„Kill Order“ von Andrea Gunschera

»Kill Order« – Tötungsbefehl. Der Name ist hier Programm.
Der Russe Nikolaj Fedorow, ein ehemaliges Mitglied der antiisrealischen Kämpfereinheit PLO und Auftragsmörder, hat sich in ein kleines libanesisches Dorf zurückge-zogen und lebt dort seither als Maler. Nach dem Attentat auf den amerikanischen Se-nator mit jüdischen Wurzeln Jonas Levi Rosenfeldt und einer abenteuerlichen Flucht aus Europa, hält er sich vor möglichen Verfolgern versteckt und führt ein zurückge-zogenes Leben.
Bis man ihm eines Tages durch die Verkettung unglücklicher Umstände auf die Schliche kommt. Schon ist Israels Geheimdienst Mossad ihm auf den Fersen und schickt zwei seiner, zu PLO-Zeiten besten Freunde, die nach seinem Verrat aber das Lager wechselten: Rafiq und Carmen. Und dann ist da noch eine zweite Partei, die um Ni-kolajs Leben trachtet und ihn lieber heute als morgen tot sehen würde.
So beginnt eine Verfolgungsjagd aus dem Libanon heraus bis hinein nach Deutsch-land, wo viele Fäden zusammenführen. Denn was geschah wirklich in der Vergan-genheit? Und wem kann man noch trauen?

»Kill Order« ist ein weiteres Werk aus der Feder Andrea Gunscheras, die neben Historienerzählungen wie »Sonnenfänger« oder Fantasyromanen »Engelsbrut« auch Thriller und Krimis wie ebendiesen, im Juni im Sieben Verlag erschienenen, schreibt.
Geboren in der Lausitz, studierte sie Industriedesign und arbeitete einige Jahre in der Werbeindustrie (Computergrafik), ehe sie sich der Schriftstellerei widmete. Sie verbrachte etliche Jahre in München und Los Angeles und unternimmt gerne Reisen durch die Welt, bei denen sie sich Anregungen für ihre Romane holt.

Dabei ist der Roman bereits 2008 unter dem Namen »Das dunkle Fenster« im Sieben Verlag erschienen, wurde aber von der Autorin nochmals von den Grundfesten auf erneuert und erfrischt – und ob sich das gelohnt hat, werdet ihr jetzt erfahren. Der Titel ist auf alle Fälle besser und aufsehenerregender.

Dass hinter der Autorin eine weltgewandte Frau steckt, die sehr gern reist, merkt man dem Roman an, der nie lange an einem Ort verweilt, sondern den Leser auf eine lange Reise quer durch die arabische Landschaft, auf die zyprische Insel bis nach Deutschland nimmt. Auch wenn der Fokus selten auf die Landschaft und die Be-schreibung der Umgebung gelegt wird, so gibt Gunschera oft detaillierte Lagepläne und beschreibt den näheren Umkreis des Geschehens mit wenigen, aber effizienten Worten. Man kauft der Autorin ab, dass sie sich in den Gegenden auskennt und gut recherchierte. Dabei soll weniger die »schöne Landschaft« romantisiert werden, denn ihre Funktion als »Setting« und Kulisse gestärkt werden, die die Gefühle und Gedanken der Figuren unterstreicht und die einer Situation die nötige Atmosphäre verleiht.
Die Autorin zeigt an vielen Stellen ihr Können im szenischen Schreiben, in dem sie die Fantasie des Lesers mit einer sehr bildhaften und blumigen, wie einfachen Spra-che immer wieder befeuert. Dieses Buch gleicht an manchen Stellen einem rasanten Actionfilm in verschriftlichter Form und das macht ihn als Thriller so interessant.
Dieses Buch kann aber nicht nur in der Bildhaftigkeit punkten. Ebenso grandios gestaltet sind die Charaktere. Allesamt ausdifferenziert und mit ihren kleinen persönli-chen Geheimnissen gespickt, die der Leser oft auch nur erraten kann, als dass sie ihm auf einem Silbertablett präsentiert werden. Das macht sie undurchsichtig und hält das Interesse an ihnen bis zum Schluss aufrecht. Eine Personenpsychologie wird bei den meisten (Hauptpersonen) glaubhaft entwickelt und sie agieren alle durch ernst-zunehmende Motive ohne dabei weltfremd oder überdreht zu wirken.

Auch die Handlung kann bis zum Schluss überzeugen und es ist bemerkenswert, mit welcher Souveränität Gunschera ein so politisch brisantes Thema aufgreift. Erst nach und nach wird ein Puzzlestück nach dem anderen deutlich, Identitäten werden stück-chenweise aufgedeckt, ohne dass die Spannung überdehnt wird oder nachlässt. Aus vielen Fäden wird ein dichtes Netz gewoben, das sich durchaus als haltbar erweist und den Leser gefangen nimmt.
Das Talent der Autorin, Kampfsituationen sehr bildhaft zu schildern und die Momen-te der Flucht in einem atemberaubenden Tempo zu erzählen, halten den Leser Seite um Seite bei der Geschichte, denn sie ist, auch wenn man es dem Buch, dass sehr schmal daher kommt, nicht ansieht, lang.
Rasche Perspektivwechsel – meist noch zu den selben Erzählmomenten – machen die Erzählung facettenreich und tragen maßgeblich zur Personenkonstruktion bei, in dem man nicht eine fixe Hauptperson hat, um die sich alles dreht, sondern jedem wichtigen Akteur eine eigene Sichtweise der Dinge zuteil wird. Das ist sicherlich nicht neu, hier aber großartig um- und ich Szene gesetzt. Dieses Detail unterstreicht auch noch die filmische Wirkung, die der Roman auf den Leser auswirkt. Wir rasche Schnitte kommen diese Perspektivwechsel daher.

Dieser Roman wirkt oft auch sehr dialoglastig, was Leser, die eher eine ausgewogene Mischung aus Sprachteilem und beschreibender Erzählung gewohnt sind, anfänglich verwirren oder gar langweilen kann. Aber gerade dieser Stil, gepaart mit den schon erwähnten Perspektivewechseln sorgt, wenn man sich darauf einlässt, für eine wun-derbare Erzählkulisse, die ich an diesem Roman so loben kann.

Einziger Wermutstropfen bei diesem Buch waren so einige Fehler, die das Korrekto-rat wohl übersehen hatte und die mir während der Lektüre negativ ins Auge stachen.
Sonst ist dieser Roman aber von Anfang bis Ende überzeugend und wird dem Prädikat »Thriller« in jeder Hinsicht vollauf gerecht. Geschichte, Charaktere, Erzählstil und Atmosphäre harmonieren und spielen sich gegenseitig den Ball zu. Diese Ge-schichte einfach schnell runterlesen, ist hier nicht möglich, aber sie ist fesselnd und lässt sich durchaus rasch und zügig lesen. Sie bietet genügend Spannungsmaterial und steckt voller Überraschungen, entfernt sich auch immer wieder von beliebten Klischees des Genres.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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3 Kommentare zu “„Kill Order“ von Andrea Gunschera

    • Er ist eher ein Wegläufer ^^. Ein paar Statisten hier und da segnen das Zeitliche, aber wenn du ein wirklich ein, ich nenne es mal in Ermangelung eines besseren Begriffes »Killerbuch« suchst, bist du hier eher falsch. Die Bücher des Verlages weisen zwar ein beachtlichen Sammelsurium unterschiedlichster Waffen auf, aber das war dann schon alles. Wenn mir aber ein Büchelchen, wie du es zu suchen scheinst, über den Weg sich blättern wird, gebe ich dir Bescheid 🙂

      • Das wäre wirklich sehr lieb von Dir!
        Danke schööön! 🙂
        Ich suche eben immer was außergewöhnliches 🙂
        Irgendwie ist jedes Buch ein Wegläufer Buch 😉
        Z.b. Bourne Indentität, der ist andauernd weggelaufen.
        Noch viel Spaß beim Lesen und wünsch mir Glück, dass Du ein Buch für mich findest 🙂
        Liebe Grüße, Gregor

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