt sie auch konsequent weiter und baut ihre Reise über den Fluß der Sprache schön aus. Der Leser fühlt sich durch ihre blumige Wortwahl und die Motivation, die aus ihren Worten sprüht, wohlig eingehüllt und auf der Reise behütet, ohne aber in Dämmerschlaf zu fallen und das Gefühl zu haben, nichts aus dem Gelesenen lernen zu können. Und es ist einiges, was man aus diesem Buch an Wissen mitnehmen kann. Dabei liegt der Fokus weniger auf dem hohen Fachwissen, das einem Germanist ständig im Kopf herumspukt, sondern auf der Darstellung, interessanter Aspekte unserer Sprache. Kopf bemüht Begriffe und Idiome, die dem Leser bekannt sind, sie setzt kein großes Grundwissen der Thematik beim Leser voraus. Sätze wie »Da bist Du aber auf dem Holzweg« kennt wohl der Großteil der Leser und hat es auch schon benutzt, ohne sich über den Ursprung dieser Redewendung im Klaren zu sein. Und Kopf klärt auf; mit einem Augenzwinkern, mit Witz und lockerer Art weiß sie jede interessante Biegung des Sprachflusses zu erkunden. Man merkt ihr ihre Begeisterung an etymologischen Fragestellungen an und sie schafft es auch, diese Freude auf den Leser zu transportieren, ihn in den Bann der Worte zu ziehen.

An Stellen, an denen man zum besseren Verständnis vertiefende linguistische Zusatzinformationen benötigt, findet man ein kleines Informationskästchen, das das kompakte und in verständliche Worte gekleidete Wissen beherbergt. Und hier findet sich auch ein weiteres Bonbon für die Ästheten unter uns, die an der Gestaltung in diesem Buch ihre Freude haben werden. Mit schön gestalteten Überschriften, Trennlinien und harmonisch abgesetzten Infomations-Boxen und einem sehr lesbaren Schriftbild macht es das Lesen nicht nur zu einem informativen, sondern auch ästhetischem Erlebnis. Und es ist lobenswert, wenn man auch bei Sachbüchern eine angenehme Gestaltung nicht aus den Augen verliert.

 

Bedauerlichweise findet sich aber auch im Etymologicum ein linguistischer Virus, der sich derzeit bei deutschen Sprachverbessererinnen und Gender-Sprechern ausbreitet und sich mündlich wie schriftlich fest einnistet. Leider macht das -innen-Suffix, mit dem man bemüht ist, das böse generische Maskulinum in seine Schranken zu weisen, einen Text nicht flüssiger lesbar. Im Gegenteil: man stolpert immer wieder über Sätze wie diesen:

»Zur Zeit der Völkerwanderung […] siedelten germanische Völker im Römischen Reich. Im späteren Italien waren das Langobardinnen […], in Südengland die Angeln und Sächsinnen, die dort das spätere Englisch begründeten, und in der Gegend um Worms ließen sich die Burgunderinnen nieder, in deren Mitte […] wenig später ein folgenschwerer Streit um Ehre und sozialen Rang ausbricht und in einem Blutbad endet.« (S. 99)

Das klingt – besonders wenn man es laut rezitiert – fast schon ungewollt komisch, aber allen voran wirkt es lächerlich und gestelzt. Und leider kann Kopf auch von dieser Manie nicht lassen, sodaß immer wieder von Römerinnen und Sprecherinnen die Rede ist.

Wohlgemerkt sollen sich in diesem generischen Femininum auch die Männer mit eingeschlossen sehen.

 

So bleibt aber trotzallem »Das kleine Etymologicum« ein empfehlenswertes Sachbüchlein für Hobbylinguisten, Menschen, die einfach mit interessanten Wissensanekdoten aufwarten wollen oder auch Studenten, die gerade sich in die deutsche Sprachwissenschaft einarbeiten wollen und ihre ersten Kontakte zu Lautverschiebungen geknüpft haben. Es ist trotz der Informationsdichte und des wissenschaftlichen Niveaus einfach zu lesen und auch für Leser mit einem leidlichen Grundverständnis der Thematik rasch zu verstehen und flüssig lesbar.

Ich danke Klett-Cotta für die Zusendung des Rezensionsexemplars.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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