»Ein Schmetterling im November« von Audur Ava Ólafsdóttir

Eine junge Frau reist quer durch Island auf der Suche nach ihrer Identität. Mit dabei sind der kleine, fast taube, vierjährige Sohn ihrer besten Freundin, den sie für die Zeit ihres Klinikaufenthaltes wegen ihrer Schwangerschaft in ihre Obhut gab, und ein paar gestrandete Goldfische sowie eine überfahrene Gans im Kofferraum ihres Automobils.

Was skurril klingt, ist eine durchaus berührende Geschichte über eine besondere Beziehung zweier Menschen, die anfänglich nicht unterschiedlicher sein könnten und die beide eine ganz unterschiedliche Auffassung von Sprache haben. Während die bis zum Schluss namenlos bleibende in Island lebende Protagonistin als Übersetzerin arbeitet und den Umgang mit dem geschriebenen Wort in mehreren Sprachen nahezu perfekt und fehlerfrei beherrscht, kommuniziert der kleine Tumi aufgrund seiner Behinderung eher über Bilder und die Zeichensprache. So müssen beide erst eine gemeinsame Ebene der Kommunikation finden und von einander lernen, was es heißt, einen anderen Menschen wirklich zu verstehen.

Kommunikation – denn das ist eine der schwierigen Punkte in dem Leben der Protagonistin. Viele ihrer Beziehungen zu Männern scheitern an ihrer mangelnden Kommunikationsfähigkeit und auch wenn Männer sich von ihr angezogen zu fühlen scheinen wie das Licht die Motten anzieht, so sieht sie diese Beziehungen doch immer mit einer fast unangenehm wirkenden Distanz. Aus diesem Grunde verlässt sie auch ihr Mann nach einer mehrjährigen Ehe, um mit seiner Arbeitskollegin, die von ihm ein Kind erwartet, zusammenzuziehen.

Die Protagonistin entschließt sich daraufhin, eine längere Reise durch Island zu unternehmen, um Weihnachten in einem Haus zu verbringen, dass sie in der Lotterie gewann. Vor ihrer Abreise wird ihr von einer Wahrsagerin prophezeit, drei Tiere würden auf ihrer Reise sterben und drei Männern würde sie begegnen, ehe sie den Richtigen träfe.

Unter diesen Vorzeichen beginnt ihre Fahrt mit dem kleinen Tumi durch das nass-kalte Island eines Novembers.

 

(Quelle: suhrkamp.de)

Den Roman fassen zu wollen, ist für den Großteil der Leser sehr schwer und er verschließt sich, wie seine Protagonistin, einer einfachen Deutung, einem einfachen Verständnis. Die Sprache ist wie die Gefühle der jungen Frau, stetig distanziert, kühl und nüchtern. Dabei könnte man meinen, dass man durch den Blickwinkel, der durch den personalen Schreibstil aus Sicht der Frau resultiert, einen Einblick in das Gefühlsleben der Frau bekommen könnte; doch dem ist nicht so. Die Erzählung gleicht stellenweise eher einem Gedankenprotokoll, in dem die Protagonistin die Dinge aufzählt, die sie wahrnimmt, Gesprächsfetzen aufzeichnet und in ihren Augen Unwichtiges einfach beiseite lässt. Ebenso wird mit Belieben zwischen Wirklichkeit und Fantasie hin- und hergesprungen, ohne das beides wirklich klar voneinander getrennt wird. So entstehen zum Teil große Lücken und eine stringente Erzählung, die beim Leser keine oder nur wenig Fragen oder Verwirrungen aufkommen lässt, wird von vornherein unterbunden. Auch die fehlende Namensnennung jeglicher Personen, bis auf den Ex-Mann, die Freundin Audur und ihren Sohn Tumi, sorgt bisweilen für Verständnisschwierigkeiten und Verwirrungen, besonders bei den zahlreichen Männerbekanntschaften der Protagonistin. Gerade diese Aspekte machen einen reibungslosen Einsteig in die Geschichte schwer. Bleibt man aber darüber und lässt sich von anderen Dingen nicht ablenken, so findet man nach einigen Seiten doch Zugang zur Geschichte und dem eigentümlichen Stil. Langsam beginnt sich, besonders mit Eintreffen des stillen und beinahe zu lieb wirkenden Tumis, eine schöne, rührende Geschichte zu offenbaren und, unterstützt durch eine zweite Erzählebene, die Einblicke in die Vergangenheit der Protagonistin gewähren lässt, versteht der Leser, was die distanzierte Haltung der jungen Frau zu ihrer Umwelt ausgelöst haben mag.

Die Geschichte ist neben den Lücken und Gedankensprüngen auch von einer starken Präsenz von Metaphern und Sinnbildern gezeichnet, die dem Leser oftmals auch auf den zweiten Blick nicht wirklich klar werden und so der Geschichte eine zweite Deutungsebene zuteil werden lassen. Die Reise durch Island kann so auch als Lebensweg der Protagonistin bis zu dem Punkt ihrer Entscheidung gedeutet werden und alles, was ihr auf dieser reise widerfährt, ist ein Teil ihres Lebens. Diese Reise muss ihr ihre eigene Individualität aber auch erst vor Augen führen und dafür steht ebenso der junge Tumi. Viele Sinnbilder bleiben auch verschlossen und ich vermute, dass es oftmals Bilder sind, die einem isländischen (oder breiter gefasst: nordischen) Leserpublikum durchaus vertraut sind, für einen deutschen Leser aber für Verwirrung und Unverständnis sorgen. Ich denke, da wäre ein kleiner Glossar oder Hinweis angebracht gewesen.

Neben der das Lesen erschwerenden Distanz gibt es aber auch immer wieder Lichtblicke im Leben der jungen Frau und Tumis, in der man die Zuneigung der beiden zueinander spüren kann und die auch zu komischen und rührigen Szenen führt. Gerade diese Episoden motivierten auch mich immer wieder, doch genauer zu lesen und das Buch nicht wegzulegen. Die Stärke des Romans liegt eindeutig in der Mitte der Erzählung – da ist sie am facettenreichsten, klarsten und strukturiertesten. Aber gerade Einstieg und Ende waren doch eher durchwachsen. Gerade das Ende warf noch mehr Fragen auf, als das es klären konnte und der Leser bleibt mit seinen Vermutungen um die Protagonistin zurück. An sich ein klug durchdachter Schachzug, aber zu viele Ungereimtheiten und lose Enden, die einfach auf- und dann wortlos verworfen wurden, baumeln aus der Geschichte ins Bodenlose. Man hat das Gefühl, die Autorin selbst habe wichtige Aspekte in ihrer Geschichte vergessen, was einen bedauernswerten Zustand darstellt, da der Roman durchaus seine schönen Seiten hat, auch, oder gerade weil er nicht ins Klischee der sonst publizierten (Frauen-)Romane, die dieses Problem schildern wollen, passt. Er ist unkonventionell, still, distanziert und oft einfach emotionslos. Und trotzdem bewegend und aufrüttelnd.

Zum Schluss hat die Autorin noch eine kleine Sammlung verschiedener Rezepte für Speisen, die im Buch erwähnt wurden, beigelegt. Viele davon sind, auch wenn sie nicht den typischen Rezepten entsprechen, durchaus nachkochbar, einige sind mit einem Augenzwinkern und nur auf dem Papier zu genießen (wie beispielsweise die Anleitung zu einem »ungenießbaren Kaffee«). Diese Idee ist durchaus nett und kann einem den einen oder anderen Abend noch versüßen und Lust auf Island mit seiner Kultur machen, aber es wäre auch verzichtbar gewesen.

Im Grunde bin ich mir bei der endgültigen Bewertung recht unschlüssig – es war ein durchwachsenes Buch, das schnell zwischen literarischer Höchstleistung und tiefen Fall schwankte. Leichte Lektüre war es keineswegs, aber auch kein schwerer Brocken, bei dem man am Tag nur drei Seiten weiterkommt und ihn dann vor Ermüdung aus der Hand legen muss.

Wer ein anspruchsvolleres Buch sucht, dass sich auch etwas vom üblichen Bestsellerlistenliteraturkreis bewegt, der ist hier durchaus gut aufgehoben.

 

Ein Dank an dieser Stelle an den Suhrkamp Verlag (Insel) für die Übersendung des Rezensionsexpemplares und lovelybooks.de für die Ausrichtung der Leserunde.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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2 Kommentare zu “»Ein Schmetterling im November« von Audur Ava Ólafsdóttir

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