„Der Würger von Düsseldorf“ von Hanno Parmentier

»Elsie! Elsie!« Wer Fritz Langs Meisterwerk »M – Eine Stadt sucht einen Mörder« vom Beginn des Tonfilmzeitalters sah, kann sich diese beklemmende Szene sicherlich noch bildhaft vorstellen.

Dass dieser Film von den bis dahin ungeklärten Morden des Serienmörder Peter Kürtens, der 1929/30 in Düsseldorf scheinbar wahllos Menschen erdrosselte, inspiert wurde, wissen dagegen nur wenige. Viel ist davon im Film auch nicht mehr erkennbar. Aber trotzallem ist die Faszination um den »Vampir von Düsseldorf« ungebrochen. Ein Mann, der die Menschen der Weimarer Republik ebenso in Angst und Schrecken versetzte, wie der seinerzeit nicht minder bekannte Fritz Haarmann. Die Presse im In- und Ausland interessierte sich für die Taten in Düsseldorf und verfolgte Kürtens Prozess im Jahr 1930.

Dabei ist das Kapitel um den unscheinbar wirkenden Mann noch lange nicht zur Gänze aufgearbeitet – immer wieder entdeckt man dunkle, ungeklärte Ecken, die man gern erhellen möchte.

 

Einen kleinen Versuch unternimmt mit dem kürzlich im Sutton-Verlag erschienen Sachbuch »Der Würger von Düsseldorf. Leben und Taten des Serienmörders Peter Kürten« der Journalist und Historiker Hanno Parmentier.

(suttonverlag.de)

 

Das gerade mal 190 Seiten starke Taschenbuch kann dabei dem Leser selbstverständlich nur einen oberflächlichen Eindruck in die Causa Kürten geben, aber dessen Anspruch ist es auch nicht, eine umfassende Biographie des Mörders zu liefern, sondern wichtige Stationen seiner Jugend und des Düsseldorfer Lebens nachzuzeichnen. Dabei sollen die Opfer nicht aus dem Fokus verloren werden. Im Gegenteil: Parmentier versucht das Leben der Opfer – zumeist junge Frauen, die mittelos oder auf der Suche nach dem Glück waren – vor dem Anschlag nachzuvollziehen und in das Bild um Kürtens anzuordnen. Dabei werden wahlweise die prägnantesten Morde und Mordversuche, wie an der jungen Maria Wiethaupt, dem Kinde Rosa Ohlinger oder dem Maschinisten Rudolf Scheer, detailliert und zum Teil fast minutiös nachverfolgt.

»Meine Absicht war es, das Leben und die Taten des Serienmörders aus ihrer Ortlosigkeit herauszuholen […]«, so beschreibt der Autor im Vorwort eine seiner Ziele, die er mit dem Buch verfolgen will. Und das gelingt ihm auch durchaus sehr gut. Für Ortsunkundige findet sich neben reichlicher Bebilderung im Anhang ein verkleinerter Nachdruck einer Flurkarte der Zeit, in der die wichtigsten, im Buch besprochene Stationen Kürtens verzeichnet sind. So geht Parmentier mit dem Leser immer ein stückweit durch die Stadt Düsseldorf der 20er Jahre und sagt immer wieder gern, welche Gebäude sich jetzt an den beschriebenen Stellen stehen – eine Zeitreise, in der man, besonders als Ortskundiger, immer wieder zwischen 1929 und heute hin und herspringt und sich durchaus das eine odere andere Mal sagt: »Ach, das steht dort? Da gehe ich ja immer einkaufen!«

Dieses Buch besticht vorallem durch seine lebendigen Ortsberschreibungen, die durchaus einem Streifzug, an die Fersen Kürtens geheftet, gleichkommt. Stellenweise, und auch das erklärte Parmentier in seinem Vorwort, fühlte man sich hier eher wie in einem Krimi, wohlwissend, dass es doch alles wirklich passtiert ist. Besonders schön ist es, dass der Autor sich der Originalprotokolle und Polizeiberichte bediente, die er wortgetreu – sprich, ohne Orthografie, Grammatik oder Fehler zu bügeln – in den Text einfließen ließ, wodurch eine faszinierende Authentizität, gepaart mir romanhafter Erzählweise, entsteht. Leider ist die Gratwanderung zwischen sachlicher Schilderung und romantischer Erzählung nicht immer ganz geglückt, wenn man bespielsweise Formulierungen wie »unser Serienmörder« liest. Zum Glück halten sich solche Stilblüten und Missgriffe in der Sprache in Grenzen.

 

Das Thema wurde hier sehr gut aufgearbeitet, auch wenn es Berichte gibt, die, unterlegt mit dem nüchternen Polizeibericht, sehr an die Nieren gehen. Auch wenn man darauf verzichtete, den Illustrationen, die für dieses Buch schon recht reichhaltig ausfallen, noch Bilder von den Leichen oder Obduktionsberichten hinzuzufügen, ist es meist schon genug, überhaupt über die Tat an sich zu lesen und man wird ab und an die Luft anhalten oder stark schlucken müssen.

Für zarte Gemüter, die »einfach mal so ein Buch lesen wollen«, ist das hier eindeutig nichts, auch wenn es trotzallem nur an der Oberfläche gräbt.

 

Dieses Buch lässt sich, wenn man sich von der Erzählung um den Serienmörder mitreißen lässt, sehr schnell und fließend lesen. Ja, es fesselt einen gerade zu, lässt immer wieder in Kürtens Seele blicken, auch wenn man nie ergründen wird, was ihn wirklich getrieben hat.

Eine Stärke des Buches, die zugleich auch eine Schwäche darstellt, ist die nur bedingt chronologische Erzählweise. Wie zu Anfang gesagt: »Der Würger von Düsseldorf« will keine Biographie sein. Dementsprechend springt die Erzählung auch manchmal rapide zwischen den einzelnen Lebensetappen Kürtens hin und her. Das kann schnell verwirrend und für den einen oder anderen Leser, der Jahreszahlen lieber chronologisch abgearbeitet haben will, auch anstrengend und frustrierend sein. Hier aber lockert diese Art der Aufarbeitung aber durchaus auf und illustriert das Leben Kürtens wie auch seiner Opfer idealer.

 

Auch die Aufteilung der Kapitel ist in meinen Augen seht gut gewählt und umfasst ein breites Spektrum an Themen. So wird neben den Streifzügen Kürtens durch sein »Revier« und die Schilderung der Morde auch das Leben der Opfer, die einen Angriff des Rheinländers überlebten, geschildert; der Polizeiarbeit und dem nachfolgende Prozess mit der Hinrichtung werden ebenso Beachtung geschenkt, wie auch der Frage, was aus Kürtens Frau, Auguste Kürten, wurde. Die Dokumente, tabellarischen Zusammenstellungen aller (bekannter Opfer), Kartenmaterial und Trankriptionen wichtiger Schriftstücke (die zumeist als Faksimileabdruck im Buch abgebildet sind) im Anhang runden das Buch insgesamt gut ab.

Durch das recht breite Spektrum an Fragen, die auf, ich möchte sagen, kleinstem Raum behandelt werden, bleibt selbstverständlich nicht viel Platz für tiefgehende Analysen oder ins Detail gehende Betrachtungen. Das ist hier sehr bedauerlich, aber man kann nicht alles haben. Und man sollte sich immer wieder daran erinnern: »Der Würger von Düsseldorf« ist ein Sach- und kein Fachbuch.

 

Dieses Buch möchte ich jedem wärmstens empfehlen, der sich für die Geschichte der Weimarer Republik inte

ressiert, für das Leben in der Zeit, aber selbstverständlich auch all jenen, die sich mit dem Fall Kürtens befassen wollen. Parmentier liefert hier einen guten, interessanten Einstieg in die Thematik, die interesseweckend und hochspannend ist.

Oder auch für all die Krimileser, die eine fesselnde Geschichte lesen wollen. Doch man sollte hier nie vergessen, dass sie wahr ist.
Und noch eines wird bei der Lektüre und beim Betrachten der Bilder, die wirklich gut gewählt wurden, deutlich: das Böse ist banal. Es trägt das Gesicht eines unbescholtenen Bürgers.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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2 Kommentare zu “„Der Würger von Düsseldorf“ von Hanno Parmentier

  1. Pingback: wandern mit dem würger | snx

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