»Die blinde Kommissarin« von Patrizia Rinaldi

Italien.
Ein berühmter Schlagersänger wird nach einem seiner Konzerte tot in einem Stadion aufgefunden. In einer seltsam verkrümmten Haltung und mit Gras im Mund.
Inspektor Liguori und Kommissar Martusciello vom Kommissariat in Pozzuoli versuchen angestrengt den Fall zu lösen und dem Mörder auf die Schliche zu kommen. Unterstützung bekommen sie dabei von Polizeihauptmeister Blanca Occhiuzzi. Das Besondere an der engagierten und strebsamen Frau: sie ist seit ihrer Jugend blind. Die Welt nimmt sie mit sie mit anderen Sinnen wahr, wobei ihr professionell geschultes Gehör ihre spezielle Gabe ist. Sie ist in der Lage, feinste Nuancen in allen möglichen Tönen herauszuhören. Ob jemand lügt oder Angst hat – sie hört es heraus.
Doch der Mord scheint kein einfacher Serienmörderfall zu sein und zunehmend geraten auch die Ermittler in Gefahr.

 

(ullsteinbuchverlage.de)

(ullsteinbuchverlage.de)

Patrizia Rinaldi, 1960 in Neapel geboren, ist durchaus keine Unbekannte im Genre des Kriminalromans. Mit ihrem neuen Werk »Die blinde Kommissarin« (Ullstein) beginnt die Kriminalreihe um Blanca Occhiuzzi.
Nach einem Studium der Philosophie widmete sich Rinaldi vorrangig dem Schreiben von dramatischen Werken, ehe sie sich dem prosaischen Schreiben zuwandte und verschiedene Kriminalromane und Kinderbücher veröffentlichte.

 

»Italienisches Flair, eine Stadt voller Geheimnisse und eine neue sympathische Kommissarin – dieser Kriminalroman lässt Sie von einem Italienurlaub träumen.«

Na, das klingt doch vielversprechend, was Ullstein da im Klappentext verspricht. Schade nur, daß der Leser davon doch vieles eben nicht bekommt. Sicherlich, man findet eine solide, wenig aufgeregte Kriminalhandlung, die vor dem malerischen Hintergrund der schönen italienischen Landschaft spielt, aber leider scheint es nicht das Anliegen der Autorin zu sein, Sehnsüchte beim Lesen wecken zu wollen. Ganz im Gegenteil werden die Bilder eher trist und düster gezeichnet und selten hat man den Wunsch, die Gegend, in der der Roman spielt, näher erkunden zu wollen. Ein Schwelgen in Urlaubsträumen ist bei diesem Krimi eher fehl am Platz. Wieder mal ein Fall von »Zuviel versprochen«.

Eine wirkliche Hauptperson gibt es nicht und überraschenderweise wird der erzählerische Fokus nicht, wie vom Titel erwartungsvoll angekündigt, auf die blinde Blanca gelegt, sondern vielmehr kommen Martusciello und Ligouri ins Rampenlicht und können schließlich auch den Fall knapp lösen. Blanca fungiert da doch eher als stille Zuarbeiterin, die ein paar Gedanken einbringt und das Geschehen teilweise aus ihrer Sicht- beziehungsweise Hörweise schildert. Das versprochene Talent der Ermittlerin kann schlußendlich nur wenig beitragen und man bekommt zunehmend das Gefühl, daß die eigentliche Protagonistin immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird und nur wenig Aktionsfreiraum bekommt – und wenn sie doch handeln darf, dann ist es weniger auf den Fall als auf ihre Beziehung zu Liguori bezogen.

Trotz allem kann man dem Roman eine recht ehrliche und authentische Personenkonstellation attestieren, die einen bunten Personenkatalog aller möglichen Typen und Charaktere umfaßt. Man findet egozentrische, offenherzige, tölpelige und verbissene Typen, die auf ihre Art und Weise miteinander und mit der Welt umgehen müssen. Dabei werden sie sehr detailliert gezeichnet und auch immer wieder ein Blick auf ihr Leben gegeben, der sie greifbar macht.
Allerdings haftet fast allen Personen, bis auf den etwas naiven Polizisten Peppino, ein durchweg depressiver und fast aggressiver Nimbus an. Sie wirken dauergenervt, distanziert und sind nicht in der Lage, ein wenig Wärme gegenüber ihrem Gegenüber spüren zu lassen. Das korrespondiert allerdings auch passend mit der Gesamtstimmung des Romans, der schon einen recht morbiden Grundtenor anstimmt, der sich auch im Laufe der Geschichte nicht bessert. Die Personen scheinen oft getrieben und wenig selbstbestimmt zu agieren und wirken trotz ihrer guten Charakterisierungen des öfteren schablonenhaft.

Der große Kritikpunkt ist die fehlende Spannung. Lange Zeit plätschert die Handlung nur vor sich hin, die Protagonisten rennen von A nach B, Blanca fängt ein Techtelmechtel mit Liguori (vorhersehbar und in meinen Augen völlig unnötig, wenngleich man Parallelen zum Lotterleben von Vialdi, dem toten Sänger, ziehen kann) an und allerlei Verdächtigte werden vorgestellt. Im Grunde kann man sagen, daß der Krimi fast 150 Seiten Langeweile aufzuweisen hatte, die den Leser, der sich hier eine spannende Lektüre unter Italiens Sonne erträumt, enttäuscht und ihn möglicherweise nach den ersten 50 Seiten das Buch abbrechen läßt. Da kann auch das wirklich intelligente und packende Ende nicht mehr viel reißen.

Die sprachliche Ausgestaltung wird das zweite Kriterium sein, das so einige Leser an dem Buch verzweifeln lassen wird. Ein einfaches, eingängiges Werk, daß man mal bequem vor dem Einschlafen lesen kann, wird einem hier keineswegs vorgelegt. Vielmehr wird hier wahre Satzakrobatik betrieben, die den Leser manchmal schon an seinem eigenen Verständnis zweifeln lassen. Besonders die Schilderungen des Mörders, die aus der Ich-Perspektive geschehen und das wahnhafte Verhalten widerspiegeln sollen, sind da ganz besondere Präzedenzfälle. So finden sich Sätze wie

»Ich will dich noch einmal töten. Aber das geht nicht. Wiederholungen habe ich mir nicht zugestanden. Den Tod hast du bereits kennengelernt: der hängende Kopf, das leichte Flüstern, der endgültige Schlaf, wie nach einem Stundenplan, das winzige, unauffällige Loch in der Mitte des Muttermals. Und dann heißt es immer, Mörder haben keinen Humor: Dabei lache ich doch, siehst du es nicht? Ich lache.« (S. 88)

In diesem fast kryptischen Tonfall ist der Roman nahezu durchgängig aufgebaut. Wortbilder, Metaphern, Symbole und Verschlüsselungen – auch in den Gesprächen untereinander – sind die Füße, auf denen der Roman steht. Das kann sehr interessant sein und lockt einen auf der Suche nach dem Mörder unweigerlich immer wieder in falsche Richtungen, da man anhand der Ich-Schilderungen nur schwerlich deduzieren kann, wer da eigentlich spricht. Es ist aber auf die Dauer, gepaart mit der mangelnden Spannung, auf Dauer sehr ermüdend und man verliert rasch die Lust, dem noch weiter zu folgen.

So kann ich abschließend nur sagen, daß es schade ist, daß ein so wortgewaltiger Roman, der zwischen den Zeilen schlummert, sein Potential schlußendlich doch verschenkt. So ist es mittelmäßiger Kriminalroman geworden, den man lesen kann, wenn man Interesse hat, sich durch einen Wortdschungel zu wühlen, aber nicht, wenn man einen spannenden Krimi sucht.

Ich danke BloggDeinBuch und dem Ullstein Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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