Lisa O’Donnell: »Bienensterben«

Marnie und Nelly sind Geschwister. Ihr Leben in Glasgow ist kein einfaches und geprägt von Drogen, Gewalt und Vernachlässigung durch ihre Eltern, die sich lieber zudröhnen und durch die Gegend ziehen, als sich um ihren Nachwuchs zu kümmern.

Am Heiligabend entdecken die beiden jungen Mädchen erst ihren Vater erstickt in seinem Bett vor und später die Mutter, die sich im Schuppen erhängte. Um keinen Verdacht zu erregen, vergraben sie ihre Eltern im Garten in einem Lavendelbeet. Vermissen wird die beiden sowieso niemand.

Schon bald finden die Mädchen, die nun versuchen, sich allein durch das harte Leben zu schlagen, Unterschlupf bei ihrem angeblich perversen Nachbarn Lennie, der sie bereitwillig bei sich aufnimmt und für sie zu einer Ersatzfamilie wird. Bis der Großvater Marnies und Nellys auftritt und es für die beiden immer schwieriger wird, ihr gemeinsames Geheimnis, dass da im Garten unter dem Lavendel vor sich hinfault, vor den neugierigen Fragen ihrer Umwelt zu verbergen.

»Heute ist Weihnachten. Heute hab ich Geburtstag. Heute werd ich fünfzehn. Heute hab ich meine Eltern im Garten begraben. Geliebt wurden sie beide nicht.«

Der Beginn der Geschichte ist ein ungewöhnlicher –  und ungewöhnlich, wenn nicht gar manchmal arg grotesk, geht es weiter, wenn Marnie und Nelly ihre toten Eltern zu gutem Dünger für den liebgewonnenen Lavendel, der vielen Bienen als Unterschlupf dienen soll, erklären und monatelang versuchen, den widerlichen Leichengestank aus der Wohnung zu bekommen. Hätten sie nur ihren Junkie-Vater Gene nicht so lang in dem Bett, in dem er erstickt wurde, liegengelassen, dann wäre diese ganze Sauerei im Hause nicht gewesen!

Wie man es von einer auf der britischen Insel aufgewachsenen Autorin erwarten kann, leuchtet typisch britischer Humor hier an allen Ecken und Kanten deutlich hervor und macht auch vor dem Tod zweier Menschen nicht halt. Hier werden Klischees und typische Eigenarten auf die Schippe genommen und bloßgestellt. Und trotzdem bleibt ein bitterer, übler Nachgeschmack.

Lisa O’Donnells Debüt (erschienen bei DuMont) mit dem klangvollen Namen »Bienensterben« (OT: The Death of Bees) ist mehr als nur eine Erzählung über die Vernachlässigung zweier Mädchen in einem kriminellen und heruntergewirtschafteten Stadtteils des schottischen Glasgows. Es ist eine Schrift für mehr Menschlichkeit und die Liebe zweier Geschwister, die doch auf den ersten Blick so verschieden zu sein scheinen. Während Marnie die bodenständigere, aber auch deutlich ruppigere und körperbetonte von beiden ist, schwebt die zierliche Nelly in anderen Sphären, liebt es, sich in die Welten von Harry Potter zu träumen und achtet sehr auf ihre Wortwahl, was ihr im rauen Umgang der Menschen miteinander nicht selten Hohn, Spott und Unverständnis einbringt. Trotzallem halten die beiden zusammen und mehr als einmal wird deutlich, wie sehr sie sich brauchen und lieben.

Ihr alter Nachbar Lennie, der einst mit einem Stricher erwischt wurde und nun von seiner Umwelt als »Perverser« abgestempelt und gemieden wird, nimmt sie bei sich auf und gibt ihnen das Gefühl einer Familie.

Aus immer wieder wechselnden Perspektiven der drei Protagonisten werden die Geschehnisse eines ganzen Jahres – Marnies 15. Geburtstag und den Tod der Eltern zu Weihnachten als Beginn – erzählt. Diese Perspektivwechsel gestatten Einblicke in die Geschichte, wie sie sonst in der Art nicht möglich werden, aber sie lassen fast nur subjektive Schlüsse zu. Oft werden angebliche Tatsachen durch die eine in den Raum gestellt, die die andere in ihrer Sichtweise wieder dementiert. Diese Subjektivität und das Spiel mit falschen Fährten und Verwirrungen ist sehr interessant und auch bis zum Schluss gut durchgeführt.

Eine besondere Freunde ist es auch, die Entwicklung der Charaktere zu begleiten, denn O’Donnell legt bewusst auch den Fokus darauf, zu zeigen, welche Entwicklungsmöglichkeiten auch bei angeblich so verlorenen Menschen wie Marnie, Nelly und Lennie möglich sind. Und gerade bei den beiden jungen Mädchen bekommt man das Gefühl von Authentizität beim Lesen. Sie scheinen oft wie aus dem Leben gegriffen, sei es in der Sprechweise oder in ihrer Art sich zu verhalten.

Interessant und gerade bei dieser Thematik auch sehr angebracht, sind Überlegungen zu Gut und Böse und der Schuldfrage des Einzelnen. Während der herzensgute Lennie, der nur aus einer sexuellen Orientierung sich einen moralischen Fehltritt leistete (mit dem auch sein Leben lang hadert) für immer von der Gesellschaft als Perversling plakatiert ist und man ihm den guten Umgang mit den beiden Mädchen nicht glauben will, sollen dem angeblich geläuterten Großvater, dem man durchaus Schuld an dem Verfall seiner Tochter geben kann, das Sorgerecht für die beiden Kinder anvertraut werden.

Der Roman ist ein wirklicher starker und auch einer, der trotz seiner humorigen Art, düster und schwer wirkt, denn die Thematik ist leider zu oft zu allgegenwärtig. Seine Stärke ist der Anfang, der wirklich fulminant, rasant und vor allem direkt ist. Direkt und wortgewaltig bleibt der Roman auch und selten wird ein Blatt vor den Mund genommen. Aber seine Stärke und seine Bildgewalt nehmen im Laufe der Erzählung leider zum Teil stark ab und es verläuft sich am Ende in ein Friede-Freude-Eierkuchen-Ende, das so gar nicht passen will und wie gemalt daherkommt. So schloss ich nach über 300 spannender und interessanter Seiten ein wenig unbefriedigt das Buch. Es ist schade, denn in dieser Erzählung steckt Dynamit und Potential, könnte es das nur stringent bis zum Ende durchhalten.

Ein kleiner Wermutstropfen als Buchlieberhaber, der ich mir auch das Buch als Gestaltungsobjekt vornehme: die erhabenen Buchstaben und das Coverbild wurden wie gewohnt aufgeklebt, doch das diesmal leider nicht wirklich gut und so begannen sich während des Lesens mit besonderer Vorliebe die Buchstaben von ihrem eigentlichen Platz zu lösen. Schade für die Optik des Buches.

Ich danke dem DuMont Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares und euch für’s Lesen!

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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