„Warum fragt uns denn keiner? Was in der Schule falsch läuft“ von Melda Akbaş

Seit Jahren wird nun schon am deutschen Bildungssystem herumgedoktert, Reform folgt auf Reform, zahlreiche Bildungsgipfel werden einberufen – und trotzdem scheint sich nichts zu verbes­sern. Schulen werden nicht erneuert, Schüler und Lehrer sind demotiviert und frustriert.

Doch woran liegt es? Wie kann man den Zustand optimieren und die Standards heben? Und wem muss wirklich Mitspracherecht in der Debatte um die Bildung eingeräumt wer­den?

(randomhouse.de)

Melda Akbaş, mit türkischen Wurzeln, geboren 1991 in Berlin, verbrachte selbst ihre Schulzeit an diversen Berliner Schulen, erwarb 2010 ihr Abitur an der Robert-Koch-Oberschule in Berlin-Kreuzberg und studiert mittlerweile an der Hamburger Universität Jura. Mit »Warum fragt uns denn keiner? Was in der Schule falsch läuft« (C. Bertelsmann, 2013) legt sie bereits ihre zweite Publikation vor, in der sie sich mit solchen aktuellen Fragen befasst.

Diesmal versucht sie unser Schulsystem zu analysieren. Als Schulsprecherin engagierte sie sich im Berliner Bezirks- und Landesschülerausschuss und bekam so auch schon als Schü­lerin Einblicke in die Arbeit am Bildungssystem. In ihrem neuen Buch betreibt sie Ursa­chenforschung, wo es am Bildungssystem Deutschlands krankt, versucht Lösungsvorschlä­ge zu geben und Schüler in ihrer Macht und im Mitspracherecht zu stärken. Denn sie ruft ganz offen: »Warum fragt uns, die Schüler, denn keiner?«

Denn sie ist davon überzeugt: würde man den Akteuren der Bildung wirklich Gehör schen­ken, dann könnte man viel mehr erreichen. Und diese Akteure, denen Akbaş Entschei­dungskompetenzen einräumen will, sind die Schüler. In ihnen sieht sie die Macht, wirklich etwas zu bewegen. Doch zu oft würde diese Macht beschnitten und behindert werden. In zahlreichen Kapiteln lässt sie Schüler und Schülerinnen aus verschiedenen Bundesländern zu Wort kommen, berichtet aus ihrem Schulleben und analysiert verschiedene Schulfor­men, wobei sie trotzallem zu stark ihr Augenmerk auf das Gymnasium lenkt – wohl aus dem Grunde, weil sie selbst auf einem Gymnasium war.

Die verschiedenen »Augenzeugenberichte« machen dabei das Buch sehr unterhaltsam und bunt. Anders als viele theoretische, trockene Berichte über die Bildungsmisere sammelt Akbaş zur Unterstützung ihres Aufrufs Stimmen von den Schülern. Auch Bildungsbeauf­tragte, wie Lehrer oder Schulprüfer kommen dabei zu Wort. Man merkt der Autorin durchaus an, dass sie versucht, jegliche Einseitigkeit in ihrer Argumentation zu verhindern, indem sie nicht nur Schüler in ihrem Frust auf Schule und Lehrer zu Wort kommen lässt, sondern auch die Gegenpartei sprechen lässt.

Diese Herangehensweise ist durchaus gut und glaubhaft, um sich nicht dem Vorwurf aussetzen zu müssen, man würde einfach einseitig und beharrlich den eigenen Standpunkt durchsetzen wollen – frei nach dem Motto: Schule ist doof und die armen Schüler müssen es ausbaden – allerdings verliert sich so Akbaş Argumentation auch oft in verschwommenen Standpunkten. Sie bemüht sich um Klarheit, doch schon allein ihre Gespräche mit Schülern aus ganz Deutschland machen dem Leser bewusst: wie soll ein einheitlicher Wandel funktionieren, wenn sich noch nicht einmal die Schüler einig sind, was sie wollen? Die einen kommen mit der Schule klar, die anderen finden Gruppenarbeit nervig, wieder andere können dem Frontalunterricht nicht folgen. Und man wird nie alle unter einen Hut bekommen.

Trotzallem bemüht sich die Autorin um klare Lösungsvorschläge, die sie im Buch langsam entwickelt und häppchenweise in Kapiteln gliedert. Allerdings verliert man durch das rasche Hin- und Herspringen zwischen den Gesprächen der Autorin mit anderen Schülern (auch verschiedener Länder) und Lehrkräften, ihren eigenen Erinnerungen und Kritikpunkten und der Analyse des Schulsystems schnell den Überblick.

Um dem Leser nochmals ihre Ideen vorzustellen, gibt sie zum Abschluss eine Sammlung ihrer Änderungsvorschläge, sodass man sich nochmal ein Bild darüber machen kann.

Trotz dass sich Melda Akbaş bemüht, klare Standpunkte zu formulieren, bleibt doch immer der fade Beigeschmack des Relativen und Allgemeinen. Vieles wird relativiert, abgeschwächt und einfach nur eingeworfen. Die Autorin ist bemüht, trotz der erschwerten Vorbedingungen (siehe Förderalismus, den sie oft erwähnt) es allen recht zu machen und eine Lösung zu formulieren, die nichts über’s Knie bricht und nahezu unausführbar ist, und das ist zu loben.

Man spürt beim Lesen ihr Engagement, wenn sie sich mit Herzblut für Abschaffung der Ehrenrunde, Open-Book-Klausuren, Immigrantenquote, Sanierung der Schulen und Mitsprachrecht für Schüler einsetzt. Und nicht selten passiert es auch, dass man sich von ihrer Begeisterung mitreißen lässt. Ich denke, gerade viele Schüler oder junge Menschen, die erst vor einiger Zeit von der Schule abgegangen sind, werden viele der aufgezeigten Missstände hier wiedererkennen und ausrufen: »Genau so war es bei mir auch!«

Und wahrscheinlich wird sie damit auch ihr Ziel erreichen, und Schüler, die in sich schon immer eine engagierte Ader spürten und an dem derzeit wirklich desolaten Zustand der Bildung etwas ändern wollen, dazu motivieren, wirklich aktiv zu werden, um ihr Mitspracherecht geltend zu machen. Damit sie endlich mal jemand fragt.

So bleibt mir zum Abschluss zu sagen, dass man mit »Warum fragt uns denn keiner?« ein Buch in die Hand bekommt, das mit sehr viel Herzblut geschrieben ward, das versucht, inhaltlich und sprachlich nah an den Menschen zu sein, die es betrifft: nämlich die Jugend Deutschlands. Ungehört werden Akbaş‘ Rufe nicht verhallen, aber ich denke, es wird noch einiges an Zeit brauchen, bis man beginnt, wirklich an den Quellen zu schrauben und nicht nur Probleme zu übertünchen.

Das Buch ist kurzweilig und flüssig lesbar, es ist eine klare Gedankenführung erkennbar. Allerdings hätten weniger Zitate von »Freunden von Freunden befreundeter Schüler« manchmal der Gedankenführung besser getan, auch wenn Akbaş so versuchte, glaubhaft ihre Thesen zu untermauern. Ein »Originalzitat« wirkt nun mal besser und authentischer. Und ob es schlussendlich wirklich die richtigen Leute erreichen wird oder doch eher ungehört verhallen wird, bleibt abzuwarten. Eines ist auf alle Fälle sicher: am Schulsystem wird auch die nächsten Jahre noch geflickt und verschlimmbessert werden.

So kann ich das Buch trotz aller ein paar Schwächen empfehlen.

Ich danke dem C. Bertelsmann Verlag (Gruppe Randomhouse) für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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