Jonas Jonasson: »Die Analphabetin, die rechnen konnte«

»Eine Atombombe auf der Flucht. Mitten in Schweden. Zwanzig Jahre lang.« (S. 396)

Die Afrikanerin Nombeko Mayeki ist mit überdurchschnittlicher Intelligenz ausgestattet und kann wahrlich gut rechnen. Doch leider wird ihr Talent nicht erkannt, denn sie wurde zur falschen Zeit am falschen Ort geboren: in der Zeit tiefster Apartheid im südafrikanischen Soweto, ist ihr Leben als Latrinentonnenträgerin bestimmt. Sie findet in einem Bewohner ihres Slums einen Lehrer, der ihr das Lesen beibringt, sodass sie auch nicht lang Analphabetin bleiben muss. Derselbige vermacht ihr mit seinem unfreiwilligen Tod auch noch unfreiwillig seine Sammlung an Diamanten.

Als die junge Nombeko Soweto verlässt und sie sich durch Johannesburg schlägt, wird sie von dem alkoholisierten Ingenieur van der Westhuizen angefahren und weil sie als Schwarze zur damaligen Zeit selbstverständlich Schuld an dem Unfall trug, prompt zur Putzfrau bei van der Westhuizen erklärt. Dort kann sie sich rasch aufgrund ihrer Fähigkeiten unabdingbar machen – ist der Ingenieur doch nicht gerade besonders hell ist und auch rechnen zählt nicht zu seinen Stärken. Zusammen mit drei Chinesinnen, die das Kunstfälschen zu ihrem Handwerk zählen, versucht sie die Jahre bei dem Ingenieur zu überstehen und ist nebenbei noch am Bau von Atombomben, die Südafrika als Atommacht etablieren sollen, beteiligt. Eine der Atombomben kommt nach dem Ableben van der Westhuizen (er wurde dreimal überfahren) auf Irrwege und landet bei der inzwischen nach Schweden gezogenen Nombeko, der nun der Mossad auf den Fersen ist. Schließlich sollte die Atombombe nach Israel kommen. Die Afrikanerin findet in Holger, der seinem Zwillingsbruder selbigen Namens bis auf’s Haar gleicht, jedoch nur um einiges intelligenter ist, aber leider auch nicht existiert, da sein Vater es bei ihrer Geburt nur für nötig erachtete, einen Sohn – Holger 1 – offiziell anzumelden, einen Freund und Gefährten. Zusammen mit seinem königshassenden Bruder Holger 1 und seiner auf alles und jeden zornigen Freundin Celestine machen sich Nombeko und Holger 2 auf, die Atombombe irgendwie loszuwerden, ohne dabei gleich halb Schweden auszulöschen oder sie mit Holger 1 und Celestine unbeaufsichtigt zu lassen, die die Bombe am liebsten dem König auf’s Schloss werfen lassen würden und damit ebenfalls halb Schweden auslöschen würden.

Vier Jahre soll Jonas Jonasson an seinem eben erschienenen Roman gearbeitet haben. Der schwedische Schriftsteller, den bis zu seinem erfolgreichen Debütroman »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« (der im Frühjahr als Film in die Kinos kommen soll) niemand kannte, schlug mit ebendiesem Buch vor zwei Jahren ein wie eine Bombe. Mehrere Wochen behauptete sich der amüsante Schelmenroman um den alten Greis Allan Karlsson auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Klar, dass die Messlatte für einen zweiten Roman hoch liegt. So fragte ich mich auch, ob »Die Analphabetin, die rechnen konnte« (carl’s books, 2013) mich ebenso mitreißen und begeistern kann, wie es das Debüt schaffte.
_DSC1332

Eines ist klar: mit Nombeko Mayeki hat Jonasson eine würdige Nachfolgerin Allan Karlssons geschaffen, die liebenswürdig ist, aber auch genauso gewieft und offenen Auges ist und mit ihren Aktionen die Welt ein stückweit aus den Angeln haben kann und mit den Mächtigen per Du ist. Wie man es aus dem Schelm(innen)roman gewohnt ist, bleibt ein Schelm selten allein und so sammeln sich um Nombeko noch allerhand weitere illustre Personen ein, die allesamt durch die Bank so liebenswert gezeichnet sind. Manch’ einer wird gar mit Freude überzeichnet und karikiert – so geschehen beim König Carl Gustaf und dem Herrn Ministerpräsidenten, wobei letzterer hemdsärmelig freiwillig den Küchenboden im Haus einer selbsternannten Gräfin – der Großmutter jener ewigzornigen Celestine – schrubben darf, während der König, ein naturverbundener und automobilversessener Mann, Traktorenmotoren repariert und Hühner rupft.

Wie man es auch bei Jonasson kennt, werden große Geschichten erzählt und Ereignisse intelligent und überaus originell miteinander verbunden. Da kann es schon mal vorkommen, dass eine etwa achthundert Kilogramm schwere Atombombe von drei Chinesinnen absichtlich mit zehn Kilogramm Antilopenfleisch verwechselt wird und dann an die falsche Adresse ab nach Schweden geht, wo sie dank strengster bürokratischer Regularien prompt an Nombeko überstellt wird. Oder dass sich der schwedische König, sein Ministerpräsident, eine nicht ganz so gräfliche Gräfin, ihre revolutionäre Enkelin mitsamt ihrem republikanischen Freund, sowie dessen gemäßigter Bruder und Nombeko bei einer Flasche Selbstgebrannten zusammenfinden und über eben jene Atombombe und deren Verwertung plaudern.

Der gewohnt lakonische, prägnant-kurze und nicht selten humoristische Schreibstil nimmt der ganzen Erzählung ihre Dramatik und Ernsthaftigkeit und lässt den Leser glauben, das sei doch alles nicht so schlimm, ja, es sei alles nur eine unterhaltsame Posse. Und das ist es dann auch – fast vierhundertfünfzig Seiten lang. Selten gibt es Durchhänger oder Stellen, an denen man sich als Leser langweilt oder nicht gut genug unterhalten fühlt; viele Twists und Wendungen machen die Erzählung immer wieder auf’s Neue spannend und unterhaltsam und zeigen den Spaß, den Jonasson am Erzählen und Fabulieren haben muss. Unterhaltung steht bei der »Analphabetin, die rechnen konnte« eindeutig an oberster Stelle.

Allerdings war ich diesmal von der Titelgebung enttäuscht, die zwar ganz im Stil des Debütromans mit einem aufmerksamkeitsfangenden Relativsatz daherkam – und damit auch aus der fast schon eintönig wirkenden Literaturlandschaft der Ein- oder höchstens Zwei-Wort-Titel herausstach – aber dessen Pulver schon nach den ersten Seiten verpufft. Denn Nombeko befreit sich sehr rasch aus dem Analphabetismus, indem sie bei dem alten Mann in Soweto Lesen lernt und auch während ihres gesamten Lebens, das im Roman über fünfzig Jahre umfasst, so jede Bibliothek leerliest, die ihr auf ihrem Weg denselbigen kreuzt. Das mindert diese Spannung auf den Gegensatz wie beispielsweise bei dem greisigen Allan, der doch die Energie hat, aus dem Fenster seines Altenheimes zu klettern und Schweden unsicher zu machen, doch sehr und nimmt dem Titel viel des ihm innewohnenden (Sprach-)Witzes.

Aber die Erzählung kann wieder rundum überzeugen und braucht den Vergleich mit seinem Vorgängerroman nicht zu scheuen. Jede Seite spart nicht mit Witzen und versteckten Anspielungen. Und diese Witze sind oft auch durch einen klugen und gewieften Umgang mit der Sprache und ihren Finessen entstanden, sodass ich hier auch lobend die Übersetzerin Wiebke Kuhn erwähnen möchte. Auf alle Fälle hat man auch mit der »Analphabetin. die rechnen konnte« viel und vor allem andauerndes Lesevergnügen, sodass ich guten Gewissens dieses Buch jedem weiterempfehlen kann. Und vielleicht bringt dieses Buch den einen oder anderen Leser, der sich noch nicht den »Hundertjährigen« zu Gemüte führte, dazu, sich auch dieses Buch vorzunehmen.

Ich bleibe aber auch gespannt, ob Jonasson sein Brot weiter als Schriftsteller verdienen wird und wenn ja, welche Bücher man von ihm als nächstes erwarten kann. Die Süddeutsche erwartet auf jeden Fall mal neue Ideen, wenn sie in einem Artikel zu Jonassons Buch schreibt: »Für sein drittes Buch aber, so viel ist sicher, wird er sich etwas ganz Neues ausdenken müssen. Damit seine Leser nicht klammheimlich aus dem Fenster steigen und verschwinden.« (sueddeutsche.de)

Aber eines ist gewiss: so wie der »Hundertjährige« wird sich auch das Rechengenie Nombeko lange Zeit an der Spitze der Bestsellerlisten behaupten dürfen.

Ich danke carl’s books (Random House) für die Zusendung des Rezensionsexemplares.

Euch wünsche ich noch einen besinnlichen zweiten Advent!

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

Advertisements

2 Kommentare zu “Jonas Jonasson: »Die Analphabetin, die rechnen konnte«

Schreibe einen Kommentar.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s