„Rosendorfer muss dran glauben“ von Rüdiger Bertram

Was wäre, wenn die Geschichten, die du dir ausdenkst, plötzlich wahr werden würden? Welche Gefahren kann die Fantasie eines Einzelnen auf seine Umwelt haben? Wo hört Fiktion auf und wo fängt die Wirklichkeit an?

Dass der junge Moritz Rosendorfer sich einmal diese Fragen stellen muss, hätte er selbst wohl am wenigsten geglaubt.

Der schlägt sich in kleinen Bars durch, um dort seinen selbstgeschriebenen Kurzgeschichten zu präsentieren und auf den Durchbruch als anerkannter Schriftsteller zu hoffen. Seine Freundin Anne versucht ihn immer wieder bei seinen Versuchen zu unterstützen, aber dabei auch vor Enttäuschungen zu bewahren. An einem Abend, an dem Moritz wieder in einer kleinen Kneipe einen literarischen Auftritt hat, scheint sein Traum endlich in Erfüllung zu gehen, als der Verleger Thomas Hobbe, der den Hypothesen-Verlag leitet, auf ihn zukommt und seine Geschichten als neue Urban Legends ins Verlagsprogramm aufnehmen will. Dass der Verlag bisher noch keine Bücher verkaufte, scheint Moritz dabei nicht stutzig zu machen. Und dass Hobbe trotz allem mit Geld nur so um sich wirft, noch weniger. Moritz gefällt sich in der Rolle des aufstrebenden Nachwuchsschriftstellers mit den gruseligen Geschichten, die doch so wahr sein könnten, weil es dem Freund eines Freundes passiert ist.

Als dann seine Geschichten doch wahr zu werden scheinen, beginnt für Moritz ein Wettlauf mit der Zeit, um Menschenleben retten zu können. Dass seine Fantasie von jemandem in die grausame Realität umgesetzt worden ist, daran muss Rosendorfer nun glauben.

(www.oetinger.de)

Vor kurzem erschien Rüdiger Bertrams neuer Jugendroman »Rosendorfer muss dran glauben« im Friedrich Oetinger Verlag. Dabei ist dieser Roman durchaus als Thriller ausgeschrieben, aber wirkliche Thrillelemente, die vollständig ausgebaut werden, wird der Leser nicht finden. Eher gleicht die Geschichte einem Kriminalfall, in dem der junge Held versucht, dem Mörder auf die Schliche  kommen muss, um größeres Unheil zu verhindern. Das wirklich Spannende sind hier aber nicht Moritz’ Geschichten und die Morde darum, sondern die Erzählperspektive, die hier durchaus zum Erfolg der Geschichte beiträgt. Der »mysteriöse Erzähler« aus dessen subjektiver Perspektive alles erzählt wird, ist der Geschichte weit zuträglicher, als es ein auktorialer oder personaler Erzähler in Form eines bekannten Freundes oder aus Moritz’ Perspektive hätte sein können. Bertram gelingt es auch, die Identität des Erzählers bis zum Schluss geheim zu halten und man fragt sich unentwegt: ist es ein Freund Moritz’, ist es der Mörder oder vielleicht jemand einer anderen interessierten Partei, die sich um Moritz’ Schreibtalent reißt?

Für einen Jugendroman finden sich hier durchaus auch Themen angesprochen, die interessieren und mit denen sich der Leser identifizieren kann: Erfolgsdruck eines strebsamen jungen Mannes, der aber auch mit familiären Spannungen zu kämpfen hat und im Laufe der Geschichte seine Beziehung zu seiner Freundin Anne und seinen Charakter überdenken muss, um schlussendlich zu einer Lösung finden zu können. Allerdings sind diese Aspekte oftmals oberflächlich abgehandelt, werden so en passant neben dem Kriminalfall besprochen und sorgen nur bedingt für Unterstützung der Spannung. Es scheint manchmal, als versuche man aus altbewährten Konzepten eines (Jugend-/Kriminal-)Romans diese Geschichte zusammenzustellen, ohne dabei wirklich auf die Personen einzugehen. Und da offenbart sich auch eine weitere Schwachstelle: farblose Charaktere. Men versteht Moritz’ Kampf um Anerkennung und Aufstreben als Schriftsteller – das war es dann allerdings auch schon. Oftmals verhält er sich kopflos und reagiert unüberlegt. Da kommt Anne als beruhigender Part doch ganz gut beim Leser an, auch wenn ihre Rolle in dem Spiel recht schnell klar wird. Auch bleiben viele Fragen um die Personen offen, man kann sich besonders die Hauptpersonen nur schwer bildlich vorstellen und so eine Art »Kopfkino« beim Lesen generieren, was ich besonders bei Jugendliteratur für essentiell halte. Man erfährt bedeutend wenig über die wichtigsten Personen und das ist der Geschichte sehr abträglich.

Auch fragt man sich beim Lesen oftmals, was da nun an Moritz urbanen Legenden, den Geschichten um eine Schlange in der Handtasche aus einem asiatischen Land wirklich so beängstigend sein soll, dass es den Zuhörern eiskalt den Rücken runterlaufen soll. Da wäre noch viel Potential für wirkliche gruselige Geschichten gewesen, die dieses Buch vielleicht auch aus sich heraus hätte schaffen können. So entlockt es dem Leser eher ein müdes Lächeln: er nimmt es zur Kenntnis, doch ein Schock – oder eine Lehre, wie es sich so manche Person in der Geschichte wünscht – kann daraus nicht gezogen werden.

So verschenkt dieser Roman leider einiges an Potential; sowohl in der Personencharakterisierung als auch in der Spannung und in der Erzählung. Einzig beim Showdown, als endlich auch der Erzähler in Aktion tritt und in das turbulente Geschehen eingreift, wird eine kleine Spannungsspitze erreicht. Aber das ist weniger der Geschichte an sich, denn viel mehr der Sympathisierung mit dem Erzähler zu verdanken.

So ist »Rosendorfer muss dran glauben« ein kurzweiliger Jugendroman, der bei der Zielgruppe durchaus Anklang finden dürfte, aber einen wirklichen Jubelschrei wird er bedauerlicherweise nicht auslösen können. So interessant die Geschichte auch sein mag und so unkoventionell und spannend die Erzählperspektive ist, das Potential, daraus einen wirklichen Thriller zu machen, ist verschenkt.

Aber für einen Tag Lesevergnügen reicht es, denn man verschlingt den Roman regelrecht, denn eingängig und flüssig ist er geschrieben. Und da macht es Spaß, sich einen warmen Sommerabend damit zu vertreiben.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai.

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