»Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand« von Harald Welzer

Na, sind Sie ein Wutbürger? Oder vielleicht gar ein Schlechtmensch? Und was haben Sie bisher mit Ihrem Handeln zur Nachhaltigkeit in der Gesellschaft beigetragen? Nichts?

Wenn der renommierte Soziologe Harald Welzer eines kann, dann ist es das direkte Ansprechen des Lesers. Und zimperlich ist er dabei wahrlich nicht, sodaß er da schon im ersten Drittel des Buches einen Teil seiner Leser brüskiert haben mag.

(fischerverlage.de)

»Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand« (Fischer Taschenbuch) ist der markante Titel des im letzten Jahr erschienen politischen Sachbuchs von Harald Welzer, der auch schon mit ähnlichen Werken wie »Wege aus der Wachstumsgesellschaft« oder »Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung. Wie sieht die Welt im Jahr 2050 aus?« in Erscheinung trat.

Das Credo, das Welzer auf fast 300 Seiten versucht dem Leser nahezubringen, ist mit Kant rasch gesagt: »Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu gebrauchen!«. Nur daß man zunehmend, Seite um Seite das Gefühl bekommt, da wird unterschwellig – und manchmal auch ganz schön direkt – versucht, dem Leser die eigene Deckweise nahezubringen. Frei nach der Devise Denke selbstbestimmt – Denke wie ich.

Und Welzer will für den Leser denken und dieses Denken ist tendenziös und führt leider wie so oft starr in die grün angestrichene antikapitalistische Konsumkritik. Auch wenn er den Hype um den Klimawandel und die Polkappenschmelzen abstrus findet und er deutliche Worte gegen unbedachte Hysteriemache und sinnloses Hochrechungen ins zeitlich Unendliche wählt, oft auch mit dem einen oder anderen scherzhaften Kommentar gewürzt, fallen Begriffe wie Nachhaltigkeit, ökologische Verantwortung und Ressourcenknappheit doch ein paar Mal zuviel und man merkt deutlich, in welche Richtung hier gedacht werden soll. Gerade dieses Tendenziöse macht das Lesen streckenweise anstrengend, langweilt und man fühlt sich als Leser nicht nur beleidigt, sondern auch bevormundet und betüddelt.

Die versprochene Anleitung zum Widerstand, die Welzer in dem Titel so lautstark ankündigt, bleibt aber über lange Strecken arg unter seinem Denken verborgen und die am Ende des Buches in 12 Regeln für den erfolgreichen Widerstand zusammengefaßten Quintessenzen seines Dozierens bleiben vage und stellen für den Großteil der Leser wohl keine Weltneuheit dar. Daß man Widerstand leisten sollte oder wenigstens kann, wenn man nicht einverstanden ist, liegt nahe. Und daß Bündnisse schließen hilfreich sein kann, wird der Leser auch schon des Öfteren erfahren haben.

Trotz allem kann man Welzer seine optimistische, motivierende Art nicht absprechen. Er will den Leser nicht nur mit dystopischen Vorstellungen einer seiner Ansicht nach ressourcenarmen, nicht-nachhaltigen Welt verschrecken, sondern schafft es auch, optimistische Aufrufe zu starten – und gerade diese optimistischen Aufrufe sind es, die den Leser bei dem Buch halten und ihn motivieren, es doch zu Ende zu lesen. Er stellt Beispiele von Menschen dar, die selbst gedacht haben, neue Konzepte und Ideen entwickelten und mit ihren Innovationen erfolgreich waren. Dabei wird zwar immer gern übersehen, welch’ großer Teil im Gegensatz dazu mit seinem Selbstdenken gnadenlos scheiterte, aber Welzer will ja motivieren.

Auch interessante Ausflüge in wissenschaftliche Gebiete wie der Neurobiologie und Gehirnforschung, in denen Welzer wissenschaftliche Fundamente für seine Thesen sucht, sind durchaus lesenswert. Aber eben nicht Kern des Buches. Und da liegt die Krux, denn würde sich der Leser allein für Neurobiologie oder Gesellschaftsforschung interessieren, dann würde er ein Buch zu diesem Thema lesen.

Man merkt dem Buch aber auch seinen wissenschaftlichen, fast universitären Duktus an. Leser, die hier nur mal ein abendliches, leichtes Sofa-Lektürchen suchen, sind mit diesem Buch deutlich schlecht beraten, denn trotz der oft kurzen Kapitel ist es stellenweise ein anstrengendes Lesen, weil Welzer mit Fachbegriffen nicht geizt und auch gern Adorno oder Kant zitiert. Vielleicht war das in Anbetracht dessen, was Welzer erreichen wollte – nämlich eine große Masse anzusprechen, die dann auch in der Lage ist, Widerstand zu leisten – nicht der beste Weg, denn so wird vieles, was er sich für den Menschen im Futur Zwei, wie er es immer wieder nennt, wünscht, verpuffen.

Für mich jedenfalls brachte das Buch wenig nennenswert Neues, es war nichts Revolutionäres, Aufregendes, Aufrüttelndes. Interessant zu lesende Passagen und Motivationsspritzen waren ein nettes Bonbon, aber das Selbstdenken muß ich mir nicht von Welzer abnehmen lassen.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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