»Kornblumenblau. Ein Fall für Milena Lukin« von Christian Schünemann und Jelena Volić

Eigentlich ist die Professorin Milena Lukin Expertin für Internationales Strafrecht an dem Belgrader Institut für Kriminalistik und Kriminologie und behandelt Mordfälle und dergleichen eher auf theoretischer Basis, während sie versucht, ihr alltägliches Leben in der serbischen Hauptstadt zusammen mit ihrer Mutter Vera und ihrem Sohn Adam zu meistern.

Als ein mysteriöser Todesfall in der Kaserne Topčider an die Öffentlichkeit kommt, in dem zwei Elitesoldaten auf seltsame Weise ums Leben gekommen sind, wird sie von ihrem Bekannten, dem Juristen Siniša Stojković, dazu angehalten, dem auf den Grund zu gehen. Lukin, die Serbin mit deutscher Staatsangehörigkeit ist, wittert einen Mord, nachdem sie das Gutachten der deutschen Ärzte lesen konnte – und diese Annahme widerspricht der offiziellen Aussage von Seiten des serbischen Militärs, von wo aus man von einem Selbstmord der beiden Soldaten ausgeht und das so auch der Öffentlichkeit präsentiert. Milena Lukin beginnt auf eigene Faust, unterstützt von Stojković, zu recherchieren und kommt langsam aber sicher einem Geheimnis von einem Ausmaß auf die Schliche, das sie und ihre Familie bald in Lebensgefahr bringt. Anscheinend schreckt Lukin mit ihren hartnäckigen Nachforschungen höchste Miltärkreise auf, die nun darum bangen müssen, wegen ihres gut gehüteten Geheimnisses angeklagt zu werden. Doch welches Geheimnis ist es, dessentwegen die beiden Soldaten in Topčider umgebracht wurden?

Das Buchcover.

Das Buchcover.

Es ist eine Geschichte um einen realen Kriminalfall. Am 5. Oktober 2004 wurden auf dem Geländer der Kaserne Topčider zwei Soldaten tot aufgefunden, bei denen trotz offizieller Meldungen um einen Selbstmord durch ein Gutachten auf Mord geschlossen wurde. Schünemann und seine serbische Schriftstellerkollegin Volić nehmen diesen Fall auf und entspinnen eine spannende Erzählung mit Namen »Kornblumenblau. Ein Fall für Milena Lukin« (Diogenes) darum. Sie entwerfen ein Gedankenspiel, warum die beiden Soldaten sterben musste – und trotz aller Fiktion bleibt mit dem Wissen um die literarische Basis ein fahler Beigeschmack, der den Leser immer wieder glauben lässt, es hier weniger mit Fiktion denn mit unerbittlicher Realität zu tun zu haben.

Die Protagonistin Milena Lukin bleibt erfreulicherweise eine sehr bodenständige und mit Fehlern behaftete Frau, die versucht, ihren Weg zu gehen und sich dabei sich auch derbe Schnitzer leistet – kurz gesagt: ein Gegenentwurf zum oft in Kriminalromanen auftretenden Über-Ermittler. Die Probleme, die sie in ihrem Leben bewältigen muss und die primär nichts mit dem Mordfall um die Elitesoldaten zu tun haben, werden mit derselben Ernsthaftigkeit thematisiert und ihnen werden angemessene Spielräume gelassen. Das ist zum einen abwechslungsreich und zeichnet ein lebensnaheres Bild aus dem Leben Milenas, die in ihrem Alltag auch eher selten wirklichen Mordfällen derart hautnah nachgehen muss, streckt den Roman allerdings auch und zieht ihn stellenweise in die Länge, was einer durchgehenden Spannung abträglich ist und man manchmal vor lauter Seitengeplänkel ganz den wesentlichen Fall außer Augen lässt.

Wahre Hauptperson, um die sich neben dem Mord aber alles dreht, ist die pulsierende serbische Hauptstadt Belgrad, die in den schillerndsten Farben beschrieben wird. Milena darf auf ihrer Suche wohl sämtliche Ecken der Stadt erkunden – von schäbigen, dunklen Spelunken bis zu feinen Gassen mit ihren noblen Restaurants. Und dabei wird der Weg so bildhaft beschrieben und benannt, dass man mit der Straßenkarte danebensitzen könnte und Milenas Schritte nachvollziehen könnte. Man merkt Volić’ Liebe zum ausschweifenden Erzählen besonders in den Passagen an, wenn über ihre Heimat gesprochen wird (über den Erzählstil der beiden Autoren geben sie in einem Interview selbst Auskunft) – detailliert werden Belgrad und seine Umgebung geschildert, genauso detailliert versucht man in den Schilderungen historischer Zusammenhänge zu sein, die der Leser benötigt, um das Geschehen in der Kaserne  und im Land der Serben verstehen zu können.

Lobend zu erwähnen ist dieser Roman auch deshalb, weil er endlich auch einmal einen neuen Schauplatz für das literarische Genre aufarbeitet: den Balkan, seine turbulente Geschichte und die Gegenwart sowie die Menschen und ihre Sorgen und Nöte in den zum Teil noch arg gebeutelten Ländern. Für mich war gerade der geschichtliche Aspekt und der Dreh- und Angelpunkt des Romans, das Massaker von Srebrenica, eine große Stärke der Erzählung und eine gelungene Hinführung zu weniger populären Kriminalschauplätzen.

Aber die Geschichte dehnt sich. Und an manchen Stellen ist es fast unmöglich, den Gedankengängen und Worten noch mit voller Aufmerksamkeit zu folgen und man verfällt in eine Art des flüchtigen Lesens, wie man es Büchern eigentlich nicht angedeihen lassen möchten. Der Wille, Milena möglichst lebensnah darstellen zu wollen, verführt auch dazu, es ein wenig in Grau verkommen zu lassen, den Alltag zu trist malen zu wollen, selbst wenn der Mordfall ihre Tage mehr als turbulent gestaltet.

Abwechslung bringen da spärlich gesäte Perspektivwechsel zu einer bis zum Ende hin unbekannten Person, die aber auf unerklärliche Weise mit dem Schicksal Milenas verbunden scheint. Das Rätsel um diese Unbekannte ist einer der spannendsten Punkte in »Kornblumenblau«, denn dem Leser wird das elementare Rätsel um den Tod der beiden Elitesoldaten recht schnell auf dem Silbertablett präsentiert und man ahnt auch, dass jedes Puzzlesteinchen in diesem Fall, dass Milena aufdeckt bis hin zum obligatorischen Showdown, zum Fall dazugehören zu scheint. Viel Knobelfreude wird da bei Lesern, die besonders das Mitraten bei Krimis schätzen, nicht aufkommen dürfen.

Dieser Roman ist auch eher eine Möglichkeit, in einem allseits bekannten und beliebten Genre das Land der Serben und deren Geschichte dem Leser näherzubringen. Und das ist ihm gelungen, wenn man besonders auf die Einbettung historischer Begebenheiten achtet und einen schön geschriebenen literarischen Führer durch Belgrad sucht.

Trotz seiner Längen und Schwachstellen ist es eine solide Geschichte und so möchte ich trotzallem Schünemanns und Volić’ Roman »Kornblumenblau« zum Lesen empfehlen. Und wer mehr von der resoluten Serbin erfahren will, darf sich freuen, denn »Kornblumenblau« wird der Auftakt zu einer mehrbändigen Reihe um Milena Lukin sein.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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