»Der freundliche Mr Crippen« von John Boyne

Es ist im Jahre 1910, als die Montrose, das Passagierschiff der Canadian Pacific Company, von Antwerpen Richtung Kanada, quer über den Atlantik, aufbricht. Unter ihren Gästen befinden sich zahlreiche illustre Persönlichkeiten, so auch Damen von Stand wie Mrs Drake und ihre Tochter Victoria oder der ruhige Mr Robinson und sein junger Sprössling Edmund. Ein paar Tage später macht sich der Londoner Inspektor Dew von Liverpool in dieselbe Richtung, der Montrose folgend, auf. Ein schrecklicher Verdacht drängt sich auf. Ist auf dem Schiff Dr. Hawley Crippen unterwegs, der in London wegen Mordes an seiner Frau, der Music Hall Sängerin Cora Crippen, gesucht wird? Wenn ja, sind die Passagiere auf der Montrose vor ihm sicher? Und ist er denn überhaupt schuldig?

 

Der britische Schriftsteller John Boyne ist seit seinem großen Erfolg »Der Junge im gestreiften Pyjama« eine fest etablierte Größe auf dem literarischen Parkett und konnte auch mit weiteren Romanen wie »Das späte Geständnis des Tristan Sadler« immer wieder überzeugen. 2013 erschien nun bei Arche Boynes literarische Aufarbeitung des historischen Kriminalfalles um den amerikanischen Arzt Hawley Harvey Crippen.

 

»Der freundliche Mr Crippen« heißt das über fünfhundert Seiten starke Buch und stellt das Leben des Arztes und das der Personen, die mit ihm in Kontakt kamen, umfassend dar. Es ist eine interessante Mischung aus Kriminalroman und Biographie geworden, die Boyne hier vorlegt. Beginnend bei der Jugend des schon früh an medizinischen Vorgängen interessierten, aber unter einer fast fanatisch religiösen Mutter aufgewachsenen Jungen, schildert er Crippens Leben stellenweise fast minutiös und detailgetreu, ohne dabei allzu stark von den biographisch verbürgten Fixpunkten abzuweichen, denn auch wenn es ein fiktionaler Text ist, darf nicht vergessen werden, dass hier ein Kriminalfall abgehandelt wird, der seinerzeit aufgrund der Brutalität der begangenen Tat und der Jagd quer über den Ozean als wahre Sensation galt, der sich Reporter aus aller Welt gierig widmeten.

Boynes Augenmerk liegt dabei deutlichst auf der Zeichnung der Charaktere, denen er reichlich Detailtreue angedeihen lässt. Hier liegt auch eine der Stärken des Romans, die trotz des Umfanges der Geschichte diese spannend und facettenreich werden lassen. Jede Person, die um Crippen ihr Leben hat und mit ihm in Interaktion tritt, wird beschrieben und charakterisiert. Kein Akteur im Fall Crippen bleibt blaß und konturlos oder wird zum bloßen Statisten degradiert.

Weiterhin vermeidet es Boynes, Schubladencharaktere zu gestalten und damit ein simples Bild von Gut und Böse zu entwerfen. Während viele Kriminalromane vom Schema »Held« und »Verbrecher« leben und ihre Personen daraufhin aufbauen, ist eine solche Konstellation hier nicht feststellbar und auch gar nicht vonnöten. Ich war erstaunt, wie menschlich jede Figur auf den Leser wirkte und, gerade das ist auch selten in diesem Genre, man nie geneigt war, einen Charakter aufgrund seiner Tat oder seines Lebensstiles halber zu verurteilen – ihn in eine typisierende Schublade zu stecken. Boynes Stärke war und ist – nicht nur in diesem Buch – eindeutig menschliche Schicksale und die Schilderung dieser. Ihm gelingt es, auch Seiten auszuleuchten, die unterzugehen drohen, weil sie den Sensationsfall um diesen grauenhaften Mord zu menschlich werden lassen würden. Aber gerade die Menschen sind der Mittelpunkt des Romans, nicht der Mord. Der Mordfall ist, und das ist Boyne wichtig, das Produkt der miteinander verknüpften Leben der Menschen, die damit nicht mehr klarkommen und versuchen, aus ihrem Elend zu entkommen. Das Leben wird realistisch geschildert, ohne stereotyp nur die eine oder andere Seite zeigen zu wollen.

Wenngleich der narrative Fokus eindeutig auf den Menschen und den Dialogen liegt, unterlässt es Boyne keineswegs, auch den Blick für die Kulisse der Jahrhundertwende aufzubringen und diese turbulente Zeit, in der vieles im Umbruch begriffen war (man denke nur an die Wandlungen in moralischen Fragestellungen zum Verhältnis zwischen Mann und Frau), zu schildern und diese Kulisse detailliert auszugestalten. Gerade für mich, die ich gern in solchen Zeiten schwelge, waren diese Schilderungen sehr schön zu lesen und bildeten einen angenehmen Rahmen für das Gesamtbild. Einzig die Sprache ist nicht immer ganz stringent an die Zeit angepasst und es fallen vereinzelt flapsige Kommentare, die aber vielleicht auch der Übersetzung geschuldet sind.

Ein weiteres Bonbon ist der dramaturgisch sehr gelungene Aufbau. Schon seit frühen Werken kennt man Boyne als einen Könner im spannenden Erzählungsaufbau. In Rückblenden und Zeitsprüngen verwebt er die Geschehnisse miteinander, verbindet Kriminalfall und Dews Jagd nach dem sympathischen Arzt mit der biographischen Erzählung und erst nach und nach ergeben die Episoden ein stimmiges Gesamtbild und es werden die Verbindungen zwischen den Leben der involvierten Personen klar. Dieser Aufbau ist der Dynamik und Spannung sehr zuträglich, die dadurch nicht von einer effektheischerischen, rasanten und vielleicht sogar noch brutalen Jagd leben müssen, sondern im Gegenteil dem Roman ermöglichen, trotz allem ruhige Töne anklingen zu lassen und die Zeit, in der er spielt, gediegen und authentisch darstellen zu können.

Boyne wählt eine abschließende Erklärung der Geschehnisse, die durchaus plausibel und möglich ist und ein rundes Gesamtbild der Geschichte gibt. Er macht sich hier den Umstand zu Nutze, daß der Fall um Mrs Crippens Tod bis heute Fragen aufwirft und nicht als gänzlich geklärt betrachtet werden kann. Und hier kommt die Fiktion ins Spiel, die Boyne geschickt und klug einzusetzen weiß.

Seitdem ich »Das späte Geständnis des Tristan Sadler« las, bin ich von Boynes schriftstellerischen Qualitäten überzeugt gewesen und auch mit diesem Buch (es erschien zwar schon 2004 und ich bin etwas verwundert, daß man mit der Übertragung ins Deutsche so lange wartete) konnte er mich wieder überzeugen. Die Geschichte war von Anfang bis Ende stimmig mit interessanten und klug gesetzten Wendepunkten, die Spannung kam auch nicht zu kurz oder wurde überstrapaziert und die Atmosphäre war einfangend.

Und so bleibt mir nur wieder zu sagen, daß John Boyne mit »Der freundliche Mr Crippen« wieder einmal mehr bewiesen hat, welch’ ein guter Schriftsteller er ist, mit einem exzellenten Auge für die menschlichen Probleme und die leisen Zwischentöne.

Ich danke dem Arche Verlag freundlichst für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

 

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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