»Der Arme Konrad« von Jürgen Seibold

Es ist in der Wende des 15. und 16. Jahrhunderts, als sich im Herzogtum Württemberg allerorts Bauernaufstände unter dem Banner des Armen Konrads zusammenrotten, um gegen die rabiate und ausbeuterische Politik Herzog Ulrichs zu protestieren und ihn zur Zurücknahme seiner Gesetze zu bewegen.

Inmitten dieser Wirren geraten auch zwei einst befreundete Männer in dem kleinen remstaler Dörfchen Beutelsbach in Streit um ein Mädchen. Der Schultessohn Jost Huetlin und der Sohn des Tagelöhners Gaispeter – der auch Anführer des Armen Konrads ist – Hannes Gais werben beide um die schöne Katharina, die aber nur Augen für Hannes hat, der aber deutlich mitteloser als sein begüterter Konkurrent ist. Als Hannes auch noch ein erfolgreicher Zimmermann wird und von allen geachtet und geschätzt ist, wächst der Neid des ehrgeizigen Josts ins Unermeßliche an.

Pünktlich zum 500. Jahrestag des Bauernaufstandes unter dem Banner des Armes Konrads im Jahre 1514 erscheint im Silberburg-Verlag der historische Roman »Der Arme Konrad« von Jürgen Seibold und 500 Seiten stark ist der Roman auch noch.

Es steckt eine enorme Recherchearbeit in diesem Buch und das merkt man der Geschichte an. Fundiert und mit reichlich Informationsmaterial gespickt, entfaltet sich das Leben der Gemeinde in Beutelsbach dem Leser Seite um Seite; war es doch Seibolds Anliegen, dem Leser gerade das Leben der einfachen Leute in der frühen Neuzeit – einer Zeit der Umbrüche, in der sich Entdeckungen, Revolten, Kriege und Erfindungen die Klinke in die Hand gaben – nahezubringen. Und so findet man nicht wirklich einen Protagonisten, um den sich die gesamte Handlung dreht, sondern es wird eher ein detailliertes Abbild aller Bewohner der Ortschaft (und auch der umliegenden württembergischen Flecken) gegeben. Man sieht, auf welche Weise ihre Leben miteinander verknüpft sind und wie sich ihr Schicksal entwickelte. Wenngleich es keine wirkliche Hauptperson gibt, liegt der Fokus doch zumeist auf der Schilderung des Lebens von Hannes Gais und seiner Liebesbeziehung zu der jungen Katharina. Da vermißte man doch streckenweise eine adäquate Lebensschilderung seines hitzköpfigen Kontrahenten Jost, der im Vergleich dazu, besonders in Anbetracht des angekündigten Konfliktes, geradezu knapp abgehandelt wurde.

Hier sehe ich auch einen der signifikantesten Schwachpunkte dieses eigentlich so guten Historienromans: er nimmt sich zuviel vor, will zuviel unter einen Hut bekommen, ansprechen und zeigen und verzettelt sich zunehmend. Vielen Punkten wird besonders zum Ende immer weniger erzählerischer Platz eingeräumt, sie werden schnell und emotionslos durchgehechelt, als müßte man jetzt alle Fäden noch schnell zu einem Knäuel zusammenknoten. Daß unter dieser thematischen Überlastung die gesamte Erzählung leidet, ist abzusehen. Dehnte sie sich zu Beginn stellenweise doch schon fast übertrieben in die Länge, weil man nahezu jeden wichtigen Beutelsbacher Bürger bis ins Detail vorgestellt bekam, verschoben sich mit Fortschreiten der Erzählung immer mehr die Ziele, die der Roman sich eigentlich stellte. Wo blieben die Schilderungen um den Armen Konrad?, mag man sich als Leser mehr als einmal fragen. Erst nach knapp 2/3 des Romans setzt die Handlung um den berühmten Bauernaufstand wirklich ein und wird im Vergleich zu dem vorangegangenen Teil sachlich und schulbuchmäßig abgehandelt. Auch der Konflikt zwischen Hannes und Jost, auf den erst hingearbeitet wurde, findet ein rasches und in meinen Augen auch arg konstruiertes Ende.

Das alles ist wirklich schade, denn es verleidete mir streckenweise doch arg den literarischen Genuß, man stolpert immer wieder über dramaturgisch schwache Stellen und Spannungslöcher. Es war verwirrend, nicht genau zu wissen, worauf man bei dem Roman hinaus wollte, was man wirklich darstellen wollte. Es sollte eine Lebensschilderung und ein Abbild eines Landlebens werden, in die sich ein geschichtliches Ereignis einfügt und an dem die Menschen maßgeblichen Einfluß haben, gemäß ihres Charakters und ihres Schicksals, aber leider werden diese Verbindungen nicht bis zum Ende gezogen, einige Fragen bleiben ungelöst und viel zu viele Personen werden, nachdem man sie so liebevoll und in Kleinstarbeit charakterisierte und ihnen Leben einhauchte, einfach fallengelassen.

Gerade in den beseelten Figuren liegt nämlich die Stärke des Romans. Sie sind allesamt sehr plastisch gezeichnet und geben gerade durch ihre Individualität dem Roman eine ganz besondere Zeichnung. Beutelsbach und seine Einwohner scheinen wie aus dem Leben gegriffen, eine kleine, authentische Lebensgemeinschaft zu sein, in der man gerade in dieser Zeit und unter den Umständen versucht, zusammenzuhalten und die Fähigkeiten der einzelnen Bewohner zum Wohl der Gemeinschaft zu nutzen. Hier gelingt Seibold ein wunderbares, farbefrohes und lebensnahes Abbild und gerade in diesen Schilderungen kommen auch die detaillierten Charaktere zur Geltung und machen das Lesen zu einem Erlebnis.
Auch sprachlich überzeugt die Geschichte fast durchweg, liest sich flüssig und leicht, sodaß er gut und gern für einfache, entspannende Leseabende gedacht ist. Seibolds Bemühungen um eine lesefreundliche Mischung aus historisch anmutender Sprachform und moderner Erzählweise sind durchweg gelungen und sind dem Lesefluß wirklich zuträglich. Weder wirkt es zu gestelzt, noch zu flapsig.

So sehr aber dieses Buch in der Schilderung der Menschen der Zeit und deren Schicksal brilliert, so sehr hängt es leider bei dem historischen Teil, dem er sich neben dem einfachen Volke auch widmen wollte. Recherchiert ist es reichlich, im Anhang finden sich eine Zeittafel und ein hilfreiches und aufschlußreiches Personenregister, aber doch wirkt die historische Schilderung um die Geschehnisse des Armen Konrads stellenweise wie ein Fremdkörper, der da jetzt einfach in der Beutelsbacher Geschichte noch stattfinden muß.

 

Ich danke an dieser Stelle dem Silberburg-Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars und Jürgen Seibold für die freundliche Signierung des Buches.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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