»Vorsicht, Fisch kann Gräten enthalten! Bürokratischer Wahnsinn in Deutschland und der EU« von Ulrich Gineiger

Daß wir in Deutschland einen gut funktionierenden, sich selbst immer wieder beschäftigenden Bürokratieapparat haben, weiß jedes Kind.

Daß aber Fisch, den man an einer Fischtheke erwerben kann, durchaus Gräten enthalten kann, scheint man in Deutschland in Folge des Luxus’ entgräteter Fischfilets zu vergessen. Und wer haftet dann, wenn frei nach Wilhelm Busch (»Autsch! – Eine Gräte kommt verquer,/ Und Schmöck wird blau und hustet sehr;/ Und hustet, bis ihm der Salat/ Aus beiden Ohren fliegen tat.« Die Fromme Helene) der Fischesser sich an einer bösen Gräte verschluckt und die halbe Speiseröhre daran aufreißt? Oder wenn ein trauernder Hinterbliebener auf dem Friedhof, womöglich erschöpft vor dem Grab liegend, von dem Grabstein erschlagen wird? Auch gefährlich: ein Winzer, der die Weinreben, die an seiner Häuserfassade ranken, schneiden will. Seine Schere könnte seiner Hand entgleiten und einen auf dem Fußgängerweg befindlichen Passanten erschlagen.

Das alles könnte passieren. Irgendwann, irgendwo, irgendwie.

Einzige Lösung, die man in der deutschen Bürokratie sieht: verbieten oder so strenge Auflagen und Reglementierungen erlassen, daß die Menschen sich ihr Vorhaben selbst verbieten. Denn der deutsche Bürger muß vor sich selbst, seiner und andere Dummheit geschützt werden. Und das geht am besten über viele, viele Gesetze, Vorschriften und Richtlinien. Und davon gibt es trotz der Initiative Bürokratieabbau reichlich in Deutschland.

(emons-verlag.de)

 

Viele der Absurditäten der deutschen Bürokratie hat Ulrich Gineiger in seinem erst kürzlich im emons: Verlag erschienenen Buch mit dem treffenden Titel »Vorsicht, Fisch kann Gräten enthalten! Bürokratischer Wahnsinn in Deutschland und der EU« gesammelt und kommentiert. Dabei trug er viele der abstrusen Fälle bei seiner Tätigkeit als Redakteur im Deutschlandfunk zusammen, der zu diesem Thema auch eine eigene Serie machte.

So finden sich zu den (un-)möglichsten Themen Beiträge und Erfahrungen, wie beispielsweise im Gesundheitswesen, der Gastronomie und bei verschiedenen, angeblich höchst gefährlichen Berufen – wie zum Beispiel Hebammen. Die sind nämlich quasi für ein halbes Leben der von ihnen auf die Welt gehievten Kinder verantwortlich. Wenn mit denen was in der Pubertät nicht stimmt, so kann’s doch durchaus sein, das die Hebamme bei der Geburt was falsch gemacht hat.

 

Es ist ein kabarettistisches Buch, eine Schmunzel- und Lachlektüre, aber trotz allem, wie oft bei Satire und Komik, auch ernstzunehmen. Oft muß man mit dem Kopf schütteln und kann das, was man da lesen muß, einfach nicht glauben. Aber eine Suche ergibt, daß der Fall wohl wirklich so eingetreten ist und man da Gesetzen unterliegt, von deren Existenz man nicht die düsterste Ahnung hatte. Oder wer wußte, daß man ein Gesetz auf den Weg bringen wollte, der das Tragen von Dirdln verbieten wollte – Grund: das offenherzige Kleidungsstück bietet dem Dekolleté wenig Schutz vor einem Sonnenbrand. Selbstgebackenen Kuchen sollte man lieber nicht mehr in den Kindergarten mitnehmen; da die Hygiene daheim nicht von behördlicher Aufsicht gewährleistet werden kann, kann man sich nie sicher sein, daß der Kuchen nicht Erreger enthält. Weil es ja bei jeder zweiten deutschen Familie aussieht wie bei Hempels unter’m Sofa.

Gineiger kommentiert auf eine angenehme, scharfzüngige und satirische Weise, die einfach Spaß macht, dabei aber nicht von dem wirklich krassen Thema ablenkt und nur Lacher um der Lacher willen produziert. Er macht deutlich, welche Entmündigungsprozesse hinter der immer stärker werdenden Bürokratiemaschinerie stehen und welche Auswirkungen das auch langfristig haben wird. Denn Bürokratie, zuviel, zu oft und überall eingesetzt, hemmt schlußendlich kreative Vorstöße und läßt Rituale und Althergebrachtes eingehen wie eine Primel im Winter. Aber es wird auch deutlich, daß der deutsche Bürger, wie leider schon seit Jahren forciert, immer mehr in die Knie geht und entmutigt resigniert. Gineiger versucht aber auch Mut zu machen und die Bürger aufzurufen, sich zu wehren. Und noch dazu ein wichtiges Wort zu verbreiten: wer will, daß ihn der Bürokratiekrake nicht selbst auffrißt, sollte ihn auch nicht auf andere hetzen.

Ich danke dem emons: Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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