»Heiß« von Gerd Schilddorfer

Wo ist die Verbindung zwischen einem ermordeten Siemensmitarbeiter in Berlin, einer einem hinterhältigen Anschlag zum Opfer gefallenen Archäologin in Alexandria und einem Mord an einem weisen Mann im Hindukusch?

Endlich gibt es den zweiten Band um den alten Haudegen und Piloten John Finch. Und er trägt, passend zur Geschichte, den kurzen, prägnanten Namen »Heiß«. Und heiß geht es hier eindeutig zu. Heiß und rasant.
Gerd Schilddorfer, der bereits mit dem Vorgängerband »Falsch« (Hoffmann und Campe) eine treue Lesergemeinde um sich versammeln konnte, wartet nun in diesem im Oktober erschienen Buch mit einer neuen, spannungsgeladenen Erzählung auf, die den Leser über die Kontinente führt – von Deutschland und Großbritannien über Frankreich und den Hindukusch bis hin in das geliebte Land Finchs: Afrika.
Alles beginnt mit einem grausamen Mord an einem weisen Mann im Hindukusch. Ermittlungen seines Freundes Salam Shabbir werden unterbunden und er selbst soweit unter Druck gesetzt, dass er um sein Leben und um das seiner Liebsten fürchten muss. So wendet er sich voller Verzweiflung an Llewellyn, der ihm verspricht, ihm zu helfen. Und so wird John Finch, der sich gerade wieder nach Ägypten ging, um dort seine Wurzeln zu finden, von ihm kontaktiert und mit der extrem gefährlichen Aufgabe betraut.
Währenddessen wird in Berlin einem Mitarbeiter von Siemens kaltblütig die Kehle durchgeschnitten – scheinbar grundlos, doch der Kommissar Thomas Calis folgt de Fährte bis nach Frankfurt und kommt einem Geheimnis auf die Spur.
Doch was verbindet diese lokal so weit voneinander spielenden Schauplätze miteinander? Und was hat der berühmte Schriftsteller T. E. Lawrence mit all dem zu tun?

Gerd Schilddorfer ist ein Mann der großen, umfassenden und tiefgehenden Romane. Seine Geschichten in wenigen Worten zusammenfassen zu wollen, ist schier ein Ding der Unmöglichkeit. Der spielerische Umgang mit den verschiedensten Charakteren – an denen Schilddor-fer nun wahrlich nicht spart – macht die Geschichte so interessant. Auch wenn manche Perso-nen nur kurzweilig auftreten und nur eine kleine, kurze Episode in dem Ganzen einnehmen, so wird sich ihnen und ihrem Charakter doch den Umständen entsprechend umfassend angenommen und der Leser bekommt das Gefühl, alles Notwendige über diese Person zu erfahren. Außerdem, und das schätze ich bei Schilddorfers Romanen auch sehr, geht er nicht getreu dem Motto, das man in vielen Erzählungen vorfindet, vor: »Führe jede Hauptperson immer zu Beginn der Erzählung ein.« Bei ihm kann es durchaus passieren, dass man einen der Protagonisten erst recht spät kennenlernen darf.

Ein weiterer Aspekt seiner Geschichten ist eine große Zahl unterschiedlicher Erzählebenen, die sowohl perspektivisch als auch zeitlich verschieden sind. Das macht die Erzählung abwechslungsreich und spannend, man wird als Leser ständig in neue Perspektiven gesetzt, entdeckt neue Hinweise, die in einer anderen zeitlichen Ebene ein Problem erklären. Dabei sind diese Sprünge immer wohldosiert, gut überlegt und geplant, sodass sie für den Leser nachvollziehbar sind, die Geschichte nicht unschön unterbrechen oder für Verwirrung sorgen, sodass man während des Lesens immer darauf bedacht sein muss, nicht den Faden zu verbummeln und aus den Augen zu verlieren, worum es denn noch vor siebzig Seiten ging.
Schilddorfer, der sich selbst als leidenschaftlicher Archivgänger und -nutzer bezeichnet, kann hier wieder mit einem enorm breit aufgestellten Wissen aufwarten; man merkt ihm seine Freude am Kombinieren an – wenn er in den historischen Quellen eine Ungereimtheit oder ein loses Ende findet, dann nimmt er es auf und knüpft seine Geschichte daran. Und dies macht er so geschickt, dass man als Leser in den Strudel der Geschichte eingesogen wird und sich manchmal wirklich frDas Buch.agen muss, ob das jetzt noch geschichtliche Realität oder schon literarische Fiktion ist.
Ein weiterer Aspekt Schilddorfers Erzählstil ist sein Können, Spannung aufzubauen und auch auf einem hohen Niveau zu halten. Wenn Annemarie Stoltenberg vom NDR über »Falsch« sagt, dass es eine »Geschichte mit atemlosen Tempo« sei, dann kann man das getrost auch für »Heiß« sagen. Atemlos, rasant – das beschreibt die Geschichte recht anschaulich. Und »anschaulich« beschreibt auch Schilddorfers Stil, Momente auf Papier zu bannen und für den Leser zum Leben zu erwecken. Endlich konnte mich eine Geschichte mal wieder dermaßen fesseln, dass ich zeitweise alles um mich herum vergaß und das Gefühl hatte, mit bei Finch im Cockpit zu sitzen und das waghalsige Manöver durch den Hindukusch live und in Farbe mitzuerleben und in Gefahrensituationen mitzufiebern. Selten lässt sich Schilddorfer in seine Karten schauen und viele der Ereignisse kommen überraschend und wirken nicht irgendwie willentlich konstruiert, nur um den Protagonisten möglichst lange leiden zu lassen und so Spannung erzeugen zu müssen.

Zum größten Teil ähnelt »Heiß« von Schreibstil dem Vorgängerband – und wer davon schon begeistert war, dem kann man nur empfehlen, sich auch weiterhin auf Finchs Spuren zu bewegen und ihm zu folgen. Auffällig ist aber, dass Schilddorfer im zweiten Band noch eine gehörige Portion Witz und Ironie mit einfließen lässt. Bedingt durch den Berliner Kommissar Thomas Calis und seinen Charakter kommt hier ein Wortwitz zutage, der einen mehr als einmal herzhaft auflachen lässt. Ja, Calis mit seiner Selbstironie, seinem beißenden Sarkasmus und seinem untrüglichen Spürsinn ist wohl eine der favorisierten Charaktere der Erzählung und ein erfrischenden Wirbelwind im sonst recht ernsten und an manchen Stellen auch tragi-schen Geschehen.

Wer sich von dem fast siebenhundert Seiten starken Buch nicht abschrecken lässt, wird erstaunt sein, in welche Welten einen die Geschichte schon nach wenigen Seiten zieht und dass man Seite um Seite nur so dahinfliegt (wenn man bedenkt, dass sich Finchs Leben zum größten Teil in der Luft abspielt, bekommt dieses Wort geradezu eine neue Bedeutung) und sogar die Zeit vergessen kann. Ja, es ist ein Buch zum Abtauchen und Genießen.
Und wie immer die obligatorische Frage bei Folgebänden: »Muss man den Vorgängerband gelesen haben?« Ich sage: »Ja, sollte man.« Sicherlich ist er so aufgebaut, dass man auch als Quereinsteiger ohne Probleme sich in die Figurenkonstellationen einarbeiten kann und »Heiß« baut auch inhaltlich nur minimal auf dem ersten Band auf, aber beide Geschichten sind zum Teil komplex aufgebaut, sodass es eine Freude ist, auch diese Vorgeschichte zu erfahren.

Weitere Bände (der nächste wird den Titel »Still« tragen) sind in Arbeit, doch werden sie demnächst nicht mehr bei Hoffmann und Campe erscheinen.

Ich danke Hoffmann und Campe für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars, lovelybooks.de für die Ausrichtung dieser enorm spannenden Leserunde und natürlich auch dem Autor Gerd Schilddorfer für seinen unermüdlichen Einsatz, diese Leserunde mit Herzblut zu betreuen und auf jede noch so kleine Frage oder Anmerkung einzugehen.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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