»Zeit der Zikaden« von Andreas Séché

Wer kennt ihn nicht, den Zauber der Musik? Die Träume, Wünsche und Erinnerungen, die uns die Klänge, erzeugt aus dem Inneren eines Instrumentes, geben können, der Drang, sich zum Rhythmus der Musik zu bewegen oder einfach mitzusingen.
Und wer kennt nicht die Erzählgewalt, die mit der Musik einhergeht, wenn das Instrument spricht, ohne ein Wort zu sagen.

Selim ist Geigenbauer und Musiker. Er kennt das Geheimnis der Musik, der Noten und Worte. Seine Violine ist sein Sprachrohr, die Noten und Töne die Worte, mit de-nen er den Menschen Geschichten erzählt, sie aufrüttelt und bewegt. Und seine Geschichte erzählt er eines Tages seinem Retter, dem alten Schäfer Ibrahim, der ihn, als er Selim völlig erschöpft am Rande der Wüste Syrakeshs fand, bei sich aufnahm und gesundpflegte.
Selims Geschichte rund um die Magie der M

usik, der Zauber der Geige, die Liebe und das Schicksal der Menschen in seinem Land nimmt nicht nur Ibrahim gefangen. Auch der Leser von Andreas Séchés neuem Buch »Zeit der Zikaden« wird von Beginn an in einen Strudel hineingezogen und liest wie gebannt Seite um Seite.
Séchés Stärke liegt, wie er auch schon in seinen früheren Büchern (allesamt erschienen bei ars vivendi) eindrucksvoll bewiesen hat, in der Sprache. Wortgewaltig, filigran und leichtfüßig wären nur ein paar Adjektive, die das Geflecht aus einzelnen Buchstaben beschreiben. Es ist eine Ästhetik, die der Autor perfekt beherrscht, welche man leider oft nur noch selten findet und die dieses Buch zu einem (Sprach)Kunstwerk machen lassen. Wüsste man nicht, dass es eine Geschichte der Gegenwart ist, so beschleicht einen doch mehr als einmal das Gefühl, mitten in einer Episode aus Tausendundeiner Nacht zu sein. Ein Märchen aus längst vergangenen Zeiten.

(arsvivendi.com)

So entfaltet sich die Erzählung einem Musikstück gleich vor dem Leser und wie ein Musikstück ist es auch aufgebaut. Die einzelnen, zumeist sehr kurzen Kapitel gleichen dem Vortrag eines Konzertes und werden auch dementsprechend benannt. So gibt es Furioso, Doloroso, Desolato und Amabile. So wird die Lebensgeschichte und Erzählung Selims wie ein Konzert aufgezogen, in dem er, seine Mitmenschen sich mit den Worten zu Noten zusammenfügen und ihr Leben gleich dem Auf und Ab, den an- und abschwillenden Tönen, dem Lauten und Leisen in der Musik seinen Gang geht.
Der wahre Protagonist des Buches ist nicht unbedingt, wie man vermuten könnte, Selim oder Ibrahim, sondern es die Musik und die Geige, um die sich alles dreht. Sie verknüpft das Leben und die Schicksale der Menschen untereinander, sie lenkt und leitet alles, weil die Töne in der Lage sind, jede Stofflichkeit durchdringen zu können.

Ähnlich der Noten, die auf der Tonleiter auf- und absteigen, wechselt auch die Erzählung oft Zeit und Raum, springt zwischen den Erinnerungen und Selims Bericht, der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her.
Es ist eine ruhige, nachdenkliche und berührende Geschichte – so herzlich, wie es auch die Gastfreundschaft in Syrakesh war und ist. Es ist aber ebenso eine aufrüh-rende, anklagende Geschichte – ein Mahnung gegen Diktatur und Unterdrückung und eine Stimme für die freie Entfaltung der Menschen. Es ist ein vielfältiges Buch, das man nicht so einfach in die üblichen Genreschubladen stecken kann und möchte, dafür ist es zu individuell und einzigartig. Es bringt dem Leser, auch denen, die wohl eher weniger Zugang zum Wunder der Musik haben, die Liebe zu den Klängen näher, es weckt die Sehnsucht nach fernen Ländern, es bringt den Leser zum Weinen und zum Lachen, zum Träumen und zum Nachdenken. Ganz Séchés Art ist die Geschichte verschachtelt und mit philosophischen Fragen gewürzt. Dieses Buch nur so »nebenbei«, quasi als Entspannungsübung, lesen zu wollen, würde ihm ganz und gar nicht gerecht werden und man würde die vielen Blüten und Knospen im Text nicht erkennen können oder schlichtweg überlesen und könnte sich nicht von ihrem Zauber gefangen nehmen. »Zeit der Zikaden« ist, wie auch die anderen Werke Séchés, kein Buch für nebenbei, sondern eines für »voll und ganz«; eines, für das man sich in unserer hektischen wie auch oberflächlichen Welt einfach Zeit nehmen muss. Es ist wie mit einem Musikstück: man muss es genießen und auf sich wirken lassen können, um auch die leisen, versteckten Töne zu hören, um das zu verstehen, was die Musik zu einem spricht.

Diese Geschichte hat mich im Herzen bewegt und berührt, sie hat mich nachdenklich gestimmt, aber genauso hat sie eine Menge Lebenswillen und Freude vermittelt. Ja, »Zeit der Zikaden« ist eine wahre Perle und ein Buch, dass jede Sekunde, die man mit Lesen zubringt, wert ist und diese Zeit auch wertvoll und genussreich macht.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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